Meinungen

Digital Finance

Das Zusammenspiel von Technologie, Kundenpräferenzen und Regulierung begünstigt die beschleunigte Digitalisierung des Finanzsektors, doch es gibt auch Risiken. Ein Kommentar von Dirk Niepelt.

Dirk Niepelt
«Viele sind bereit, ihre Finanzangelegenheiten Bigtechs anzuvertrauen.»

Seit Jahrzehnten werden Wertpapiere elektronisch verwahrt, Zahlungen bargeldlos abgewickelt und Kundendaten digital verwaltet. Der Digitalisierungsprozess im Finanzsektor ist also nicht neu. Doch sowohl seine Dynamik als auch seine Qualität scheinen sich spürbar beschleunigt zu haben, zumindest ist Digital Finance in aller Munde. Was sind die Gründe hierfür, und worauf dürfen wir uns gefasst machen?

Getrieben werden die Veränderungen von technologischen Neuerungen und gewandelten Kundenbedürfnissen. Alltagstaugliche mobile Kommunikation und fortschreitende Vernetzung ermöglichen einen rascheren und flexibleren Zugriff auf mehr und mehr kundenrelevante Informationen. Der aktuelle Depot- und Kontostand kann ebenso am frühen Sonntagmorgen abgerufen werden wie Informationen über ausstehende Zahlungen, Kreditzinsen, das Kostensparpotenzial in gewissen Ausgabenkategorien oder aber die Bonität einer Gegenpartei.

Breite Bevölkerungsschichten und viele Unternehmen sind bereit, sich auf diese Möglichkeiten einzulassen, oder sie erwarten sie sogar. Dabei stellen sie auch Sicherheitsbedenken hintan und nehmen Einschränkungen der Dienstleistungsqualität oder der Privatsphäre in Kauf. Gemäss einer Umfrage des Beraters McKinsey sind mehr als 60% der Befragten bereit, ihre Finanzangelegenheiten Bigtech-Unternehmen wie Amazon (AMZN 2095.97 -2.65%) und Google anzuvertrauen. Der Erfolgsausweis traditioneller Banken in puncto Datensicherheit und Diskretion scheint an Bedeutung verloren zu haben.

Wettbewerbsdruck eröffnet Chancen

Doch technologische Neuerungen und veränderte Präferenzen allein können den derzeitigen Umbruch im Finanzsektor nicht erklären. Zentral für die Dynamik und die Qualität der Veränderungen scheint das Zusammenspiel zwischen Technologie und Kundenwünschen einerseits und Regulierung andererseits zu sein. Dieses Zusammenspiel hat einen Punkt erreicht, an dem graduelle Veränderungen zu strukturellen Brüchen bei Geschäftsmodellen und im Branchengefüge führen.

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen verschärft das sich wandelnde regulatorische Umfeld den Wettbewerbsdruck auf bestehende Finanzdienstleister. Open-Banking-Initiativen und ähnliche Massnahmen in vielen Ländern reduzieren die Fixkosten des Markteintritts für Neuanbieter. Sie erleichtern es Kunden, Anbieter zu vergleichen und zu wechseln, sie ermöglichen es Neobanken, sich auf die interessantesten Geschäftsfelder zu konzentrieren und wenig rentable Prozesse den alteingesessenen Konkurrenten zu überlassen.

Zum anderen verschaffen die regulatorischen Rahmenbedingungen Fintechs und Bigtechs Wettbewerbsvorteile, weil sich die Geschäftsmodelle der Neulinge nicht so einfach in die gängigen Regulierungsmuster einordnen lassen. Traditionell zielt Regulierung im Finanzsektor auf den Schutz von Gläubigern – insbesondere Einlegern und Investoren – und die Sicherung der Stabilität von Finanzintermediären und ihren Netzwerken. Doch die Geschäftsmodelle von Fintechs und Bigtechs berühren gleichermassen den Verbraucher- und den Datenschutz, das Wettbewerbsrecht und andere Bereiche. Dies schafft Inkonsistenzen und Lücken in Überwachung und Regulierung, die den Neueinsteigern im Markt Vorteile verschaffen.

Eine zweckmässige Aufsicht von Neobanken erfordert neue Formen der Abstimmung und der Koordination zwischen Regulierungsbehörden, ganz zu schweigen von den neuen gesetzlichen Grundlagen, die geschaffen werden müssen, um die technologischen Neuerungen überhaupt juristisch erfassen und handhaben zu können. Bis diese Grundlagen geschaffen sind, vergehen Jahre. In der Zwischenzeit bleibt die allseits angestrebte Technologieneutralität der Regulierung Stückwerk oder gar Wunschdenken.

Etablierte Banken könnten die privilegierten Geschäftsmodelle der Neobanken im Prinzip übernehmen. Doch damit würden sie auch die Nachfrage nach ihren traditionellen Produkten verringern und sich selbst ins Fleisch schneiden. Entsprechend zurückhaltend agieren viele Institute noch. Für sie wird eine zentrale betriebswirtschaftliche Herausforderung darin bestehen, den geeigneten Zeitpunkt für die Lancierung neuer, digitaler Produkte und die Aufgabe althergebrachter Cash Cows zu finden.

In der neuen, digitalen Finanzwelt werden sich die Erwartungen der Kunden dauerhaft verändert haben, und Kundendaten werden wesentlich stärker genutzt werden als heute bspw. durch Kreditkartenfirmen. Drei Faktoren werden besonders wichtig für den Geschäftserfolg sein: Technologieführerschaft, Skalenvorteile, die hohe Fixkosten umzulegen erlauben, und exzellentes Verständnis der regulatorischen Rahmenbedingungen. Fintechs können v. a. beim ersten Faktor punkten, traditionelle Finanzdienstleister beim letztgenannten. Entsprechend attraktiv dürften Übernahmen von Fintechs durch Banken oder aber Kooperationen werden.

Mit den neuen Fintech-Bankgruppen werden die Bigtechs konkurrieren. Sie können bei den Finanzdienstleistungen, die sie im Rahmen ihrer «Plattform-Ökosysteme» zusammen mit unzähligen anderen Produkten anbieten, von enormen Skalenerträgen profitieren. Ob das genügt, um im Finanzbereich dauerhaft Fuss zu fassen, wird davon abhängen, inwieweit es den Bigtechs auch gelingt, sich an das regulatorische und politische Umfeld anzupassen.

Trend zu sinkenden Gebühren

Die fortschreitende Vernetzung im Zuge von Digital Finance erhöht die systemischen Risiken im Finanzsektor – ein einziger erfolgreicher Hackerangriff kann unzählige Kundendaten kompromittieren und sogar dazu führen, dass Eigentums- und Vermögensverhältnisse in Zweifel gezogen werden. So werden betrieblich operative Risiken nicht nur zur Gefahr für das Fundament der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Finanzstabilität berührt auch nationale Sicherheitsinteressen. Anderseits helfen Vernetzung und die Portabilität von Daten bei der Diversifikation operativer Risiken und machen dadurch das Finanzsystem robuster. Wie heftig neue staatliche Eingriffe zum Schutz der Systemstabilität ausfallen, wird daher stark davon abhängen, inwieweit die Akteure im Finanzmarkt die Auswirkungen ihrer eigenen Verletzbarkeit auf das Gesamtsystem im Auge behalten und berücksichtigen. Dass derartige Eingriffe kommen werden, scheint aber nahezu sicher.

An Fahrt aufnehmen dürfte auch die Diskussion darüber, ob Bürger über genügend Kompetenzen verfügen, um mit den Herausforderungen von Digital Finance umgehen zu können. Wenn eigenverantwortliches Verwalten der Zugangsrechte zu persönlichen Daten und die Auswahl von Plattformen zu kritischen Grundkompetenzen werden, dann birgt dies sozialen Sprengstoff. Denn die Gefahren von Digital Illiteracy dürften denjenigen von Financial Illiteracy in nichts nachstehen. Diese Thematik gewinnt gerade dadurch an Bedeutung, dass Digital Finance neuen Bevölkerungsgruppen den Zugang zum Finanzmarkt öffnen dürfte. Die Gebührensenkungen, die man sich von Digital Finance verspricht, könnten also auch Schattenseiten haben.

Fraglich ist schliesslich, wie hoch solche Gebührensenkungen überhaupt ausfallen werden. Neue Studien deuten darauf hin, dass nach nahezu einem Jahrhundert konstanter Preise für Finanzintermediation die Gebühren in den letzten Jahren gefallen sind. Dies könnte Effizienzsteigerungen reflektieren oder aber geringere Profite infolge verstärkten Wettbewerbs. In beiden Bereichen liegt das Potenzial von Digital Finance.