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Drei Mal Verdacht auf Insiderhandel

An den Börsen gibt es immer wieder Situationen, in denen der Verdacht aufkommt, dass Insider noch nicht öffentliche, vertrauliche Informationen ausgenutzt haben. «Finanz und Wirtschaft» stellt drei verdächtige Fälle vor.

Santhera: Handel ausgesetzt

Im vergangenen September erlitt das Spezialitätenpharmaunternehmen Santhera (SANN 7.2 -1.1%) einen Rückschlag. Der Ausschuss der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) lehnte den Zulassungsantrag für das Mittel Raxone gegen einen Typ von Muskelschwund erneut ab. An dem Tag verloren die Aktien 46%. Santhera legte Widerspruch gegen das Urteil ein. Im Dezember begannen Investoren, auf einen positiven Ausgang des Widerspruchverfahrens zu spekulieren. Am 19. Januar teilte die Gesellschaft mit, sie erwarte den Entscheid des EMA-Ausschusses zu Raxone für den 26. Januar.

Dann trafen am Morgen des 24. Januar an der Börse plötzlich auffällig grosse Verkaufsaufträge für Santhera-Aktien ein: Zur Mittagszeit musste die SIX die Titel vom Handel aussetzen. Eine halbe Stunde später meldete Santhera ausserplanmässig, dass sie am Vortag eine mündliche Anhörung vor dem Ausschuss der EMA gehabe habe und daher einen negativen Entscheid zu Raxone erwarte. Die vormittäglichen Aktienverkäufe begründen den Verdacht, dass Insider einen Wissensvorsprung zu nutzen versuchten, um vor dem effektiven Behördenentscheid zwei Tage später noch Positionen abzustossen. Am Mittwoch, 24. Januar, wechselten bis Börsenschluss 597 827 Santhera-Aktien die Hand, während sich das durchschnittliche Tagesvolumen in den sechs Monaten davor auf 68 292 Valoren belief.

Von Brisanz ist, dass zu Santhera noch ein Gerichtsverfahren wegen Insiderhandels hängig ist. Ein externer IT-Consultant ist beschuldigt worden, mit einem Studienkollegen als Tippnehmer im Mai 2014 vertrauliche Informationen zu positiven Studienresultaten über Santhera ausgenutzt zu haben. Mit Urteil vom 8. Juni 2017 sprach das Bundesstrafgericht die Angeklagten frei. Doch der Fall ist ans Bundesgericht weitergezogen worden.

Von Roll: Handelsvolumen explodiert

Einen Verdacht auf Insidergeschäfte wecken auch letztjährige Transaktionen in Von Roll (ROL 0.544 -1.09%). Das kleinkapitalisierte Industrieunternehmen steckte lange in der Krise und schrieb in den fünf Jahren bis 2016 einen kumulierten Verlust von 259 Mio. Fr. Der Aktienkurs befand sich in stetem Niedergang, die Anleger hatten Von Roll nicht auf dem Radar. Die Handelsvolumen in den Titeln, die sich zu 61% in den Händen der Familie von Finck befinden, waren gering. Von Januar bis März 2017 wechselten pro Tag im Durchschnitt nur gut 51 000 den Besitzer.

Anfang April 2017 kam plötzlich Bewegung in die Papiere. Das Handelsvolumen schnellte in den ersten Monatstagen im Schnitt auf rund 202 000 Titel pro Tag, fast das Vierfache des zuvor Üblichen. Am 11. April veröffentlichte Von Roll das Resultat für das erste Jahresquartal: Zur Überraschung der Marktteilnehmer – wenn auch vielleicht nicht aller – hatte der Hersteller von Isolationsprodukten die Rückkehr in die Gewinnzone geschafft. Nach langer Durststrecke von über vier Jahren schrieb er in einem Quartal wieder ein positives Betriebsergebnis. Zu Hoffnung Anlass gab auch die Zunahme des Bestellungseingangs.

Der Aktienkurs reagierte sofort und legte in drei Tagen 55% zu. Danach stieg er weiter: Wer damals kurz vor Publikation der Quartalszahlen zu Kursen unter 0.80 Fr. eingestiegen war, konnte in etwas mehr als einem Monat bis zum Mai-Hoch von 1.74 Fr. einen Gewinn von 120% und mehr einfahren.

Leonteq: die «Besserwisser»

Immer wieder auffällige Transaktionen hat es in den vergangenen fünfzehn Monaten in den Aktien von Leonteq (LEON 36.4 0.97%) und darauf laufenden Optionsscheinen gegeben: Das Derivatmagazin «Payoff.ch» wies darauf hin und monierte, dass die «Besserwisser» immer offensichtlicher und ungehemmter agieren. Der Hintergrund: Das Derivathaus Leonteq war in eine Krise geraten. Nach einem schwachen Start ins 2017 machte das Horrorszenario von einem Verlustjahr die Runde. Am Tag vor der Präsentation des Halbjahresresultats war dann eine Häufung von Handelsabschlüssen zu beobachten, speziell in Warrants, wertpapiermässig verbrieften Formen von Optionen. Das lohnte sich: Am 20. Juli meldete Leonteq, im ersten Halbjahr in die Gewinnzone zurückgekehrt zu sein. Der Kurs stieg gleichentags 10%.

Auffällig waren auch die Ereignisse vor der Präsentation des Jahresresultats. Schon im Dezember kursierten Gerüchte, Leonteq werde für 2017 ein gutes Ergebnis ausweisen. Dann sprach UBS (UBSG 9.234 6.68%) am 25. Januar eine Verkaufsempfehlung für die Aktien aus. Sie verloren danach in sieben Handelstagen 20% – eine gute Gelegenheit für die «Besserwisser».  Am 6. und 7. Februar zog der Kurs wieder an, unter gut dreimal so hohen Tagesvolumen wie davor.

Am 8. Februar präsentierte Leonteq für 2017 ein Ergebnis, das deutlich über den Analystenerwartungen lag – allerdings zeigt der Fall, dass sogar «Besserwisser» auf dem falschen Fuss erwischt werden können. Denn am Berichtstag sank der Kurs, wegen unklarer Wachstumsaussichten, fast 3%. Wer sich rechtzeitig positioniert hatte, hat dennoch verdient: «Payoff.ch» erwähnt als Beispiel eine Kaufoption mit Ausübungspreis bei 55 Fr., die beim Erwerb am 5. Februar angesichts des Schlusskurses der Leonteq-Aktie von 53.75 Fr. aus dem Geld lag. Dank des Hebels konnte der Käufer den Einsatz damit in drei Tagen verdoppeln.