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Die Zukunft der digitalen Währungen

Noch ist nicht abzuschätzen, ob private digitale Währungen auf breiter Front aufkommen. Fest steht: Die Welt der Währungen und Zahlungen steht vor einem Umbruch. Ein Kommentar von Charles Wyplosz.

Charles Wyplosz
«Der Traum vom Wettbewerb zwischen privaten und staatlichen Währungen ist alt.»

Dem Projekt Libra ist es zu verdanken, dass die Debatte über digitale Währungen neuen Schub bekommen hat. Selbst wenn es nie realisiert werden sollte, oder nicht in der vorliegenden Form, werden andere Arten von Digitalwährungen aufkommen, wohl schon bald. Bis vor kurzem wurde die Debatte vor allem von technischen Aspekten angetrieben, und damit wissen die meisten von uns wenig anzufangen. Ein paar grundsätzliche Überlegungen, was eine Währung überhaupt ist, können helfen, die Sachlage zu erhellen.

Wer den Begriff Währung hört, denkt meist an Papiergeld. Mittlerweile nutzen wir Geld aber zunehmend auch in anderer Form – seien es Kreditkarten, Internetzahlungen oder Smartphone-Überweisungen. Sie alle haben dreierlei gemeinsam. Erstens kommt bei allen Transaktionen Geld zum Zug, das bei einer Bank liegt. Zweitens ist dieses Geld üblicherweise in der heimischen Währung notiert. Drittens: Das Ganze ist bereits digital. Nur die allerwenigsten bekommen ihren Lohn in bar. Von dem Moment, wo wir das Geld erhalten, bis zu dem, wo wir es ausgeben, kommt nur selten Papiergeld zum Zug.

Was also ist das Neue an Digitalwährungen? Nicht etwa, dass sie digital sind, sondern dass sie (vielleicht) nicht bei einer Bank liegen und (vielleicht) nicht in der Heimwährung notiert sind. Libra zum Beispiel würde nicht auf Dollar oder Franken lauten, sondern der Wert wäre an einen Korb der führenden Währungen gebunden, und es wäre nicht bei einer Bank deponiert. So neuartig, wie es sich anhört, ist das allerdings gar nicht. Um den Wert des Währungskorbs zu garantieren, muss die Libra-Organisation dennoch die entsprechenden Beträge in nationalen Währungen halten, und zwar letztlich wahrscheinlich bei einer Bank. Ganz und gar altmodisch also.

Digitales Notenbankgeld

Und was, wenn nicht? Nehmen wir mal an, die Libra-Organisation hält nur kleinere Mengen an traditionellen Währungen, in der Hoffnung, dass ihre Kunden nicht alle die vollständige Rückzahlung ihrer Libra-Einlage fordern. In den meisten Fällen wird das tatsächlich nicht geschehen. Man stelle sich aber vor, was passiert, wenn das Gerücht umgeht, Libra sei in Schwierigkeiten. Die Kunden beeilen sich, ihr Geld herauszuholen – und wer später kommt, stellt fest, dass er nicht ausgezahlt werden kann. Im 19. Jahrhundert kannte man das unter dem Begriff Bank Run: Die Kunden forderten ihre Einlagen in Papiergeld zurück, die Banken kollabierten. Seither werden Banken streng reguliert, um die Wahrscheinlichkeit von Bank Runs zu verringern. Dennoch kommen solche immer wieder vor, auch im 21. Jahrhundert – man denke an Argentinien oder Griechenland. Um die Kunden zu schützen, werden die Regulatoren diese Regeln also auch auf die Libra-Organisation anwenden, hinter der ihre Aktionäre, wie Facebook, stehen. Facebook würde reguliert wie eine Bank – das wird der Konzern nicht wollen. Deshalb wird das Projekt Libra kaum Realität.

Eine Alternative zu privat ausgegebenen digitalen Währungen sind solche, die von Notenbanken emittiert werden. Das dürfte es bald in China geben. Das Projekt sieht wie folgt aus: Die Zentralbank emittiert elektronisch Geld, das sie an Internetkonzerne wie Alibaba oder Tencent verkauft, die ihren Kunden Konten anbieten. Die Kunden bezahlen diese Konten mit traditionellen Mitteln (Cash oder Bankzahlung). Mit diesem Geld kaufen die Internetkonzerne die von der Notenbank herausgegebene Digitalwährung. Zum Schutz der Kunden schreibt die Zentralbank vor, dass jede Einheit der Digitalwährung, die von Kunden gehalten wird, durch einen entsprechenden Geldbetrag bei den Internetkonzernen gedeckt sein muss. Letztlich unterscheidet sich diese Digitalwährung also kaum von einem herkömmlichen Kreditkarten- oder Smartphone-Zahlungssystem, und für einen Kredit muss sich der Kunde nach wie vor an eine Bank wenden.

Der wichtigste Unterschied ist die Art und Weise, wie Zahlungen transferiert werden – hier geht es um die technischen Details. Zahlungen über Kreditkarte oder Smartphone laufen über Banken, die wiederum das Settlement untereinander über ein von der Notenbank betriebenes System erledigen. Bei einer Digitalwährung hingegen werden die Zahlungen über einen sogenannten Distributed Ledger abgewickelt – eine dezentrale Datenbank, in der sämtliche Transaktionen verzeichnet sind. Steht ein Transfer an, muss jemand überprüfen, ob der Zahler ein genügend hohes Guthaben in der digitalen Währung hat, und die Überweisung zum Zahlungsempfänger veranlassen. Und wer ist dieser «jemand»? Bitcoin stellt dabei, ein Novum, auf Freiwillige ab – und entlohnt sie in neu geschaffenen Bitcoin, sodass der Service nichts kostet. Neue Bitcoin können geschaffen werden – bis zu einer gewissen Grenze, aber das ist eine andere Geschichte –, weil der Wert des Bitcoins nicht garantiert ist. In China, wo der Wert der digitalen Währung garantiert sein wird, wird der Ledger von der Notenbank betrieben. Inwiefern sich dieses Konzept von den bestehenden unterscheiden soll – erst recht in einem Land, in dem die meisten Zahlungen jetzt schon über Smartphones abgewickelt werden –, ist unklar.

Transaktionskosten sollen sinken

Warum also so viel Aufhebens? Einen gewissen Reiz übt wohl die Distributed-Ledger-Technologie aus, vielleicht auch weil sie so schwierig zu begreifen ist. Zudem versprechen die Befürworter, alte Zöpfe abzuschneiden. Sie verkünden, grenzüberschreitende digitale Währungen würden die Dominanz des US-Dollars in internationalen Zahlungstransaktionen brechen. Der Gedanke, private Währungen könnten bald die nationalen ersetzen, findet darüber hinaus Anklang bei Kritikern der Monopolstellung von Notenbanken. Ausserdem ermöglicht ein Distributed Ledger anonyme Überweisungen – ein verlockender Aspekt angesichts der wachsenden Furcht, «Big Brother» sei auf dem Vormarsch, obwohl die Anonymität auch illegale Transaktionen begünstigt.

Der Traum vom Wettbewerb zwischen privaten und staatlichen Währungen ist alt, er geht auf das 18. Jahrhundert zurück, als Papiergeld aufkam. Die Lehre aus dieser langen Zeit ist, dass private Währungen früher oder später immer kollabieren. Nur der Staat hat, dank Steuern, genügend tiefe Taschen, um eine Währung glaubwürdig zu garantieren. Selbst damit scheitert so manches Land, vor allem wenn es eine rasant steigende Inflation zulässt. Geld ist eine fragile Angelegenheit.

Die wirkliche Innovation ist das Versprechen der neuen Technologie, die Transaktionskosten internationaler Überweisungen drastisch zu senken. Ausserhalb Europas sind diese Kosten enorm hoch und die Abwicklung langsam, in der Zeit von Internet geradezu unglaublich langsam. Die Unternehmen, die diese Transaktionen abwickeln, entschuldigen sich mit sehr komplexen und teils inkompatiblen Regelungen. Doch mittlerweile setzt die Konkurrenz den etablierten Playern zu. Swift, über die die Hälfte aller internationalen Transaktionen läuft, hat vor kurzem bekannt gegeben, dass die Kosten um 60% gekürzt wurden und 40% ihrer Transaktionen in weniger als fünf Minuten abgewickelt werden. Schaffen die teuren Kreditkartenunternehmen es nicht, ihr Geschäftsmodell neu zu erfinden und ihre Gebühren drastisch zu reduzieren, dürften sie auf dem absteigenden Ast sein.

Noch ist nicht abzuschätzen, ob private digitale Währungen auf breiter Front aufkommen und ob andere Notenbanken dem Beispiel Chinas folgen und ihre eigene Digitalwährung ausgeben. Die neue Distributed-Ledger-Technologie ist immer noch in der Testphase. Eins jedoch steht fest: Die Welt der Währungen und der Zahlungen steht vor einem Umbruch. Und wer weiss, vielleicht führt er in eine ganz andere Richtung, als wir es uns heute ausmalen.