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Die zerstörerische Kraft der Inflation

Martin Feldstein
«Die argentinische Tradition hoher und wechselhafter Inflation hat den Hypothekenmarkt im Land zerstört. Den Haushalten ist es nicht mehr möglich, eine Hypothek aufzunehmen, um ein Eigenheim zu finanzieren.»
Argentiniens Erfahrungen zeigen, dass Preisstabilität eine empfindliche Sache ist, dass die Inflationsrate schnell steigen kann und dass hohe Teuerung lange nachwirkt. Ein Kommentar von Martin Feldstein.

Als ich im Dezember in Argentinien war, kam mir wieder die Zerstörungskraft hoher Inflation in den Sinn. Die jährliche Preissteigerungsrate ist in Argentinien von geschätzten 40% im letzten Jahr auf momentan etwa 20% gefallen. Die Zentralbank bemüht sich, die Wirtschaft auf einem disinflationären Weg zu halten, und will in drei Jahren einen Wert von 5% erreichen.

In der Vergangenheit war die Inflation in Argentinien viel höher. Während der fünfzehn Jahre von 1975 bis 1990 lag sie auf durchschnittlich 300% im Jahr, was bedeutet, dass sich die Preise alle paar Monate verdoppelten. 1989 stiegen sie sogar über 1000%, bevor sie schliesslich unter Kontrolle gebracht werden konnten.

Aber tatsächlich war die Inflation keineswegs besiegt. Als ich Mitte der Neunziger in Argentinien war, war so gut wie nichts mehr von ihr übrig. Damals war der argentinische Peso an den Dollar gekoppelt, und auf den Strassen von Buenos Aires wurden beide Währungen für die täglichen Einkäufe benutzt.

Der Staat muss 25% Zins bezahlen

Aber als danach die Bindung des Pesos an den Dollar zusammenbrach und Dollarkontrakte zu einem nicht vom Markt bestimmten Wechselkurs in Pesokontrakte umgetauscht werden mussten, ging die Inflation durch die Decke. Bis 2003 kletterte die jährliche Preissteigerungsrate auf 40%. Ein paar Jahre lang ging sie dann auf 10% zurück. Aber während der Präsidentschaften von Néstor Kirchner und seiner Frau und Nachfolgerin Cristina Fernández de Kirchner stieg sie dann wieder auf 25%. Und schliesslich schoss sie 2016 wieder auf 40% in die Höhe, was an der Abschaffung der verzerrenden Preissubventionen lag, mit denen zuvor die wirkliche Inflationsrate verschleiert worden war.

Durch die hohen Inflationsraten der letzten Zeit und dadurch, dass sich die Bürger an die noch höhere Inflation der Vergangenheit erinnern konnten, erlitt die argentinische Wirtschaft schweren Schaden.

Da bei hoher Inflation die Marktzinsen steigen, muss jetzt sogar der Staat für kurzfristige Pesokredite 25% Zins zahlen. Die Investoren sträuben sich, langfristige Kredite zu festen Zinsen zu vergeben, da sie Angst haben, eine erneut aufflammende Inflation könnte den Wert ihrer Anleihen zerstören.

Investitionstätigkeit kommt zum Erliegen

Die Haushalte und die Unternehmen wiederum zögern, langfristige Anschaffungen durch kurzfristige Kredite oder Kredite mit variablem Zins zu finanzieren, weil dann bei einem plötzlichen Anstieg der Inflation auch die von ihnen zu zahlenden Zinsen stark steigen würden. Tatsächlich hat die argentinische Tradition hoher und wechselhafter Inflation den Hypothekenmarkt im Land zerstört. Den Haushalten ist es nicht mehr möglich, eine Hypothek aufzunehmen, um ein Eigenheim zu finanzieren. Auch die Unternehmen zögern, Kredite aufzunehmen, da sie sich daran erinnern, wie an sich gesunde Firmen in der Vergangenheit durch Inflationssteigerungen – und damit Zinserhöhungen – in den Bankrott getrieben wurden.

Auch die Lebensversicherungsbranche hat die hohe und unsichere Inflation nicht überlebt. Angesichts dessen, dass niemand weiss, wie viel der Peso zum Auszahlungszeitpunkt noch wert sein wird, kauft kaum jemand mit den heutigen Peso eine Versicherung.

Die Ökonomen könnten vorschlagen, dass Hypotheken, Versicherungsverträge und andere Vereinbarungen anhand des Preisniveaus indiziert werden, wodurch sie sich an die jeweils aktuelle Inflationsrate anpassen würden. Aber wenn die Inflation schnell schwankt, ist ihre tatsächliche Höhe schwer bestimmbar.

Mehr argentinisches Geld in den USA als zu Hause

Die vorherige Regierung hat versucht, die Öffentlichkeit dadurch zu täuschen, dass sie Inflationsschätzungen veröffentlichte, die Experten zufolge viel niedriger waren als die tatsächliche Preissteigerungsrate. Wie mir ein argentinischer Freund erklärte, wurden die Statistiker, die versuchten, korrekte Inflationsdaten zu veröffentlichen, entlassen und durch politische Verbündete ersetzt, die geschönte Daten verbreiteten. Wie er sagte, verwandelten sie «Regierungsstatistiken von einem technischen Problem in eine kreative Kunst».

In den Jahren, als die Regierung den Argentiniern erlaubte, ihre Peso in Dollar zu tauschen und sie ausser Landes zu schaffen, investierten wohlhabende Bürger ihr Geld in den Vereinigten Staaten. Man sagte mir, in den USA befinde sich mehr argentinisches Geld als in Argentinien selbst.

Als Ergebnis dieses Kapitalabflusses ist das Investitionsniveau in Argentinien sehr gering, was die Produktivität und das Wachstum bremst. Die Bruttokapitalbildung beträgt dort nur 17% des BIP, während sie in Chile und Mexiko auf 23% liegt.

Regierung Macri bezahlt hohen Preis

Die neue Regierung von Präsident Mauricio Macri ist zwar entschlossen, die Inflation zu senken und die Preise zu stabilisieren, muss dafür aber einen hohen politischen Preis zahlen. Knappe Geldversorgung und hohe Zinsen blockieren die Nachfrage und führen bereits jetzt zu einem Rückgang des realen BIP. Gleichzeitig wird eine Verringerung der Inflationsrate von 20 auf 15% in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen. Also muss die Regierung einen kurzfristigen politischen Preis dafür zahlen, langfristig positive wirtschaftliche Effekte zu erzielen.

Aus den argentinischen Erfahrungen können andere Länder zwei wichtige Lehren ziehen. Erstens, dass Preisstabilität eine empfindliche Sache ist und die Inflationsrate schnell steigen kann. Und zweitens, dass hohe Inflationsraten im Gedächtnis der Öffentlichkeit bleiben und lang andauernde negative Effekte haben. Preisstabilität zu erreichen, ist wichtig, aber ebenso wichtig ist es, sie beizubehalten, indem die Geldpolitik ständig auf das Ziel niedriger Inflation ausgerichtet bleibt.

Copyright: Project Syndicate.