Meinungen

Die Zähmung der Untertanen

Viele Menschen fühlen sich durch «politische Korrektheit» in ihrer Meinungsäusserung eingeengt. Zugleich verhilft «politische Unkorrektheit» zu Wahlerfolgen. Ein Kommentar von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan
«Das Beziehen von ‹politisch korrekten› Positionen täuscht heroische Gesinnung vor.»

Unsere Zeit ist durch paradoxe, gegenläufige Entwicklungen gekennzeichnet, die Extrempositionen bestärken. Ein Beispiel hierfür ist die stärkere Thematisierung «politischer Korrektheit». Einerseits wächst bei vielen die Empfindung von politischem Druck auf die freie Meinungsäusserung, andererseits reüssiert auch die «politische Unkorrektheit» – sie führt zu Verkaufs-, Achtungs- und Wahlerfolgen. Wie passt die Wahrnehmung einer Unterdrückung von «Wahrheiten» mit der zunehmenden Vielfalt von Positionen bis hin zur Breitenwirkung von polarisierenden Extrempositionen zusammen?

Die «politische Korrektheit» wird durch grundverschiedene Annahmen und Motive genährt, einige davon lösen Gegenreaktionen aus, die wiederum neue Motive begründen. Als systematischer Versuch der Denkveränderung durch Sprachveränderung ist sie die logische Konsequenz behavioristischer Zugänge zur Politik, die auf eine Veränderung des Menschen durch Veränderung der Institutionen, darunter der Sprache, abzielen. Nahezu alle utopischen Ideologien beruhen, in ihrer modernen Spielart, auf behavioristischen Annahmen.

Diese betonen die «Nurture» im Gegensatz zur «Nature», die soziale Prägung, Bildung, Beeinflussbarkeit und Formbarkeit im Gegensatz zu beständigerer menschlicher Natur, die gar eine genetische Komponente haben könnte. Im Selbstverständnis sind diese Ansätze emanzipatorisch. Ihre Attraktivität und Problematik hat bereits Goethe in einer tiefen Einsicht dargelegt. Er schrieb: «Wenn wir […] die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.»

Unmoralische Interessen

Die Problematik liegt in der «emanzipatorischen» Unaufrichtigkeit, die das Sein der Menschen ausblenden muss, um jede normative Kraft des Faktischen zu verhindern. Das mag ein erzieherischer Zugang sein – und er hat durchaus suggestive Kraft –, doch gefährlich wird dieser Zugang nicht nur im paternalistischen Extrem, in dem sich Menschen als Erziehungsberechtigte ihrer Mitmenschen aufspielen, sondern auch und besonders, wenn man ihn erkenntnistheoretisch auffasst. Dann haben wir es mit systematischer Lüge zu tun, die sich in ihrer emanzipatorischen Zielsetzung auch noch als Kind der Aufklärung wähnt und moralisch auf der Siegerseite sieht – daher immunisiert ist.

Im Schatten dieser moralischen Gewissheit konnten sich unmoralische Interessen breitmachen. Aus der emanzipatorischen Gesinnung wurde ein geistiger Opferkult, der menschliche Schicksale zur individuellen Bereicherung und Prestigemehrung missbraucht. In einem umgekehrten Sexismus und Rassismus werden Frauen, Schwarze und bestimmte Minderheiten zu Schutzbefohlenen degradiert, die Sittenwächter bräuchten, um sie vor Beleidigungen zu bewahren. Das Beziehen von «politisch korrekten» Positionen täuscht heroische Gesinnung vor, ohne dass man persönliche Nachteile riskiert: So wurde «politische Korrektheit» zum Duckmäusertum von – durchaus bürgerlichen – Karrieristen, die kontroverse Positionen scheuen.

Den aus Anpassungsdruck wachsenden Tugendterror hat bereits G. K. Chesterton vor mehr als hundert Jahren vorausgesagt: «Die moderne Welt ist voll von den alten christlichen Tugenden, bloss sind diese vollkommen verrückt geworden. Die Tugenden sind verrückt geworden, weil sie von einander isoliert worden sind und nun alleine umherwandern. So sorgen sich manche Wissenschaftler um die Wahrheit, doch ihre Wahrheit ist ohne Barmherzigkeit. So sorgen sich manche Humanitäre um die Barmherzigkeit, doch ihre Barmherzigkeit ist oft ohne Wahrheit.» Diese vermeintliche Barmherzigkeit ohne Wahrheit gibt vor, den Schwachen zu helfen, versteckt aber eigene Unzulänglichkeit hinter einem unaufrichtigen Helfersyndrom, das panisch immer neue Opfergruppen zur Selbstwertsteigerung sucht und braucht.

Die «Humanitären mit der Guillotine» nannte diesen Menschenschlag Isabel Paterson, eine der starken Frauen der Freiheitsidee, gegen die heute ausgerechnet im Namen der Frauen opponiert wird. Diese vermeintlich armen, schwachen Wesen bräuchten nämlich Sprachdiktat, Zwangsquoten, «Programme» und Behörden, um ihren Weg gehen zu können. Neben den Frauen leidet v. a. die Wahrheit unter diesem verkehrten Sexismus: Da wird der grammatikalische Genus aus Unkenntnis der Sprache zu einem Sexus sexualisiert, das generische zum gegnerischen Maskulinum aufgeladen und die Wirklichkeit selektiv skandalisiert: Nur der Mangel an Unternehmerinnen und Managerinnen wird beklagt und sinistren Verschwörungen zugeschrieben, niemals der Mangel an Vergewaltigerinnen und Gefängnisinsassinnen.

Diese Wirklichkeitsflucht, die ständig korrigierend beschönigen und beschwichtigen, im Notfall gar zensieren und verfolgen muss, erinnert an die ursprüngliche Bedeutung von «politischer Korrektheit», die wesentliches Element des Stalinismus war. Gedankenverbrechen galten als Verrat, da sie Zweifel säten und dem Klassenfeind dienten. Es war auch Stalin, der die Losung ausgab, alle Gegner unterschiedslos als «Faschisten» zu bezeichnen, den Begriff Nationalsozialismus aufgrund seiner enttarnenden Begriffsnähe zum Sowjettotalitarismus völlig durch den Begriff Faschismus zu ersetzen und gewaltbereite, intolerante Totalitäre, sofern sie nur dem eigenen Lager dienlich sind, als «Antifaschisten» zu adeln.

Die heutige «politische Korrektheit» ist allerdings zum überwiegenden Teil Konfliktscheu und Gegenreaktion. Beide Motive sind verständlich. Digital vernetzte heterogene Massengesellschaften ohne gemeinsame Wert- und Erkenntnisgrundlage, die das Vertrauen in ihre Deutungseliten verlieren, ähneln reizbaren Bestien. Die Sorge um ein Durchbrechen der Konflikte von den digitalen Schmierwänden in die Strassen ist berechtigt. Sehr oft ist «politische Korrektheit» schlicht eine Frage der Umgangsform: Im persönlichen Umgang ist Sensibilität zu Recht gefordert. Die wachsende biografische Vielfalt, der Meinungsdruck und die divergenten Deutungen machen Toleranz zu einer schwierigen Übung. Doch ohne ein Minimum an Toleranz kann eine heterogene Gesellschaft nicht bestehen.

Aufbegehren gegen die Obertanen

Leider gerät die Toleranz in eine Schieflage, wenn sie nicht auch den wachsenden Unmut über die sich zu «Erziehungsberechtigten» Aufschwingenden empathisch nachvollziehen kann, die den Menschen immer öfter korrigierend und sanktionierend ins Wort fallen. In der Tat – die Worte werden schärfer, die Wut sieht oft nach Hass aus. Die «politische Unkorrektheit» ist ein Ventil, und es sind nicht die Besten, die sich ihrer in einfältiger Spiegelung aus Trotz bedienen. Es ist ein Trotz der Untertanen gegen ihre Obertanen. Die «politisch Unkorrekten» gehören eher der Unterschicht an, es sind Leute, die weniger zu verlieren haben. Ein bürgerlicher Karrierist wird sich tunlichst jeder Unkorrektheit enthalten, die durch die typische Hysterie in den «unsozialen Medien» sein Karriereende bedeuten könnte.

Mit der wirtschaftlichen Stagnation wird damit Provokation wider die Korrektheit zum massentauglichen Erfolgsrezept. Die Unkorrekten bemerken, dass sich stets die Richtigen gereizt fühlen, und erhöhen langsam die Dosis. Propaganda endet stets in beissendem Spott. Auch das liesse sich von der Sowjeterfahrung lernen. Die Obertanen, die gleicheren Gleichen, haben sich bequem in einer Parallelwelt eingerichtet. Es ist eine Parallelwelt ohne reaktionäre Zweifel, voll moralischer Überheblichkeit, aber ohne jede reale Verantwortung. Ausbaden dürfen die Konsequenzen der bequemen Illusionen stets die Untertanen.

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