Präsentiert hat Lars Jan die kinetische Installation an der vergangenen Art Basel Miami (vom 7. bis 10. Dezember). Direkt
am Strand von Miami Beach hatte er den über 450m2 grossen, mehrstöckigen Pavillon aufgestellt, durch den die Besucher wie
durch ein Labyrinth führte. Sie erlebten Bilder von üppigem Dschungel bis zu dürstender Wüste und erreichten schliesslich die oberste Ebene, fanden sich dort über einer grossen Wasserfläche.

Daraus tauchten in unterschiedlichem Rhythmus Objekte auf und versanken wieder im Pool, Objekte, die aussahen wie stilisierte Architektur, nachempfunden den nahen Hotelblocks, die den Strand säumen. Ein kontemplatives Spiel von Licht, Wasser, Bewegung und minimalistischen Formen. Erst von dieser obersten Bühne aus erkannte der Besucher, dass ihn der Weg unten durch drei riesige angelegte Buchstaben geführt hat: SOS. Denn der Umgang des Menschen mit der Erde, mit Natur und mit den Ozeanen im Besonderen beschäftigt Lars Jan seit langem.

Ein typisches Werk des 1978 in Massachusetts geborenen, multidisziplinären Künstlers, der heute in Los Angeles lebt. Er ist auch Filmemacher, Fotograf, Regisseur, Autor, Visual Artist und Initiator der Early Morning Opera, eines genreübergreifenden
Performance- und Kunstlabors. Themen seiner Werke sind aufkommende Technologien, unklassifizierbare Erfahrungen und die Interaktion mit einem Live-Publikum.

Er zeigt sie in Museen, an Kunstevents und im öffentlichen Raum auf der ganzen Welt. Mitten auf dem Times Square in New York fand im Juni eine Performance seiner spektakulären Installation Holoscenes statt: ein riesiges Aquarium, das sich langsam mit Wasser füllt und entleert, während eine (notabene vollständig angekleidete!) Person darin Zeitung liest, Gitarre spielt oder Hausarbeiten macht.

Lars Jan ist der dritte Künstler, den die Audemars Piguet Art Commission mit einem Werk für die Art Basel beauftragt. Das Uhrenhaus sucht dabei nach Künstlern, deren Arbeit die Beziehung zwischen zeitgenössischer Kreativität und komplexer Mechanik, Wissenschaft und neuen Technologien auslotet. Eine gegenseitige Bereicherung, wie Olivier Audemars, Vizepräsident des Verwaltungsrats, sagt: «Künstler und Kunsthandwerker sind enge Verwandte. Der einzige Unterschied zwischen uns besteht darin, dass wir die Dinge auf unterschiedliche Weise betrachten. Deshalb sind wir dankbar, mit Künstlern wie Lars zusammenzuarbeiten. Dank ihnen können wir unsere Ursprünge ganz neu begreifen und von den unterschiedlichen Betrachtungsweisen des anderen lernen.»

Sie verbinden Ihre Kunst oft mit philosophischen Gedanken. Was kommt zuerst: die Aussage oder die künstlerische Form?
Am Anfang ist bei mir immer eine künstlerische Idee. Sie entspringt dem, was ich in meiner Umgebung sehe, oder Formen und Bildern aus meiner Vorstellung. Ich habe oft visuelle Tagträume, sie konkretisieren sich, und ich überlege dann, ob und wie sie realisierbar sind. Im Prozess der Umsetzung verändert sich die ursprüngliche Idee wieder, Dinge fallen weg, anderes entwickelt sich hinzu. Während der Arbeit und der Auseinandersetzung entwickelt sich dann ein gedanklicher Inhalt, die Interpretation
des Projekts.

Muss Kunst heute solche Überlegungen transportieren? Kann sie nicht auch einfach für sich selbst stehen?
Auf jeden Fall – Kunst muss zuerst um der Kunst willen entstehen. Ein Künstler soll Kunst machen dürfen ohne eine wie auch immer formulierte Message. Das ist doch die Tradition der Kunst: Ihr erster Wert ist, Schönheit zu kreieren, aber auch, über Realität nachzudenken. Ich bin zwar kein Aktivist, aber es geht mir um aktives Bewusstsein. Ich denke, es ist wichtig, dass die Leute wählen und abstimmen gehen, dass sie sich engagieren und aufstehen für das, woran sie glauben.

Ich denke, es ist wichtig, sich kollektiv eine bessere, schönere Zukunft vorzustellen. Dabei hat auch die Kunst Verantwortung zu übernehmen. Auch wir Künstler sollten weiter denken als nur für die nächsten fünf Minuten und in verschiedene Richtungen mit unserem Publikum kommunizieren. Wir können einen Teil der Bevölkerung für eine Zukunft inspirieren, die die aktuellen Limiten nicht als sakrosankt hinnimmt, sondern neue Möglichkeiten sucht. Das ist der Aktivismus, den ich meine.

Slow-Moving Luminaries wurde in Miami Beach gezeigt, wo vor wenigen Monaten Hurricanes gewütet hatten– ein symbolhafter Ort, um über Umwelt und Zukunft der Welt nachzudenken.
Das stimmt. Wobei Kunst nicht ein ortgebundener, wörtlicher Kommentar auf eine Aktualität sein sollte. Sie soll anstiften, über die Zeitlimite hinaus über die Zukunft nachzudenken. Vielleicht erinnerten die Hurricanes daran, dass diese Zukunft viel weniger weit weg ist, als wir meinen. Dass die Zukunft schon Gegenwart ist.

Die Zeit scheint sich immer schneller zu bewegen – wird dadurch auch das Ablaufdatum heutiger Kunst kürzer? Ist Kunst heute nur noch für kurze Zeit gemacht?
Gute Frage. Als ich in Les Brassus die Manufaktur von Audemars Piguet besuchte, schaute ich einem Uhrmacher im Atelier der «Grandes Complications» bei der Arbeit über die Schulter und fragte ihn: Wie viele solcher Uhren machen Sie pro Jahr? Er sagte: eine, vielleicht anderthalb. Ich war sprachlos! Ich dachte, er sage vierzig oder wenigstens fünfundzwanzig.

Da begriff ich, wie nahe ich diesem Handwerk als Künstler bin: obsessiv, leidenschaftlich und detailversessen. Ich mache ja auch nicht vierzig Bilder pro Jahr. Ich schaffe ein oder zwei Projekte in drei, vier Jahren. Ich lebe mit meinen Ideen, denke dauernd an ihnen herum, sie werden zu meinem Leben. Und sie fliessen ein in Versionen anderer Projekte. An den Holoscenes zum Beispiel arbeite ich schon seit sechs Jahren, und sie werden mich sicher noch weitere drei, vier Jahre beschäftigen. Sie entwickeln sich weiter in neue Dimensionen.

Ob Kunst kurzlebig oder länger gültig ist, hängt von der Ausdrucksform des Künstlers ab. Bei mir ist es ein langsamer, mehrjähriger Prozess. Ich denke langfristig. Die Lösung von Problemen geht nicht per sofort. Wir müssen lernen, Visionen wieder mehr Zeit zu geben. Das gäbe der Gesellschaft eine ganz andere Struktur, jedenfalls den westlichen Gesellschaften. Der Markt und die Politik aber tun genau das Gegenteil. Ihr Ziel ist es, unsere Weitsicht so oft wie möglich zu brechen. Sie denken nur in Jahresumsatzzielen und in Legislaturperioden.

Sie sprachen Ihre Besuche in Le Brassus an: Wie haben Sie als Kalifornier diese Welt im Vallée de Joux erlebt?
Ich war zwei Mal dort. Es ist ein wunderschönes Tal. Es fiel mir sofort auf, dass man die gültigen Werte der Landschaft in der Arbeit der Manufaktur wiederfindet. Viele meiner Erlebnisse über Schönheit, über Formen nähren sich von meinen Erfahrungen mit der Natur. Das habe ich im Vallée de Joux wiedergefunden – die Bäume, die Wasser, die Felsen und die Felder. Darin fühlte ich mich von Anfang an mit dieser Manufaktur verbunden.

Und was dort mit Tradition, hoher Präzision und Ästhetik erarbeitet wird, hat mir sogleich einen Link zu meiner eigenen Arbeit aufgezeigt. Andererseits inspirierte mich der Ort, für den das Projekt entsteht, der Strand von Miami, da ich sehr kritisch interessiert bin an Themen wie Klimawandel, Umwelt und Meer. Das alles zeigte mir unmittelbar die Verbindung auf zu dem, was ich als Künstler will. Ich sah plötzlich den Zusammenhang zwischen der wunderbaren Landschaft im Schweizer Jura und der Küste von Florida. Entsprechend symbolisiert Slow-Moving Luminaries dies auch: eine Kombination von Bewegung, Wasser und einer stabilen, gebauten Form, die sich darin langsam rauf und runter bewegt.

Die Kombination von Ästhetik und technologischer Mechanik hat Sie auch in früheren Arbeiten interessiert.
Ja. Und dass auch neuste Technologien immer auf einer jahrhundertelangen Geschichte basieren. Als ich in Le Braussus war, sah ich Uhren in gewissem Sinn auch als philosophische Objekte. Ich dachte, dass die Mechanik eines Uhrwerks wie die Miniaturisierung von astronomischen Bewegungen ist. Das war auch die Ursprungsidee für Slow-Moving Luminaries: Sonne und Mond, die beiden Himmelskörper, die unser Zeitgefühl, den Rhythmus unseres Lebens bestimmen. Ein Uhrwerk ist die Annährung an diese kosmischen Bewegungen von immenser Grösse.

Das umzusetzen, war eine sehr reizvolle Idee und die Verbindung zu meinem Wunsch, eine Brücke zu schlagen zwischen uns und dem Kosmos. So wie es ein anderes meiner Projekte versucht, The Institute of Memory, wo thematisiert wird, wie sich unser Erinnern im Wechsel von analogen zu digitalen Archiven verändert. Das Projekt reist jetzt zu 20 verschiedenen Performances in aller Welt, ebenso wie die Arbeit Holoscenes. So wird das neue Werk auch eine philosophische Betrachtung sein zwischen unserem kleinen Dasein und dem riesigen Massstab des Kosmos.

Dieses Projekt wird von Audermars Piguet ermöglicht, früher profilierten sich Könige als Mäzene. Einer macht die Kunst möglich, und die ganze Gemeinschaft kann daran teilhaben – eigentlich eine sehr demokratische Art, Kunst zu finanzieren.
Unbedingt. Wobei das in den USA viel üblicher ist als in Europa, dort sind die öffentlichen Kulturbudgets viel grösser als bei uns. Hier sind die öffentlichen Budgets winzig, und es sind meistens Private oder Firmen, die Kunst ermöglichen. In den USA gibt es die feste Überzeugung, dass man als Teil der Gesellschaft die Aufgabe hat, Kunst zu ermöglichen, weil sie als Teil der Identität einer Gesellschaft gesehen wird.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit einer Luxusmarke für meine Kunstprojekte zusammenarbeite. Bisher habe ich die Finanzierung für alle meine Projekte, Holoscenes zum Beispiel, bei vielen verschiedenen Spendern gesammelt, sie gaben von ein paar tausend bis zu fünfzig-, achtzig- oder hunderttausend Dollar.

Wie macht man das?
Ich lancierte eine Kickstarter-Kampagne für mein Projekt, und um die 400 Leute engagierten sich, 350 von ihnen kannte ich überhaupt nicht. Man muss so etwas wie ein Dorf von Unterstützern um ein Projekt herum bauen. Es ist spannend, wie sich ganz verschiedene Gruppen einbringen, aber auch, den Interessierten gegenüber den Wert einer künstlerischen Idee zu argumentieren und sie dafür zu gewinnen.

Dies ist heute Teil des Jobs eines Künstlers. Wenn Sie das als administrative Arbeit sehen, ist es allerdings eine Qual. Wenn man es als kreative Tätigkeit sieht, ist es sehr inspirierend. Inzwischen wurde es zu einem Teil meiner Karriere.

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