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Donald Trumps schöne neue Welt

In Amerika könnten die Menschen immer mehr ihre Fähigkeit verlieren, zwischen lebendiger Realität und ihrem virtuellen Schatten zu unterscheiden. Ein Kommentar von Nina L. Chruschtschowa.

Nina L. Chruschtschowa, New York
«Heute hat das Entertainment eine neue Phase erreicht – ebenso wie die Politik.»

«Was wir lieben, wird uns ruinieren», prophezeite Aldous Huxley 1932. In «Schöne Neue Welt» beschrieb er eine Menschheit im Jahr 2540, die sich aufgrund ihres Verlangens nach ständiger Unterhaltung, der Dominanz der Technologie und eines Überflusses an materiellen Gütern selbst zerstört. Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten scheinen die Vereinigten Staaten Huxleys Vorhersage bereits über 500 Jahre früher zu verwirklichen.

Die öffentliche Kultur Amerikas schreckt schon seit langem vor intellektuellem Denken zurück. Oft wird für eine Art volkstümlichen Laissez-faire-Egalitarismus geworben, der die Voraussetzung für uneingeschränkte Kreativität und den dadurch geförderten ungezügelten Kapitalismus ist. Alles, was man zum Aufstieg benötigen soll, sind Mut und Beharrlichkeit.

Für Länder wie die Sowjetunion, die grössere Ähnlichkeit mit der Welt von George Orwells dystopischem Roman «1984» hatte, war dies einst ein attraktives Modell. An einem Ort, wo jegliche kulturelle Kreativität durch die Kontrolle der Regierung in den Untergrund verbannt wurde, wirkte der volkstümliche Geist und Ideenreichtum, der durch Amerika verkörpert schien, wie ein schöner Traum.

Hollywood als Vorbild

Aber in einer Welt wie derjenigen von Orwell baut sich letztlich politischer Druck auf, und wie in der Sowjetunion 1991 wird das System dann durch eine immer stärkere Dissidentenbewegung weggefegt. Werden die Menschen allerdings durch stumpfsinnige Unterhaltung und Haufen von Krempel abgelenkt, verlieren sie ihren Willen zum Widerstand. Früher oder später mangelt es ihnen so sehr an Wissen und Fähigkeiten, dass sie einem solchen Leben, sogar wenn sie dies wollen, keinen Widerstand mehr entgegensetzen können.

Mit anderen Worten, die Welt, auf die die Sowjetbürger so grosse Hoffnung setzten, könnte eine andere Art von Gefängnis darstellen – ein vielleicht weniger unangenehmes, aber auch eines, aus dem es schwerer zu entkommen ist. Dies ist die Welt, vor der die USA jetzt stehen.

Seit langem schon verleiht die amerikanische Kulturindustrie der Politik des Landes einen Geschmack von Hollywood-Surrealismus. Politiker sind Charaktere, die von Jimmy Stewarts moralisch unkorrumpierbarem Unschuldigen in «Mr. Smith geht nach Washington» (1939) über Orson Welles’ Trump-ähnlichen Mogul in «Citizen Kane» (1941) bis hin zu Robert Redfords aufrichtigem Kreuzritter in «Der Kandidat» (1972) reichen, ganz zu schweigen von den vielen Cowboys und Rangern, die von John Wayne gespielt wurden.

JFK, Ronald Reagan…

1960 zog mit der Wahl des jungen, braungebrannten John F. Kennedy erstmals die Hollywood-Ästhetik ins Weisse Haus ein. Damals wurde das Bild Kennedys an der Seite des bekannteren, aber viel weniger charmanten Richard Nixon in die amerikanischen Haushalte übertragen. Er war mehr Playboy als Cowboy und gewann so die amerikanischen Herzen. Aber das Spiessbürgertum verkörperte er nicht. Im Gegenteil, 1963 erklärte er, dass «Unwissenheit und Analphabetentum (…) zum Scheitern unseres sozialen und wirtschaftlichen Systems führen».

Der nächste telegene Präsident der USA war Ronald Reagan – ein echter Schauspieler, der tatsächlich einen Cowboy gespielt hatte. Aber in Bezug auf Offenheit und Wissen vertrat er Ansichten, die denen von JFK genau entgegengesetzt waren. Indem er der weissen Arbeiterklasse wirtschaftliche Massnahmen der Angebotsseite versprach, überzeugte er Millionen von der Idee, «weniger Regierung», also die Kürzung staatlicher Programme wie solcher für Ausbildung, werde Amerika «einen neuen Morgen bringen».

Mit seinem gut geprobten sonnigen Gemüt spielte Reagan seine Rolle als Präsident sehr professionell, aber mit einem deutlichen Hollywood-Flair. Seine strategische Verteidigungsinitiative, mit der er die Strategie der nuklearen Abschreckung –die «gegenseitig garantierte Vernichtung» – beenden wollte, wurde auch unter dem Spitznamen «Star Wars» bekannt. Reagans immer noch andauernder Status als republikanische Ikone hat viel mit seiner Fähigkeit zu tun, die Grausamkeit eines Cowboys mit dem Charme eines Filmstars zu verbinden, obwohl dabei auch Glück eine Rolle gespielt hat. Immerhin wurde der Sieg im Kalten Krieg erheblich von Michail Gorbatschew gefördert, dessen Reformversuche den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigt haben.

…George W. …

Durch diesen Sieg wurden die Amerikaner in ihrer Ansicht, dass Mut über Wissen geht, noch bestärkt. James Carville, ein Kampagnenstratege für Präsident Bill Clinton (der von seinem eigenen südstaatlerischen Charme im Kennedy-Stil profitierte), hat eine Redensart geprägt – «Es ist die Wirtschaft, Dummkopf» –, die so prägnant war, dass sie bis heute oft verwendet wird. Und trotzdem ist genau diese Wirtschaft für den Rückgang des geistigen Niveaus mitverantwortlich.

Im Jahr 2000 waren die Amerikaner bereit für George W. Bush. Gleichzeitig ein Prinz und ein Durchschnittsbürger, vereinte er den blaublütigen Ostküstenstammbaum seines Vaters mit einer simplen texanischen Persönlichkeit, was ihn zu einer perfekten Kreuzung zwischen Stewart und Wayne werden liess. Aber Bush war kein Filmstar. Eher war er ein Schauspieler in einem Werbespot für Kriege.

Heute hat das Entertainment eine neue Phase erreicht – ebenso wie die Politik. Vom Reality-TV über Sommerfilmhits bis hin zu den sozialen Medien – was besonders in den USA immer mehr Menschen beschäftigt, ist ungefilterter, zusammenhangloser und unerbittlicher als jemals zuvor. Das Bedürfnis nach detailliertem Wissen und komplexen Diskussionen scheint fast völlig durch einen viel mächtigeren Hunger nach Memen, Likes und Followern ersetzt worden zu sein.

…und nun The Donald

Und nun Vorhang auf für Trump. Mit seinen Krawallkundgebungen und seinen mitternächtlichen 140-Zeichen-«Politikvorschlägen» weiss der ehemalige Reality-TV-Star genau, wie er eine wütende Bevölkerung erreichen kann, die ihren Sorgen Ausdruck verleihen will. Trump selbst – der Gerüchten zufolge im Vorfeld der Wahl (die er vermutlich dachte zu verlieren) plante, einen Sender namens Trump-TV zu gründen – hat seinen Wahlsieg den sozialen Medien zugeschrieben.

Einige Trump-Wähler behaupten, sie seien von «gesundem Menschenverstand» geleitet, und was ihnen gefallen habe, sei seine Botschaft von «Wohlstand und Schuldenreduzierung», gemeinsam mit «einem starken Militär und der Reform der Einwanderung». Bei näherem Hinschauen allerdings wird klar, dass die Botschaft keine Substanz besass; in der Tat war sie ziemlich unlogisch.

Was die Trump-Unterstützer wirklich gewählt haben, ist der fiese Chef in «Der Kandidat», die entscheidungsstarke Autoritätsfigur, die ohne zweimal nachzudenken jeden sofort feuert – oder aus dem Land ausweist. Sie haben den Typen gewählt, der sich nach Waynes prahlerischem Mantra richtet: «Wenn nicht alles schwarz oder weiss ist, sage ich ‹Warum zur Hölle eigentlich nicht?›» Und viele haben auch für die Rückkehr in eine Zeit gestimmt, in der weisse Männer noch Cowboys und Eroberer waren.

Mit der Wahl von Trump, der einen Verfechter der weissen Überlegenheit zum führenden Berater und Strategen benannt hat, könnte sich Amerika in orwellsche Bereiche begeben. Dies wäre verheerend, aber der Silberstreif am Horizont ist, dass früher oder später eine Widerstandsbewegung entstehen könnte, die das System zerstört. Doch selbst wenn Trump der Versuchung des Neofaschismus widersteht, könnte er ein Amerika erschaffen, das für immer weniger Menschen funktioniert und wo die Wähler, die in den sozialen Medien so fleissig Katzenbilder und falsche Nachrichten teilen, immer mehr ihre Fähigkeit verlieren, zwischen lebendiger Realität und ihrem virtuellen Schatten zu unterscheiden.

Copyright: Project Syndicate.