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Digitale Revolution krempelt Finanzindustrie um

Eine Vielzahl Start-ups der Fintech-Branche greifen die Geschäftsmodelle der etablierten Finanzinstitute an. David kämpft mit und gegen Goliath.

Die Schweizer Banken haben in den vergangenen Jahren in puncto digitaler Innovation geschlafen, sagte der VR-Präsident der Credit Suisse im Gespräch mit FuW-Chefredaktor Mark Dittli am Mittwoch (lesen Sie hier mehr). An der Konferenz FinTech 2015 des Finanz und Wirtschaft Forum gingen Experten der Banken- und Fintech-Branche der Frage nach, wie sich die digitale Revolution auf beide Industrien auswirken wird.

«Kunden brauchen die Bank nicht mehr», sagte David Rowan, Chef des Technologie-Magazins Wired aus Grossbritannien in seinem Auftaktreferat. Für seine provokative Behauptung stehen eine Vielzahl von Start-ups der Fintech-Branche, die das alte Geschäftsmodell der etablierten Finanzinstitute angreifen und damit in wenigen Jahren Millionenumsätze generieren. Allein 2014 flossen über 12 Milliarden Dollar an Investitionen in Fintech-Start-ups.

Eines dieser Unternehmen, das dessen Gründer Mark Henkel im Dolder Grand vor rund 200 Teilnehmern vorstellte, ist Paymill. Die Münchner Firma stellt kleinen und mittleren Unternehmen einen schnellen, unkomplizierten Bezahldienst zur Integration auf deren Webseiten zur Verfügung. Doch nicht nur im Zahlungsverkehr macht Paymill den Banken Konkurrenz. Das Fintech-Unternehmen gibt selbst kurzfristige Kredite an Händler aus, die via Beteiligung an den Transaktionen zurückgezahlt werden.

Transparent und benutzerfreundlich

Ein anderer Fintech-Vertreter ist Wikifolio. Geschäftsführer Andreas Kern erläutert, dass auf seiner Plattform private und professionelle Anleger ihre Strategie veröffentlichen. Investitionswillige können die Strategien kaufen und so die gleichen Gewinne machen. Der Käufer hat die Rendite eines erfolgreichen Traders, dieser zusätzlich die Gebühr des Käufers, die er sich mit Wikifolio teilt. Das Angebot ist transparent und benutzerfreundlich.

Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und Vermögensverwaltung, drei klassische Geschäftszweige von Banken, die von Neulingen schneller, transparenter und teilweise besser abgewickelt werden können, als von den Finanzdinos. Warum werden die Goliaths von den Davids überholt? «Man braucht Speed», sagt Markus Nigg vom IT-Dienstleister ti&m, der unter anderem für die CS Apps zum mobilen Banking entwickelt. Grosse Unternehmen besitzen eine IT, die auf Stabilität ausgelegt sein muss. Sicherheit ist die oberste Priorität. Die kann der Innovation aber auch im Weg stehen. Ein kleines, kreatives Unternehmen könne mit den richtigen Leuten ganz anders agieren, ist Nigg überzeugt. Ein Beispiel für die zeitliche Diskrepanz: Tauchten 2005 die ersten Crowdfunding-Start-ups auf, brauchte es rund zehn Jahre bis die erste Schweizer Bank – die Basellandschaftliche Kantonalbank – Ende 2014 eine eigene Crowdfunding-Plattform aufsetzte.

Regulierung bindet Ressourcen

Die Banken werden aber noch von anderen Entwicklungen gehemmt: Die Finanzkrise und die folgenden Regulierungen hat die Aufmerksamkeit der Manager gebunden. Das aufgegebene Bankgeheimnis hat die Institute zudem träge werden lassen, drückt es CS-Präsident Rohner aus. Währenddessen hat sich das Kundenverhalten mit der Entwicklung des Smartphone geändert, so Marco Abele, Chef Digitales Private Banking bei der CS.

Datenflut und eine neue Transparenz hätten die Nutzer informierter und anspruchsvoller werden lassen. Die junge Generation, die ein Leben ohne Internet gar nicht kennt, setzt nicht mehr so sehr auf die persönliche Beratung durch Bankmitarbeiter. Laut dem Retail Banking Report 2014 erledigen 57% der Bankkunden ihre Geschäfte via Computer, allerdings mit abnehmender Tendenz. In diesem Bereich verzeichnen die mobilen Geräte enormen Zuwachs: Tätigten 2013 nur 13% der Bankkunden ihre Geschäfte übers Smartphone, waren es 2014 schon 22%. Den Weg in die Filiale finden nur noch 14%. “Meine Kinder werden nicht mehr in eine Bank gehen”, spitzt es CS-Präsident Rohner zu. Bald herrsche totale Transparenz und Vergleichbarkeit. “Da wird sich die Spreu vom Weizen trennen”, so Rohner. Deswegen müssten Banken ihre Kultur ändern, sagt Marco Abele. Der Kunde müsse auf Augenhöhe ins Zentrum gestellt, seinen Ansprüchen Genüge getan werden. Das Know-how der kleinen Fintech-Start-ups sei dabei unerlässlich. So investiert die UBS beispielsweise in ein “Innovationslabor” im Fintech-Inkubator L39 in London, und die CS beobachtet die Branche weltweit und geht auf diejenigen Unternehmen zu, die für sie erfolgversprechend scheinen.

«Nicht nur Silicon Valley»

«Man muss aber nicht immer ins Silicon Valley gehen», sagt der Schweizer IT-Experte Nigg. Auch in der Schweiz gebe es vielversprechende Start-ups. Die Fintech-Szene ist mit knapp 100 Unternehmen allerdings überschaubar – und das bei einem der wichtigsten Bankenplätze der Welt. Der grosse Fintech-Hub in Europa scheint uneinholbar London zu sein. Private Geldgeber müssten aktiv werden, um die heimische Szene zu stärken, meint Urs Rohner – allen voran die Banken. Denn auch wenn noch unklar sei, wie sich ihr Geschäftsmodell durch die Fintech-Szene genau verändern werde, noch hätten sie das Geld, um diese Entwicklung für sich profitabel zu beeinflussen.

Credit Suisse: "Digitalisierung wird das Banking völlig neu aufstellen"AWP/Andreas Hohn

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