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Digitalisierung – wir müssen reden

Dafür oder dagegen ist nicht die Frage unserer Zeit, sondern wie wir die Debatte darüber mit möglichst allen führen.

Christina Kehl

Wofür steht die digitale Revolution, von der alle sprechen? Wogegen revoltieren wir? Und am allerwichtigsten: wofür? Auf Podiumsdiskussionen, in Talkshows, in der Tageszeitung, in der Politik, in der Wirtschaft, einfach überall – das Thema der Digitalisierung ist omnipräsent. Der Bundesrat rief einen digitalen Beirat ins Leben, Deutschland hat eine Staatsministerin für Digitales, Estland hat schon vor längerer Zeit mit E-Estonia die digitale Gesellschaft ausgerufen, und hierzulande spricht man von der Crypto Nation und dem Home of Drones. Wir reden von Tech und Labs, von Start-ups, von Fintech, Innovation, Disruption, Revolution.

Dabei spaltet sich die Diskussion, auch auf dem Finanzplatz Schweiz, nicht selten in zwei Lager. Auf der einen Seite haben wir die Enthusiasten und selbst ernannten Changemaker, die Techis, die Nerds, die Digital Natives. Auf der anderen Seite stehen die Skeptiker, die Konservatoren, die Technikverweigerer. Die einen finden sich wahnsinnig modern und werfen den anderen vor, aus der Zeit zu fallen. Die anderen haben Angst, abgehängt zu werden, nicht mehr Schritt halten zu können, und werfen ihrerseits Rücksichts- und Gedankenlosigkeit vor. Und die Schere scheint immer weiter aufzugehen.

Uns fehlt die grosse Idee

Die wichtigste Frage haben wir uns noch nicht beantwortet, vielleicht noch nicht einmal gestellt: In welch einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Und auf Finance bezogen: Wie soll der Finanzplatz Schweiz der Zukunft aussehen? Was sind unsere Visionen? Wir verfolgen eine Revolution, der das Fundament der grossen gemeinsamen digitalen Idee völlig fehlt.

Technologie und Revolution sind zum Selbstzweck verkommen. Du bist dafür oder dagegen. Die Diskussion ist schwarz oder weiss und verliert sich dabei in Details. Wir sprechen über künstliche Intelligenz, Machine Learning, Robotics, Automatisierung, Vernetzung, Blockchain. Der Wandel an sich soll Ziel genug sein, Innovation und Fortschritt oberste Maxime.

Doch Wandel und Fortschritt sind nur zielführend innerhalb eines gesicherten Rahmens und im Kontext einer grösseren Zukunftsstrategie. Unsere Gesellschaft hat sich über die Jahrhunderte Werte, Freiheiten und Rechte erkämpft, die zur Grundlage unserer wirtschaftlichen Entwicklung wurden und die wir nicht zur Disposition stellen dürfen.

Von der Technologisierung getrieben, sind wir dabei unsere Gesellschaft vollständig zu verändern. Im Vergleich zur Oktoberrevolution oder zur französischen Revolution geschieht dies weniger auf dem politischen Parkett, sondern vielmehr in der Wirtschafts- und Arbeitswelt: oder eben auf dem Bankenplatz Schweiz.

Auf Schweizer Werte achten

Wir müssen uns endlich darüber unterhalten, was die unerschütterlichen Schweizer Werte in einer digitalen Welt sein sollen. Der Grossteil der Skeptiker, Digitalisierungs- und Globalisierungsgegner steht doch nicht dem Fortschritt per se entgegen. Wir alle brauchen die Gewissheit, dass unsere Rechte, unsere Werte, unser Wohlstand und unsere Freiheiten geschützt sind. Nur dies wird auch einen Fortbestand der Schweizer Finanzwelt garantieren. Denn genau diese Werte, die Stabilität und die Sicherheit, haben die Bankenplätze Zürich und Genf gross gemacht und könnten ihnen zum Sprung in die digitale Moderne verhelfen. Im Zuge der Digitalisierung wird die Wertschöpfung in allen anderen Wirtschaftsbereichen immens gesteigert – der Kuchen wird immer grösser. Die Frage ist nur, wer bekommt wie viel oder überhaupt etwas davon ab. Die Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte Anfang 2018 eine Studie, die besagt, dass 82% des weltweit neu erwirtschafteten Wohlstands 1% der gesamten Menschheit zugutekommt. Alle anderen Menschen teilen sich die restlichen 18%.

Dies zeigt, wenn wir einfach so weitermachen, steigern wir zwar die (digitale) Wertschöpfung immens, doch nur wenige partizipieren. Und genau dies begründet in so vielen Menschen die Angst vor der Digitalisierung. Es ist nicht die Technologie per se, die ängstigt, sondern das, was der Manager daraus macht.

Ein neues Bild der Moderne

Die Digitalisierung ist die wohl grösste Chance in der Geschichte der Menschheit. Unangenehme, monotone und unattraktive Arbeiten werden mehr und mehr von Maschinen übernommen. Der Mensch hat Zeit für Kreativität, für Muse, für die eigene Entfaltung, statt tagein, tagaus zunächst das eigene Überleben zu sichern. So könnte die Zukunft aussehen.

Gleichzeitig steigt die Produktivität, und bildlich gesprochen gibt es künftig Maschinen, die viel mehr Rahm schlagen werden, als menschliche Arbeitskräfte es selbst könnten. Derzeit deutet sich allerdings an, dass diese Rahmberge nicht wie in der Vergangenheit in der Schweiz entstehen werden, sondern in Asien und den USA. Auch werden sie nicht gerecht verteilt, sondern die überwiegende Mehrheit der Menschen erhält nichts davon.
Sollte uns dies ängstigen? Wie reagieren wir darauf? Haben unsere bewährten Geschäftsmodelle ausgedient? Wir müssen ein völlig neues Bild der digitalen Moderne für Gesellschaft und Wirtschaft und damit auch für den Finanzplatz Schweiz zeichnen, ohne uns weiterhin in der Schwarz-Weiss-Debatte zu verheddern. Alle Stimmen müssen gehört werden, denn es geht nicht um das Dafür oder das Dagegen. Es geht um das Wie.

Wir brauchen ein umfassendes digitales Zukunftsmodell, das unsere etablierten Schweizer Rechte und Werte sichert. Wir müssen wieder als Menschen ans Steuer und lernen, dass Technologie unser Denken nicht beherrschen darf, sondern dass die Technologie, auch und gerade die digitale Technologie, wertvolle Werkzeuge für uns sind, mit deren Hilfe wir unsere Ziele erreichen und unsere Pläne verwirklichen können.
Wir brauchen eine digitale Vision für unser Land und den Finanzplatz Schweiz. Lasst uns reden!

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