Im Schatten von Übervater Willy Brandt wirken Deutschlands Spitzengenossen von heute alle etwas zu kurz gekommen. Die SPD ist keine Kanzlerpartei mehr – Brandt, Schmidt, Schröder, das war’s. Es droht der Abstieg zur Splitterpartei, ohne Aussicht auf Wiederaufstieg. Vielleicht wird die altehrwürdige deutsche Sozialdemokratie sich irgendwann auch ihr stattliches Hauptquartier, das mit dieser Statue bestückte Willy-Brandt-Haus in Berlin eben, nicht mehr leisten können. Wann auch immer die nächsten Bundestagswahlen stattfinden werden, ob regulär im Herbst 2021 oder doch zuvor: Sie werden quasi die dritte Bundesrepublik einläuten. Die erste begann in den Westzonen 1949, die zweite mit der gesamtdeutschen Wahl Ende 1990 (die das Parteiengefüge nicht destabilisierte), die dritte wohl, unerhört, ohne kumulierte Mandatsmehrheit von Union und SPD: endgültig Schluss mit dem System von zwei grossen Volksparteien als Koalitionskernen. Kommt eine kleine Rochade – Schwarz plus Grün statt plus Rot? Oder eine grosse – Rot-Dunkelrot-Grün, wie in Bremen? Gegen Die Linke als Koalitionspartnerin hätte Willy Brandt seine Einwände. Schliesslich regierte er Berlin-West, als die Genossen in Berlin-Ost die Mauer hochzogen. (Bild: Wolfgang Kumm/DPA/Keystone)