Blogs / Never Mind the Markets

Drohen Verhältnisse wie in den Siebzigern?

Andreas Neinhaus

Eigentlich war die Wirtschaft ja bis vor kurzem deflationsgefährdet. Japan kämpft seit den Neunzigerjahren mit sinkenden Preisen. Die Zentralbank hat so gut wie alles ausprobiert, um das Problem zu beseitigen. In der Schweiz sind negative Teuerungsraten seit über zehn Jahren die Regel und nicht die Ausnahme. Und die Zentralbanken in den USA sowie im Euroraum werden seit langem dafür kritisiert, dass sie ihre Inflationsziele verfehlen. Was steckt hinter der plötzlich aufgekommenen Angst vor dem totgeglaubten Phänomen Inflation?

Inflation bedeutet, dass die Preise ansteigen, vor allem beim Konsum. Geld entwertet sich. Für den gleichen nominalen Betrag, zum Beispiel den Monatslohn, können weniger Waren und Dienstleistungen erworben werden als ein Jahr zuvor.

Inflation ist aber nicht immer und überall schlecht. In der Praxis lassen sich drei Kategorien unterscheiden:

Die gute Inflation

In einem gesunden Wirtschaftsumfeld braucht es Preisanstiege. Sie machen Gewinne möglich und bringen Unternehmen dazu, zu investieren. Die Löhne steigen, was die Nachfrage unterstützt. Zentralbanken verfolgen seit den Neunzigerjahren explizite Inflationsziele. Mehrheitlich stimmen sie darin überein, dass eine mittelfristige jährliche Teuerung um rund 2% wirtschaftlich optimal ist, wobei es länderspezifische Abweichungen gibt. Wachstumsstarke Länder peilen eher 3% an; die Schweiz hat nicht zuletzt wegen des harten Frankens, der die Importpreise drückt, 2% als Obergrenze im Auge, ist aber auch mit 1 bis 1,5% zufrieden.

Die etwas zu hohe Inflation

Es kann vorkommen, dass die Teuerungsraten stärker als gewünscht anziehen. Traditionell geschieht das in Boomzeiten, zum Beispiel wenn die Geldumlaufgeschwindigkeit zunimmt. Die Notenbanken steuern dann gegen, indem sie die Zinsen erhöhen oder Liquidität abschöpfen.

Die übermässige, gefährliche Inflation

Hier handelt es sich um eine viel zu hohe und vor allem hartnäckige Geldentwertung. Sie wurde zuletzt in den Siebziger- und Achtzigerjahren erlebt. Die Notenbanken reagierten damals zu spät und mussten daraufhin die Zinsen drastisch erhöhen. Zusätzlich waren strukturelle wirtschaftspolitische Reformen erforderlich, wie die Abschaffung der damals üblichen Indexierung der Löhne an die Inflation. Sie hatte die Inflationsspirale erst in Gang gesetzt: ein Anstieg der Rohölpreise lässt die Konsumentenpreise (Benzin, Energie etc.) steigen, worauf die Löhne angehoben werden, was sich in erneut höhere Konsumentenpreise überträgt und so fort.

Kein gefährlicher Inflationsschub

Notenbanken und die meisten Wirtschaftsexperten sehen derzeit keine Gefahr einer übermässigen Teuerung (Kategorie 3), sondern rechnen nur mit einem vorübergehenden leichten Überschiessen der Teuerungsziele (Kategorie 2). Zum einen werden Basiseffekte wie der Ölpreis, der vergangenes Jahr zunächst stark gefallen ist und sich später erholte, in den kommenden Monaten für erhöhte Teuerungsraten sorgen. Hinzu kommen momentane Lieferengpässe, die zu Preiserhöhungen führen. Auch die Neugewichtung einiger Inflationsindizes wird die Ergebnisse vorübergehend durcheinanderbringen.

Zum anderen sollte aber auch die absehbare Konjunkturerholung keine wirkliche Gefahr darstellen. Die OECD kommt in ihrer am Dienstag vorgestellten Weltwirtschaftsprognose ebenfalls zu diesem Schluss. Sie hat sich vor allem die Auswirkungen des Biden-Konjunkturpakets in den USA angeschaut, das die jüngsten Überhitzungsängste an den Finanzmärkten ausgelöst hatte.

Sie kalkuliert, dass das US-Wirtschaftswachstum im ersten Jahr (2. Quartal 2021 bis 1. Quartal 2022) um 3 bis 4 Prozent angeschoben werden dürfte. Die Unterauslastung der US-Wirtschaft werde beseitigt und 2,25 bis 3 Mio. neue Arbeitsplätze sollten entstehen. Die Teuerung dürfte im ersten und im zweiten Jahr je 0,75 Prozentpunkte höher ausfallen. Nach 2022 sei der Inflationseffekt gemäss OECD-Berechnung dann kaum noch sichtbar.

Zinswende – mit oder ohne Inflation – macht Angst

Die Furcht vor Inflation ist wohl eher eine Furcht davor, dass die Zinsen stärker als lange vermutet steigen könnten. Dazu braucht es gar nicht unbedingt viel Inflation. Auch eine kräftige Konjunkturerholung kann dafür sorgen, dass die (Real-)Zinsen steigen. Kommt hinzu, dass die Zinsniveaus seit Jahren von den Notenbanken künstlich tief gehalten werden. Leitzinsen auf oder unter null und systematische Anleihenkäufe, um die Marktrenditen niedrig zu halten, sind seit langem gängige Praxis.

Und die Gefahr einer Rückkehr von Verhältnissen wie in den Siebzigerjahren? Dazu müssten sich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ändern. Einige Experten warnen davor: Langfristig könne ein Rückbau der Globalisierung genau dazu führen. Handelsbeschränkungen und Produktivitätsverluste würden die Inflation dauerhaft nach oben treiben.

Das wäre dann allerdings ein Schock für die Märkte. Denn sie rechnen gegenwärtig nicht damit. Die zehnjährigen Inflationserwartungen, abgeleitet aus den Anleihen- und Terminmarktkursen, sind trotz der aktuellen Inflationsdebatte stabil geblieben.