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Digitales Anlegen braucht Anschubhilfe

Die Schweiz ist ein schwieriges Pflaster für unabhängige Online-Vermögensverwalter. Truewealth von Felix Niederer und Oliver Herren zeigt einen neuen Lösungsansatz.

Pascal Meisser

Sie waren die Shootingstars der Fintech-Start-up-Szene gewesen. Oliver Herren, Mitbegründer der Onlineplattform Digitec, sowie Felix Niederer, Physiker und erfahrener Portfolio-Manager. Sie waren vor zwei Jahren angetreten, um die Vermögensverwaltung digital zu revolutionieren. Ihre Ziele waren hoch angesetzt: Mit ihrem Robo Advisor Truewealth wollten sie bis Mitte nächsten Jahres 1 Mrd. Fr. verwalten.

Ein Robo Advisor ist eine automatisierte Online-Vermögensverwaltung, die auf Basis eines Fragebogens die Risikofähigkeit von Anlegern auslotet und das anvertraute Geld entsprechend und kostengünstig in Aktien- und Obligationen-ETF investiert.

Das Milliardenziel war zu hoch gegriffen, das wurde auch Niederer und Herren bald klar. Bis heute haben tausend Kunden Gelder in der Höhe von 50 Mio. Fr. dem Start-up anvertraut, bis Sommer 2017 sollen es 100 Mio. sein – ein Zehntel des ursprünglichen Ziels.

Schwieriges Unterfangen

Diese Summen zeigen, wie schwierig es ist, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen. «50 Mio. Fr. nach zwei Jahren ist keine schlechte Zahl für einen Anbieter, der bislang unabhängig ist», sagt Robo-Advisor-Spezialist Michael Mellinghoff des Beratungsunternehmens Techfluence. Auch Fondsgesellschaften hätten nach ihrer Gründung Jahre benötigt, um die erste Milliarde zu erreichen.

Das Hauptproblem: Ein Geschäft mit Vertrauensprodukten – und das ist bei Finanzanlagen der Fall – braucht Zeit. Mellinghoff geht davon aus, dass der Anbieter eines Robo Advisory mindestens drei Jahre benötigt, um in breiten Kreisen überhaupt anerkannt zu werden.

Dazu kommt, dass Schweizer Kunden träge sind, wenn es um den Wechsel der Kundenbeziehungen zu einem Dienstleister geht. Das gilt noch mehr, wenn es sich um ein unbekanntes Start-up handelt. Selbst etablierte Anbieter haben es nicht einfach, Kunden zu einem Wechsel zu bewegen. Das zeigt sich exemplarisch bei Krankenkassen. Die Migrationsrate liegt bei einer tiefen einstelligen Prozentzahl, obschon sich einfach Geld sparen liesse.

Enemy wird Friend – «Frenemy»

Entsprechend hat Truewealth ihr Geschäftsmodell jüngst angepasst und folgt dem neuen Zeitgeist in der Finanztechnologie – Kooperation statt Disruption. Die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) ist bereits als Investor und Partner an Bord. Weitere Institute sollen folgen. «Wir sind im Gespräch mit mittelgrossen Banken», sagt Mitbegründer Niederer.

«Solche hybriden Modelle zwischen Banken und Fintech-Start-ups werden in der Schweiz die grössten Erfolgschancen haben», sagt Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ). Reine Online-Anbieter dürften langfristig eher Mühe bekunden.

Eine Studie des IFZ und der Swisscom zur Online-Vermögensverwaltung sieht deshalb das grösste Wachstumspotenzial bei solchen hybriden Lösungen. Umso mehr, weil inzwischen fast jede Bank und jeder grössere Vermögensverwalter sich dieses Themas angenommen hat.

Auch weltweit ist dieser Trend spürbar. So ist der Fondsverwalter Vanguard mit über 40 Mrd. $ verwalteten Vermögen der grösste Robo Advisor weltweit. BlackRock übernahm 2015 das Start-up Future Advisor, Fidelity sprang dieses Jahr auf den digitalen Zug auf – und die UBS will 2017 ihre digitale Lösung Smartwealth in Grossbritannien ausrollen, zu einem späteren Zeitpunkt auch in der Schweiz.

Hinter dem Spitzenfeld tummelt sich eine Vielzahl von unabhängigen Anbietern. Allein in Europa zählte das Beratungsunternehmen Techfluence vierundsechzig Anbieter im Bereich der digitalen Vermögensverwaltung – Tendenz noch immer steigend.

Leser-Kommentare

Jürg Flückiger 22.12.2016 - 18:08

Jede Schweizer Bank macht alles, um das Vermögen ihrer Kunden bei sich zu behalten. Ohne die Verbindung mit einer oder mehreren Banken ist Robo-Adviser kaum Erfolg beschieden.
JF