Kaum eine Schweizer Übernahme erhält derzeit mehr Aufmerksamkeit als diejenige des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise (SRCG 79.55 2.51%). Er sei überzeugt, die Mehrheit der Aktionäre hinter sich zu haben, sagte Sunrise-Finanzchef André Krause am Dienstag anlässlich des von «Finanz und Wirtschaft» organisierten Forums «Mergers & Acquisitions».

Der grösste Sunrise-Aktionär, Freenet (FNTN 20.36 0%), lehnt die zur Finanzierung der Transaktion nötige Kapitalerhöhung ab. Sie wäre mit 4 Mrd. Fr. höher als der aktuelle Börsenwert von Sunrise. «In den kommenden Wochen werde ich Investoren treffen und herausfinden, ob sie skeptisch sind», so Krause weiter.

Das Beispiel von Sunrise und UPC illustriert die Herausforderungen, denen kotierte Unternehmen bei Fusionen, Übernahmen oder Zusammenschlüssen ausgesetzt sind. Bei Privatbesitz sehen sie anders aus.

Gute Erfahrungen mit Private Equity

Für Georges Kern, CEO und Mitbesitzer des Uhrenherstellers Breitling, hat die Unabhängigkeit Vor- und Nachteile. Er hat zwar mit der Private-Equity-Gesellschaft CVC ebenfalls einen grossen Investor an seiner Seite, bezeichnet die Zusammenarbeit aber als sehr dynamisch. «Als private Firma sind wir freier, gerade in Bezug auf Corporate Governance», sagte er.

Die Unabhängigkeit sieht Kern auch als grossen Pluspunkt beim Vertrieb. Durch wen seine Uhren verkauft würden, könne er viel stärker mitbestimmen. Das soll auch helfen, Breitling das Überleben zu sichern. Seiner Prognose nach würden bloss zehn bis fünfzehn Uhrenmarken die kommenden Jahre der zunehmenden Globalisierung überstehen, weil Verkäufer immer weniger auf kleine Hersteller setzten.

Auf europäischer Ebene hat sich das Sentiment in der M&A-Community spürbar verändert. Das Volumen grosser Transaktionen in Europa ist 22% tiefer als im Vorjahr, was nach zwei Quartalen 652 Mrd. € entspricht.

Gründe für die Abkühlung sind schwächere Wirtschaftsdaten, geopolitische Unsicherheiten, der drohende Brexit oder zunehmender Protektionismus, wie aus einer Umfrage der Anwaltskanzlei CMS hervorgeht. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits Ende 2018 begann. Das vierte Quartal war so schwach wie seit Anfang 2013 nicht mehr.

Digitalisierung fördert Aktivitäten

Gleichwohl gibt es Geschäftsfelder, in denen Unternehmen akquisitorisch tätig sein müssen, um ihre Zukunft zu sichern. Der Medienkonzern Ringier hat in den letzten Jahren vierzig Transaktionen durchgeführt und dabei 1,8 Mrd. Fr. investiert, wie Finanzchefin Annabella Bassler an der Panel-Diskussion sagte. Dies hauptsächlich, um den «Herausforderungen der Digitalisierung» zu begegnen. Bei diesen Aktivitäten habe der Privatbesitz gar geholfen, allerdings sei die gute Beziehung zur Besitzerfamilie entscheidend.

Gross sind die Herausforderungen und Möglichkeiten der Digitalisierung auch für die Pharmaindustrie. Laut Boris Zaïtra, verantwortlich für M&A bei Roche (ROG 288.95 -0.17%), muss sich die Branche alle zehn bis fünfzehn Jahre neu erfinden. Die zunehmende Bedeutung von Daten spielt dabei eine wichtige Rolle, weshalb Roche hier viel investiert hat. Vor einem Jahr wurde Foundation Medicine übernommen, ein in der Datenanalytik der Krebsforschung tätiges Unternehmen.

In mehreren Diskussionsrunden wurde klar, dass die Unternehmenskultur der springende Punkt bei Übernahmen ist. «Die Tradition, die Gepflogenheiten und das Personal müssen stimmen», sagte Heinz Baumgartner, CEO von Schweiter (SWTQ 985 0.82%). Aus Anlegersicht sei die Kultur ebenfalls entscheidend, sagte Gregor Greber vom aktivistischen Investor Veraison. «Und die Frage, ob das Management die vorhandenen Probleme lösen kann.»

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