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«Digitalisierung bedeutet Ausprobieren»

Welche digitale Strategie soll der Schweizer Finanzplatz verfolgen? Am Finanz und Wirtschaft Fintech Forum 2017 suchten vier Branchenkenner eine Antwort auf diese Frage.

Mit einem Klick einkaufen, Transaktionen ausführen, investieren. Die Welt wird von Tag zu Tag digitaler und dadurch schneller. Neue Unternehmen drängen auf den Markt.

Das verändert die Geschäftsmodelle vieler bestehender Unternehmen fundamental. Gerade für die Finanzdienstleister «sieht das Produkt nach der Digitalisierung komplett anders aus», sagt Hansruedi Köng, Geschäftsführer der PostFinance. Doch mit welcher Strategie sollten sich die Institute den digitalen Herausforderungen stellen?

Professor Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern, Ivo Furrer, CEO Swiss Life (SLHN 363.4 -1.92%) Schweiz, Hansruedi Köng, Geschäftsführer der PostFinance, und Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg (HBLN 4320 -0.46%), diskutierten am Finanz und Wirtschaft Fintech Forum 2017 über die digitale Zukunft des Schweizer Finanzplatzes.

Erfolg ist kein Zufall

Die Hypothekarbank Lenzburg ist im Bereich der Digitalisierung eine Musterschülerin. Das von ihr entwickelte Kernbankensystem Finstar konnte bereits an neun Kunden weiterverkauft werden. Für Wildi ist dieser Erfolg kein Zufall. Die Strategie der Regionalbank sei historisch gewachsen. Sie sei niemals stehen geblieben, denn Digitalisierung bedeute einen ständigen Lernprozess. Bei der Innovation helfe natürlich auch die bescheidende Grösse.

Dem pflichtet Köng bei, kleine Unternehmen hätten einen Vorteil. Sie könnten mehr ausprobieren und mehr wagen. Denn es gebe nicht die eine Digitalisierung. Vielmehr bedeute sie Ausprobieren. Daher sei es nicht sinnvoll, heute eine Digitalstrategie für die nächsten fünf Jahre zu entwerfen.

Digitalisierung dank Zusammenarbeit

Der Swiss Life sei es gelungen, das technologische Erbe zu überwinden und heute bei der Digitalisierung dabei zu sein, das sei aber nur dank dem Austausch mit anderen Anbietern möglich, sagt Furrer. Das Versicherungsunternehmen entwickelt daher mit verschiedenen Start-ups digitale Lösungen.

Doch gerade der Erfolg neuer Unternehmen kann auch eine Herausforderung für bestehende Strukturen darstellen. Laut Professor Dietrich bietet die Schweiz ein hervorragendes Umfeld für Fintech-Start-ups. Hinter Singapur belegten Zürich und Genf den zweiten und den dritten Platz seiner Studie, die die Rahmenbedingungen für Fintech-Unternehmen weltweit untersucht hat.

Zwei grosse Probleme

Die Finanzindustrie in der Schweiz kämpft laut Dietrich heute mit zwei grossen Problemen im Hinblick auf die digitale Strategie. Einerseits seien die Prozesse nur oberflächlich digitalisiert, andererseits stecke die Personalisierung der Angebote noch in den Kinderschuhen.

Trotzdem ist das Finanzdienstleistungsgeschäft im Gegensatz zu anderen Industrien heute noch sehr geschlossen. Nur wenige kleine Unternehmen hätten sich erfolgreich auf dem Markt etabliert und dadurch die bestehenden Anbieter in Bedrängnis gebracht. Das liege vor allem an der Komplexität des Geschäfts, glaubt Köng.

Gerade das Beispiel des Bezahlungssystems Twint, dessen Neulancierung wiederholt verschoben worden ist, zeige, wie schwierig es sei, die verschiedenen Systeme unter einen Hut zu bringen. In anderen Branchen ist es einfacher, den Markt aufzumischen. «Ein Uber-Fahrer muss auch nur Taxi fahren und kein neues System entwickeln», sagt Köng.

Kooperation ist vielversprechender als Konfrontation

Dennoch ist Kooperation erfolgsversprechender als Konfrontation, da sind sich die Diskutierenden einig. Durch die Zusammenarbeit könnten frische Produkte und Applikationen entstehen, die auf einem etablierten Bankensystem gründeten.

Kaum Sorgen scheinen die Teilnehmer wegen grosser Technologieunternehmen aus dem Ausland zu haben. «Es ist toll, dass es die Finma gibt», sagt Ivo Furrer. Marianne Wildi pflichtet ihm bei, die Regulierung habe auch Vorteile, sie schrecke die Grossen aus dem Ausland etwas ab. Aber eigentlich seien «die Grossen bei uns schon genug gross». Genau darum dürfe sich niemand ausruhen. Die digitale Strategie für den Finanzplatz Schweiz lautet derzeit anscheinend: in Bewegung bleiben.