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Meinungen

Die Zukunft gestalten

Gute Verwaltungsräte sollten immer einen Schritt voraus sein – gerade in unsicheren Zeiten. Nicht alle Schweizer Gremien sind für strategische Weichenstellungen gleich gut gerüstet. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiterin Claudia Lanz-Carl.

«Die Bedeutung von Werten, die ein Verwaltungsrat vorlebt, ist gestiegen.»

Wo ein Unternehmen in der kommenden Dekade steht, kann ein Verwaltungsrat nicht genau wissen. Er kann aber vieles dafür tun, die Weichen in Richtung Erfolg zu stellen. In einem Umfeld, in dem wirtschaftliche und politische Unsicherheiten zugenommen haben, sind Robustheit und Flexibilität gefragt. International wie auch in der Schweiz gewinnt die Digitalisierung der Wirtschaft an Fahrt und prägt die Agenda vieler Verwaltungsräte. Es sei eines der am häufigsten aufgeworfenen Themen in diesem Jahr, sagen Berater. Know-how in puncto Digitalisierung ist gefragt, aber erst teilweise personell in den Gremien vertreten.

Digitalisierung verändert nicht nur den Markt, den Wettbewerb und die Wertschöpfung eines Unternehmens. Prozesse, im Dialog mit den Aktionären und innerhalb des Verwaltungsrats, erfahren ebenfalls eine Transformation – eine entsprechende Aufgeschlossenheit der Gremien für neue Möglichkeiten vorausgesetzt. Auch jenseits technologischer Entwicklungen sind nicht alle Schweizer Verwaltungsräte gleich fit für die Zukunft, wie das diesjährige Verwaltungsrats-Ranking von «Finanz und Wirtschaft». Es gibt in den 171 untersuchten Gremien grosse strukturelle und organisatorische Unterschiede.

Durchschnittlich kommt ein Schweizer Verwaltungsrat acht Mal im Jahr zusammen, er hat sieben Mitglieder und drei Ausschüsse und ist zu 59,8% unabhängig. Die Gremien haben sich gegenüber dem Vorjahr durchschnittlich in vielen Kriterien verbessert. Tendenziell gesunken ist aber die Unabhängigkeit, was mit mehr exekutiven Präsidenten und mehr Aktionärsvertretern in den Verwaltungsräten zusammenhängt. Im Schnitt kommt ein Präsident auf drei weitere Mandate. Entsprechend muss er seine Zeit und Aufmerksamkeit auf mehrere Unternehmen aufteilen, was in einem herausfordernden Umfeld ein Nachteil sein kann. Aktionäre sind gut beraten, diesen Punkt bei Gesellschaften, in die sie investiert sind, im Auge zu behalten.

Effizienz nicht immer gegeben

Hinter den Mittelwerten verbergen sich beachtliche Abweichungen nach oben und unten. So zählen die zahlenmässig grössten Verwaltungsräte im untersuchten Universum dreizehn bis achtzehn Mitglieder. Es sind mit Spitzenreiter Richemont (CFR 67.26 0.06%) sowie LafargeHolcim (LHN 46.14 0.33%), Nestlé (NESN 83.68 0.67%), Credit Suisse (CSGN 12.065 -0.29%) Group, Alpiq (Alpiq 78.7 1.16%) und Pargesa (PARG 77 -0.96%) sowohl Blue Chips als auch Unternehmen aus dem breiten Markt. Die Frage, wie effizient so grosse Gremien arbeiten können, ist berechtigt und tangiert auch die Anleger. Umgekehrt können einem Verwaltungsrat mit nur drei Mitgliedern – wie sie etwa die Gremien von Mobilezone (MOB 11.5 -0.69%), Myriad (MYRN 0.2595 -2.81%) oder Valartis aufweisen – bestimmte Kompetenzen fehlen. Der Verwaltungsrat des Pharmaunternehmens Santhera (SANN 6.45 5.22%) hat sogar nur zwei Mitglieder. Es kommt stark auf die individuelle Zusammensetzung an.

Eine sehr wichtige Rolle nimmt in diesem Kontext der Präsident des Verwaltungsrats ein. Er ist gefordert, die besten Mitglieder für das Gremium zu gewinnen, und er muss Klarheit darüber haben, welches die strategischen Prioritäten seines Unternehmens sind – sonst wählt er die falschen Personen aus. Dafür braucht er Kritikfähigkeit und Selbstreflexion, um nicht selbst zum Stolperstein für das Unternehmen zu werden. Die Aktionäre tragen ebenfalls Verantwortung. Mit den Wahlen an der Generalversammlung segnen sie die vorgeschlagenen Personalien ab. Sollte es berechtigte Zweifel daran geben, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin optimal geeignet ist, gilt es, das Stimmrecht zu nutzen.

Die Voten der Aktionäre an den Generalversammlungen 2016 fielen aber vergleichsweise zahm aus. Bei Wahlen in den Verwaltungsrat lag die Zustimmung gemäss dem Aktionärsdienstleister zRating bei hohen 96%. Auch in Entlohnungsfragen zeigten sich die Anleger wenig kritisch. Wären sie beispielsweise den Empfehlungen der Anlagestiftung Ethos gefolgt, hätten sie etwa jeden zweiten Vergütungsbericht und rund ein Drittel der bindenden Anträge für Vergütungen ablehnen müssen. Stattdessen gab es Zustimmungsraten von 94% für die Gelder von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung. Wohlgemerkt ist die Vergütung hiesiger Verwaltungsratspräsidenten – gemäss einem globalen Vergleich der Beratungsgesellschaft HCM International basierend auf Daten von 2015 – mit umgerechnet 1,2 Mio. € im Median am höchsten, vor Grossbritannien, Deutschland und den USA, und die Tendenz ist steigend.

Diversität im Verwaltungsrat hilft, mit der Zeit zu gehen. Wo vielfältige Erfahrungen in einem Gremium versammelt sind, können Opportunitäten rascher entdeckt, Risiken besser abgewogen und Fehlentwicklungen früher korrigiert werden. Kandidaten mit unterschiedlichem Hintergrund kommen immer stärker zum Zug. So stammen hierzulande mehr als zwei Drittel der neuen Verwaltungsräte von Grossunternehmen aus dem Ausland, und fast jede dritte Neubesetzung ist eine Frau. Damit steht die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern gut da. Auch werden Verwaltungsräte dank Neubesetzungen tendenziell jünger. «Old-Boys-Netzwerke» verlieren somit an Relevanz.

Auch ohne gesetzliche Vorgaben ist der Anteil Frauen in Schweizer Verwaltungsräten gestiegen, in drei Jahren von 10,4 auf 12,6%. Bei den zwanzig bestplatzierten Unternehmen im Verwaltungsrats-Ranking erhöhte sich die Quote gar von 13,2 auf 19,8%. Executive-Search-Experten erwarten in einigen Jahren durchschnittliche Werte von bis zu einem Drittel – ohne gesetzliche Vorgaben. Im Management gehen sie von einer langsameren Entwicklung aus, was mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf – zusammenhängt. Leitende Funktionen in Teilzeit auszuführen, ist möglich, es fordert aber persönliches Engagement und Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Bei aller Diversität müssen die einzelnen Verwaltungsräte auch Gemeinsamkeiten haben. Dazu zählen Managementerfahrung, finanzielles Know-how und gemeinsame Überzeugungen, die dem Unternehmensleitbild entsprechen. Die Bedeutung von Werten, die ein Verwaltungsrat vorlebt, ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zuletzt wegen des Abgasskandals beim deutschen Autobauer Volkswagen (VOW 163.8 -1.92%) gestiegen. Kandidaten, die für ein Verwaltungsratsmandat in Frage kommen, dürften künftig stärker auf ihre persönliche Wertehaltung geprüft werden.

Wer die Zukunft gestalten möchte, braucht Freiräume. Wenn der Verwaltungsrat in regulatorische Zwänge verstrickt ist, kann er nicht mehr nach vorne schauen. Tendenziell hat die Regelungsdichte auch wegen der Annahme der Minder-Initiative vor drei Jahren eher zu- als abgenommen. Gerade deshalb ist es zwingend, sich für wichtige Weichenstellungen von den gegebenen Strukturen gedanklich zu lösen. Denn der rechtliche Rahmen reagiert auf Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft nur verzögert und ist somit Abbild der Vergangenheit.

Vom Tagesgeschäft absorbiert

Auch Gremien, deren Agenda sehr stark vom Tagesgeschäft dominiert wird, laufen Gefahr, wichtige Weichen für die Zukunft zu spät oder gar nicht zu stellen. Es gibt zahlreiche Beispiele für Gesellschaften, in denen der Verwaltungsrat und vor allem der Präsident viel Einfluss auf operative Themen nehmen. Dabei ist es eigentlich Aufgabe des Verwaltungsrats, die Strukturen im Unternehmen so zu gestalten, dass diese Fragen vom Management gelöst werden.

Im Umgang mit Aktionären hilft es ebenfalls, vorausschauend zu agieren. Ein Unternehmen, das operativ und strategisch auf Kurs sowie finanziell ausbalanciert ist, bietet weniger Angriffsfläche für aktivistische Investoren als eine Gesellschaft in Schieflage. Der Verwaltungsrat kann in diesem Fall aus einer Position der Stärke argumentieren und agieren. Und die Chancen, bei wichtigen Abstimmungen Mehrheiten für die eigene Position zu bekommen, sind gut.

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