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Märkte / Devisen

Die zweite Verheissung von Bitcoin

Auch wenn sich die digitale Währung nicht durchsetzt, könnte die Finanzwelt von ihr profitieren. Denn die Technologie dahinter stellt einiges auf den Kopf.

Da horcht man auf, wenn sich der IT-Chef der UBS (UBSG 16.3 -0.85%), Oliver Bussmann, so begeistert zeigt. «Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, eine massive Vereinfachung von Bankprozessen und der Kostenstruktur auszulösen», sagte Bussmann an einer Veranstaltung Ende des vergangenen Jahres. Die Blockchain ist die unter der Digitalwährung Bitcoin stehende Netzwerk- und Softwarearchitektur. Anfang Woche ist bekannt geworden, dass der Börsenbetreiber Nasdaq OMX (NDAQ 76.18 -0.31%) die Technologie einsetzen will, zuerst für den ausserbörslichen Handel.

Dabei ist es um Bitcoin selbst ruhig geworden. Die digitale Währung hat in der Öffentlichkeit viel von ihrer Reputation verloren – auch wenn sich die Lage stabilisiert hat (vgl. Textbox unten). Im Finanzsektor will man die Blockchain adaptieren, auch wenn man die Währung meidet. Die UBS hat erst im April angekündigt, speziell für diese Technologie ein Forschungslabor in London einzurichten.

Bitcoin hat gezeigt, dass eine Währung ohne zentrale Instanz funktionieren kann. Nun werden Projekte vorbereitet, wie die Blockchain als dezentral verteiltes Register alle möglichen Arten von Eigentumsrechten verwalten kann. «Im Moment entstehen erste Prototypen», erklärt Falk Kohlmann. Er ist Leiter des Think Tank E-Foresight von Swisscom (SCMN 493.9 1%). Im Finanzsektor ist laut Kohlmann der Zahlungsverkehr eines der attraktiven Anwendungsgebiete. «Darüber hinaus können Besitzrechte bei Aktien, Fonds oder Immobilien mit der Blockchain abgebildet und verwaltet werden», meint der Experte.

So betont die Bank of England in einem Bericht, dass schon heute die meisten Finanzanlagen wie Aktien und Obligationen nur im Computer existieren. «Es ist möglich, dass die derzeitige zentrale Infrastruktur des Finanzsystems durch ein verteiltes System schrittweise ersetzt wird», schreiben die Notenbanker.

Anwendungen kommen

Das Potenzial von Blockchain wird laut  Kohlmann bald erkannt werden: «Wir glauben, dass sich in nächster Zeit die ersten Anwendungsfälle als attraktive Alternativen zu bestehenden Einrichtungen erweisen werden.» Auch ausserhalb der Finanzindustrie könnte man sich die Idee der Transaktionskette zunutze machen.

Die Vision hinter Blockchain geht weit. So sollen intelligente Verträge, sogenannte Smart Contracts, ermöglicht werden, die Transaktionen ohne menschliche Einmischung abwickeln. Noch weiter geht die Idee von autonomen Organisationen, die Dienstleistungen bereitstellen oder Aufgaben wahrnehmen, ohne unter menschlicher Kontrolle zu stehen. Das hat auch einen philosophischen Reiz. Man ist nicht mehr auf die Ehrlichkeit von Menschen angewiesen, sondern kann auf eine transparente und verlässliche Logik vertrauen. Das Softwareprojekt Ethereum will eine Plattform nutzbar machen, in der Applikationen direkt in die Blockchain geschrieben werden können. So könnte in Zukunft ein Vertrag mit einer ausgefeilten Logik direkt und nicht manipulierbar festgeschrieben werden.

Denkbar ist eine autonome Versicherung, die ausgezahlt wird, wenn eine unabhängige Partei einen Schaden feststellt. Auch Treuhandkonten sind möglich, die mehrere digitale Unterschriften zur Auszahlung benötigen. Marktplätze oder Börsen sind denkbar, die eigenständig – ohne eigene Computer oder Verwaltung – arbeiten. Applikationen könnten auch selbständig den nötigen Computerspeicher handeln. So will man das Internet unabhängig von zentralen Dienstleistern wie Google (GOOGL 928.22 -1.59%) oder Yahoo (AABA 65.18 -3.21%) organisieren. Der 21-jährige Ethereum-Gründer Vitalik Buterin glaubt, dass sich Blockchain in spezifischen Anwendungen durchsetzen wird und nicht durch eine grosse Umwälzung. «In vielen Fällen wäre die Anwendung von Blockchain sinnvoll, aber die einzelnen Anwendungen müssen nicht die Welt verändern», meint Buterin.

Daraus folgt, dass die Öffentlichkeit gar nicht so viel von der Revolution im Hintergrund mitbekommt. «Der Endkunde merkt erst einmal nichts, ausser, dass es günstiger ist», sagt Kohlmann.

Offene Fragen zur Haftung

Kritik kommt von Juristen, die auf offene Fragen bei den intelligenten Verträgen und den autonomen Organisationen hinweisen. Es müsse geklärt werden, wie freigesetzte Programme haftbar gemacht werden können, wenn sie an die Stelle von zentralen Einrichtungen treten. Als unbestritten gelten dagegen «reine» Transaktionssysteme – sie sind etwa die Bausteine der Infrastruktur von Banken.

Auch das transparente Konzept von Blockchain – eigentlich ein Pluspunkt – könnte Diskussionen auslösen. Zwar ist man als Nutzer anonym, doch man kann durch die digitale Unterschrift, den öffentlichen Schlüssel, die Transaktionen verfolgen. «Eine offene Frage ist, wie anonym etwa ein Grossunternehmen in der Blockchain sein kann», meint daher Falk Kohlmann. Würden viele Transaktionen mit dem gleichen Schlüssel signiert,

könne das Unternehmen seine Identität kaum verheimlichen.

Blockchain könnte sich sehr schnell zum neuen Baustein in der Finanzinfrastruktur entwickeln. Ob sich aber all die hochtrabenden Pläne und Träume einiger Verfechter der Technologie realisieren lassen, wird sich noch erweisen müssen.