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Die zählebige Zuneigung zum Plan

Wenn gezeigt wird, dass spontane Ordnung besser ist als Planung, sind Menschen bereit, ihre Meinung über vermutete Vorteile zentralisierter Entscheide zu revidieren. Ein Kommentar von Victoria Curzon Price.

Victoria Curzon Price
«Liberale wissen nur zu gut, dass ihre Ideale nur von einer winzigen Minderheit geteilt werden.»

Es ist eine «erstaunliche Tatsache (…), dass eine ohne Entwurf entstandene Ordnung bei weitem die Pläne übertreffen kann, die Menschen bewusst ersinnen», schreibt Friedrich August von Hayek in «Die verhängnisvolle Anmassung: Die Irrtümer des Sozialismus» (1988).

Diese «erstaunliche Tatsache» – dass also eine spontane Ordnung der rationalen Planung überlegen ist – sei nicht Ansichtssache, sondern ein empirisch belegbarer Fakt.

In der Tat würde heute kaum jemand dieser Aussage widersprechen, wenn es, ganz allgemein, um Wirtschaft geht: Das Experiment Planwirtschaft in der Sowjetunion dient als düstere Warnung, was herauskommt, wenn man die Geschicke der Wirtschaft in die Hände einiger weniger allwissender, wohlmeinender Menschen legt.

Wie kommt es also, dass so viele Menschen – oft dieselben, die die Überlegenheit der spontanen Marktordnung anerkennen – der Meinung sind, essenzielle Bereiche wie Krankenversicherung, Bildung, Altersfürsorge usw. seien zu wichtig, als dass man sie dem Markt überlassen könnte?

Dies impliziert, dass der Markt nur für Belanglosigkeiten wie etwa Kinotickets recht ist, in wirklich wichtigen Angelegenheiten hingegen ein vorbedachter Plan das Marktversagen korrigieren sollte.

Ebenso erstaunlich ist es, dass die Menschen auch weiterhin an die Leistungsfähigkeit solcher vorbedachten Pläne glauben, allen Gegenbeweisen zum Trotz.

Das Gleiche gilt für die Politik. Warum lehnen zentralistisch orientierte Länder wie Spanien oder Italien den Föderalismus als Antwort auf lokale nationalistische Tendenzen ab? Warum unterstützen so viele Wirtschaftsakteure das Vorhaben der EU, die Unternehmenssteuern europaweit zu harmonisieren?

Warum bedauern so viele, dass die EU es nicht geschafft hat, das Sozialversicherungswesen zu vereinheitlichen? Warum hat die EU ein breites politisches Mandat, einheitliche Geschäftsstandards und Regulierungen für den gesamten Kontinent einzuführen?

Mehr Menschen verwerten mehr Wissen

Weil die Menschen tatsächlich an eine auf einem vorbedachten Plan basierende Ordnungsstruktur glauben – und je grösser sie ist, desto besser. Sie sehnen sich nach einem möglichst gross angelegten «Level Playing Field», nach gleichen Wettbewerbsbedingungen über ein möglichst grosses Gebiet hinweg, sie träumen von einer Welt ohne «unfairen Wettbewerb» (weil Wettbewerb stets «unfair» ist, wenn die Bedingungen nicht gleich sind).

Sie meinen, sie könnten von den enormen Vorteilen kompetitiver Märkte (Stichwort: Effizienz) profitieren – ohne sich dem Stress des Wettbewerbs aussetzen zu müssen. Nur: Wo alles harmonisiert worden ist, ist kein Wettbewerb mehr möglich.

Warum ist eine spontane Ordnung denn so effizient? Kurzum: Eine Vielzahl von Individuen, die in ihrem eigenen Interesse agieren, auf Basis der ihnen zur Verfügung stehenden Kenntnisse – wie unvollkommen diese auch sein mögen –, verarbeitet insgesamt viel mehr an Informationen als eine zwangläufig kleine, wenn auch wohlmeinende Gruppe, an die die Entscheidungsfindung delegiert worden ist.

Das ist eine der Hauptaussagen von Hayeks berühmtem Artikel «Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft» («American Economic Review», 1945). Wettbewerb ist nötig, um die – unausweichlichen – Fehler auszumerzen und «richtige» Entscheidungen (sprich: die erwünschten Resultate) zu fördern. Nur Wettbewerb erlaubt, den Unterschied zwischen besseren und schlechteren Entscheidungen zu erkennen.

Da greift der Darwin’sche Prozess der natürlichen Auslese. Betrachten wir unser Umfeld nur aufmerksam genug, begegnen wir der natürlichen Auslese auf Schritt und Tritt – und sie braucht mit Sicherheit kein «Level Playing Field», um ihre Wirkung zu entfalten.

Entscheidungen einer kleinen Gruppe, die im Auftrag handelt, sind eine ganz andere Sache. Das Oberhaupt einer Familie, eines Unternehmens, eines Staates wird stets weniger Informationen verarbeiten, als in der Einheit, die seine Entscheidung betrifft, insgesamt vorhanden sind.

Sind die Einheiten klein, wird ein kompetenter Entscheidungsträger ausreichend informiert sein, um nicht allzu viele Fehler zu machen, und der Wettbewerb durch andere kleine Einheiten sorgt für genug Druck, dass sich eine natürliche Auslese richtiger Entscheidungen durchsetzt.

Je grösser die Einheit, desto weniger effizient werden die Entscheidungen – noch weniger Menschen treffen Entscheidungen für eine noch grössere Gruppe – und desto schwächer der Wettbewerbsdruck.

Grosse Unternehmen, Oligopole, Monopole und, erst recht, Staaten kommen nicht darum herum, dass ihre unvermeidlich autoritäre Struktur die Grenzleistung vermindert. Auf lange Frist betrachtet sind sie deshalb, in eigenem Interesse, gut beraten, eine dezentralisierte, föderalistische Struktur zu etablieren.

Das Erbteil aus der Horde

Liberale wissen nur zu gut, dass ihre Ideale nur von einer winzigen Minderheit geteilt werden. Wenn Hayek mit seiner Behauptung recht hat, es sei ein belegbarer Fakt, nicht bloss Ansichtssache, dass spontane, dezentralisierte Entscheidungsfindung dem vorbedachten Plan weit überlegen ist – warum stellt sich die öffentliche Meinung denn so leichtsinnig auf die Seite der Planer und Zentralisierer und schenkt der liberalen Alternative so wenig Vertrauen?

Hayek erklärt dieses Paradoxon wie folgt: Für unsere Vorfahren, als Jäger und Sammler in umherziehenden Kleingruppen, waren Solidarität und Altruismus überlebensentscheidend. Individuelle Eigentumsrechte, wie sie in der modernen Zeit essenziell sind, kamen gerade erst in den letzten zwei-, dreihundert Jahren auf – und auch das nur in unserem kleinen Teil der Welt.

Sie führten zu zahlreichen wissenschaftlichen Entdeckungen und Fortschritt, was sich rasch in der Welt verbreitete, weil die Menschen die Resultate dieser Entwicklung als angenehm empfinden (man denke etwa an fliessendes Wasser, sanitäre Einrichtungen, die warme Dusche, genug zu essen, Gesundheitsversorgung usw.).

Doch mit dem tief verwurzelten kollektiven Wert der Solidarität können die freiheitlichen Ideale – individuelles Eigentum, Freiheit, Verantwortung – es nicht aufnehmen.

«Wir haben unser Erbteil aus der Horde, in der jeder jeden kennt, nicht abgelegt», schreibt Hayek in «Die verhängnisvolle Anmassung». Seiner subtilen Argumentation ist in einem kurzen Artikel kaum gerecht zu werden.

Im Wesentlichen lautet sie wie folgt: Die Menschen begreifen nicht, worauf ihr Wohlstand gründet; mehr noch, sie verspüren einen Widerwillen gegen Werte wie persönliche Eigentumsrechte, Freiheit und Verantwortung, die der Kern einer erfolgreichen modernen Gesellschaft sind, und betrachten die kollektiven Ideale von Altruismus und Solidarität als moralisch überlegen.

Autoritarismus ist der Standard

In seinem nachdenklichen, pessimistischen Essay «The Rise and Demise of the Individual» (Wheatmark Publishing, 2017) schreibt Daniel Wagnière von einer «bedauerlichen Transformation» des Regierungswesens, die die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen einschränke und ihn systematisch der Verantwortung enthebe.

Er führt mehrere Gründe auf, betont aber vor allem den Glauben, dass politische Entscheidungen die autonome Entscheidung des Individuums ersetzen können, und die Überzeugung, für jedes Problem gebe es eine formale, zentralisierte Lösung.

Demokratien leiden zudem, so Wagnière, unter zeitlicher Inkonsistenz: Es gibt keine Möglichkeit, verheerende Resultate mit vor langer Zeit getroffenen uninformierten politischen Entscheidungen in Zusammenhang zu setzen.

Ich möchte ein weiteres Argument anführen, auch wenn es vielleicht fast zu offensichtlich ist, um erwähnt zu werden: Autoritarismus ist für den Menschen der Standard.

Alle in der Geschichte bekannten Zivilisationen basierten auf irgendeiner Form von Diktatur, mit wenig oder keiner Freiheit für die meisten Menschen – mit Ausnahme, jüngeren Datums, einiger Gesellschaften in Westeuropa.

Wie sollten wir also überrascht sein, dass Menschen sich scheuen, Verantwortung zu übernehmen, der Freiheit misstrauen und es vorziehen, dass «die Führung» Probleme für sie löst? Nicht nur Hayeks Beispiel der «Horde» vor Hunderttausenden Jahren, auch die letzten zehntausend Jahre aufgezeichneter Geschichte zeigen: Die Knechtschaft ist tief in uns verankert.

Globalisierung bremst Kollektivisten

Doch es besteht Hoffnung. Zeigt man ihnen die «erstaunliche Tatsache (…), dass eine ohne Entwurf entstandene Ordnung bei weitem die Pläne übertreffen kann, die Menschen bewusst ersinnen», sind die meisten denkenden Menschen gewillt, ihre Meinung über die vermeintlichen Vorteile zentralisierter Entscheidungsfindung zu revidieren.

Sie haben sie bisher bloss noch nie aus dieser Warte betrachtet. Bildung kann deshalb helfen, den Prozess zu beschleunigen, in dem die natürliche Auslese auf lange Sicht nach und nach die katastrophale zentralisierungsorientierte Politik moderner Demokratien beseitigt.

In erster Linie gründet meine Zuversicht aber nicht auf den vorteilhaften Effekten von Bildung, sondern in der Tatsache, dass unsere modernen, sogenannt liberalen Demokratien im Zuge der Globalisierung in direktem Wettbewerb miteinander stehen: Wie gern sich die Anhänger des Kollektivismus auch von der Welt abkapseln, die Reichen zu Tode besteuern, alle grossen Unternehmen verstaatlichen und das Leben der Menschen von der Wiege bis zu Bahre bestimmen würden – eine solch selbstmörderische Politik können sie nicht riskieren. Sie müssen ihr Programm so weit stutzen, dass es sich der Realität einer kompetitiven natürlichen Auslese in einer globalisierten Welt anpasst.

Leser-Kommentare

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Markus Saurer 07.11.2017 - 16:50

Dann müsste aber die Bildung bei den Ausbildnern anfangen. Und da sehe ich rabenschwarz – gerade auch an den Universitäten.