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«Die Zeit der Pax Americana ist vorbei»

Brian Hanson, Vizepräsident des aussenpolitischen Think Tank Chicago Council on Global Affairs, warnt davor, Donald Trump als Ausnahmefall zu bezeichnen.

«Es ist ein grosser Fehler, zu denken, die USA würden nach vier Jahren unter der Präsidentschaft von Donald Trump zu ihrem Status quo ante zurückkehren», sagte Brian Hanson, Vizepräsident des aussenpolitischen amerikanischen Think Tank Chicago Council on Global Affairs, am zehnten Stars Symposium in Stein am Rhein. Trump sei kein Ausnahmefall, sondern das Symptom einer grundlegenden, mehrjährigen Entwicklung in der Bevölkerung der USA.

Gemäss Hanson fühlt sich ein immer grösserer Teil der amerikanischen Bevölkerung von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abgehängt. Zwischen 2000 und 2016 sei die US-Wirtschaft kumuliert zwar um mehr als 20% gewachsen, doch gleichzeitig sei das Median-Haushaltseinkommen um gut 4% geschrumpft.

«Der durchschnittliche amerikanische Haushalt hat nicht nur nicht von Wirtschaftswachstum und Globalisierung profitiert, sondern steht heute sogar schlechter da als im Jahr 2000», sagte Hanson.

Das sei der Grund, weshalb Trump mit seinem Wahlslogan «Make America Great Again» auf Zustimmung gestossen sei.

Die Grundwerte von Donald Trump

Viele Beobachter im Ausland sähen Trump als inkompetent, reaktiv und von Instinkten getrieben. Doch das sei eine falsche Vorstellung, warnte Hanson. Trump besitze eine Reihe von Überzeugungen, an denen er seit vielen Jahren festhalte. Er offenbarte diese Überzeugungen bereits 1987, als er als relativ unbekannter Bauunternehmer in New York eine ganzseitige Anzeige in der «New York Times» buchte, um die damalige Regierung von Ronald Reagan zu kritisieren.

Diese Überzeugungen seien, erstens: Multilateralismus bringt den USA nichts, weil die Amerikaner bloss teure Sicherheit für reiche Staaten in Westeuropa sowie Japan zur Verfügung stellten, ohne dafür bezahlt zu werden. Zweitens seien bilaterale Handelsabkommen nachteilig für die USA. Dies sei daran zu erkennen, dass Amerika Handelsdefizite mit den meisten Handelspartnern erwirtschafte.

Drittens machte sich Trump in der Anzeige von 1987 lustig über die schwache politische Führung von Michail Gorbatschow und forderte, Washington solle daraus Profit schlagen. «Schon 1987 zeigte Trump Bewunderung für starke politische Führung – und er zeigte, was für ein grosses Ego er hat», sagte Hanson.

Drei wichtige Generäle

Wie bewertet Hanson die ersten acht Monate der Präsidentschaft von Donald Trump? «Es ist evident, dass Trump in strategischen Fragen kaum Lernfähigkeit zeigt», sagte Hanson, «er denkt sehr kurzfristig.» Während der ersten Monate habe im Weissen Haus ein komplettes Chaos geherrscht, weil sich verschiedene einflussreiche Figuren – vor allem Chefstratege Stephen Bannon, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Stabschef Reince Priebus – bekämpft hätten.

«Die Ernennung von General John Kelly zum Stabschef im Sommer war extrem wichtig», sagte Hanson. Kelly habe Ordnung ins Weisse Haus gebracht und eine sehr effektive Kontrolle des Zugangs zum Präsidenten etabliert: «Kein Anruf gelangt heute mehr zu Trump, ohne dass er von Kelly gutgeheissen wurde.»

Die drei Generäle um Trump, Kelly, Sicherheitsberater H.R. McMaster und Verteidigungsminister James Mattis, seien enorm wichtig für das Funktionieren der Trump-Regierung, sagte Hanson.

Fehler in der Aussenpolitik

In aussenpolitischen Themen findet Hanson kaum gute Worte über Trump. «Es besorgt mich, dass sich der Präsident in der Manier eines Pausenplatzkampfs mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-un anlegt und eine Drohung nach der anderen ausspricht. Trump zieht rote Linien, denen er keine Taten folgen lassen kann», warnte Hanson. «Das ist eine extrem gefährliche Situation, mit Potenzial für Fehlkalkulationen und Missverständnissen auf beiden Seiten.»

Trumps Entscheid, das Transpazifische Partnerschaftsabkommen TPP an seinem ersten Amtstag zu annullieren, war in Hansons Augen ein gigantischer geostrategischer Fehler. «Viele Regierungen, besonders in Südostasien, sehen in Washington keinen verlässlichen Partner mehr und wenden sich nun Peking zu», sagte Hanson. Chinas Präsident Xi Jinping sei Trump in strategischen Fragen haushoch überlegen und spiele seine Karten clever.

Aussenminister Rex Tillerson ist, in den Worten von Hanson, «auf bestem Weg dazu, als schlechtester Aussenminister in die Geschichte der USA einzugehen». Er habe kein gutes Verhältnis zu Trump, werde vom Präsidenten kaum respektiert und sei drauf und dran, die diplomatische Kultur im State Department zu zerstören, sagte Hanson, der in den Achtzigerjahren als aussenpolitischer Berater von Senator Alan J. Dixon (Illinois) gearbeitet hatte.

Wunschdenken Impeachment

Wird Trump überhaupt vier Amtsjahre überstehen? «Viele Leute hoffen auf ein Amtsenthebungsverfahren, doch das ist sehr unwahrscheinlich», sagte Hanson. Ein Impeachment sei ein politischer Prozess, und zu diesem sei die Republikanische Partei nicht bereit. Er glaube sogar, dass Trump im Jahr 2020 wiedergewählt wird, weil die Trends, die zu seiner Wahl geführt haben, ungebrochen seien und die Demokraten es nicht schafften, echte Alternativen zu bieten.

Die Konsequenzen sind in der Analyse von Brian Hanson klar: Die Zeit der Pax Americana, der vom Westen dominierten Weltordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestanden hatte, ist vorbei. «Amerika wird seine internationale Rolle der Vergangenheit nicht mehr spielen.»

Hanson wünscht sich eine stärkere politische Führung in anderen westlichen Ländern: «Ich hoffe, Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron finden eine gute Zusammenarbeit, um gemeinsam eine signifikantere Rolle auf dem weltpolitischen Parkett zu spielen.»

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