Boliviens Marine paradiert durch La Paz – das Binnenland in den Anden leistet sich eine Armada. Die Bolivianer sind Süsswassermatrosen, weil der Zugang zur Pazifikküste im Salpeterkrieg von 1879 bis 1884 an Chile verloren ging. Das hat Bolivien nie verwunden und drillt daher seine Blaujacken für den D-Day, an dem sie die Küste erstürmen sollen (von Land her). Überhaupt hat Bolivien seit der Unabhängigkeit von Spanien 1825 etwa die Hälfte seines ursprünglichen Territoriums verloren, im Norden und Osten an Brasilien, im Südwesten an Paraguay und eben im Westen an Chile. Selbstverständlich kommt für Chile eine Gebietsrückgabe nicht infrage. Die zerstrittenen Nachbarn trennen ohnehin Welten: Chile ist der einzige südamerikanische Staat im exklusiven OECD-Klub; die Wirtschaftsleistung pro Kopf beträgt das Viereinhalbfache derjenigen Boliviens, des zweitärmsten Lands des Kontinents (nach dem «bolivarisch» verwüsteten Venezuela). Eine Gemeinsamkeit ist aktuell die gesellschaftliche Unrast. In Bolivien wird gegen die – getürkte? – Wiederwahl des sozialistischen Präsidenten Evo Morales protestiert, in Chile gegen die Wirtschaftspolitik des Zentristen Sebastián Piñera. Der hat immerhin eine echte Armada. (Bild: EPA/Keystone)