Meinungen

Droht den Anleihenmärkten ein Regimewechsel?

Die Anzeichen steigender Inflation mehren sich und könnten an den bisher unbekümmerten Obligationenmärkten eine scharfe Korrektur auslösen. Ein Kommentar von Heinz-Werner Rapp.

Heinz-Werner Rapp
«Die Ignoranz der Anleihenmärkte könnte sich als grosser Fehler erweisen.»

Bis vor kurzem schien das Weltbild an den Anleihenmärkten noch sehr festgefügt: Die Welt leidet unter deflationären Problemen, die grossen Notenbanken verfolgen eine Politik der Niedrig- oder Negativzinsen, und weit und breit ist keine Inflation in Sicht. Dieses leicht verklärte Bild gab den Rentenmärkten bis vor kurzem Anlass für extreme Niedrigzinsen, angeblich sogar die tiefsten seit 5000 Jahren.

Seit einigen Tagen wandelt sich dieses Bild jedoch, und die globalen Zinsen scheinen zu drehen. Was steckt dahinter? Zum einen natürlich die US-Notenbank, die immer deutlicher einen Zinsschritt für Dezember signalisiert. Zum anderen auch der Anstieg des Ölpreises, der rund 40% höher liegt als Ende 2015. Dieser preisliche Basiseffekt hat spürbaren Einfluss auf die Inflation, wie aktuelle Daten in Europa und den USA bereits klar belegen. Obwohl von einem zeitlich begrenzten Effekt ausgegangen werden kann, hat dies an einigen Rentenmärkten bereits deutliche Spuren hinterlassen. Der Ölpreisbeitrag zur Inflation wird sich in den kommenden Monaten jedoch noch deutlich verstärken.

Noch wichtiger als statistische Basiseffekte sind jedoch subtile Veränderungen im politischen Koordinatensystem: An erster Stelle steht hier das Bild eines «harten» Brexit, wie es von der Regierung May derzeit vermittelt wird. Unklare Politik, widersprüchliche Kommunikation und zuletzt deutliche Kritik an Notenbank und Finanzministerium haben einen Absturz des britischen Pfunds verursacht. Die Konsequenz ist klar: steigende  Importpreise und deutlich anziehende Inflationserwartungen. Der Einbruch langlaufender britischer Staatsanleihen im Oktober gibt darauf bereits die passende Antwort.

An zweiter Stelle steht eine veränderte Ausrichtung der Geldpolitik, zuletzt in Japan und seit kurzem sogar in den USA. Das Stichwort lautet «Inflation Overshooting». Es besagt, dass die Notenbanken sich nicht mit der Rückkehr der Inflation auf 2% begnügen wollen, sondern stattdessen für einige Zeit ein «Überschiessen» auf deutlich höhere Werte in Kauf nehmen. Der neue Ansatz scheint an den Rentenmärkten noch nicht ernsthaft angekommen zu sein. Diese Ignoranz könnte sich mittelfristig als grosser Fehler erweisen.

In eine ähnliche Richtung geht auch der dritte Punkt: Zuletzt haben die grossen Notenbanken diskret kommuniziert, dass die Möglichkeiten der Geldpolitik allmählich erschöpft sind. Für eine weitere Wachstumsbelebung müssten folglich Instrumente der Fiskalpolitik, also Staatsausgaben und höhere Staatsverschuldung, herangezogen werden. Auch dieser mögliche Politikwechsel, der sich in Grossbritannien, Japan und wohl auch in den USA bereits abzeichnet, repräsentiert klare Risiken für die überbewerteten Rentenmärkte. Er würde das bisherige, stark deflationär eingestellte Weltbild der Obligationenmärkte direkt in Frage stellen und partiell widerlegen.

Somit könnte den globalen Anleihenmärkten schon bald ein unsanftes Erwachen in Form scharfer Korrekturen drohen. Das bisherige, sehr einseitige Bild einer deflationären Welt könnte zumindest temporär sogar von Inflationsangst und entsprechenden Marktverwerfungen abgelöst werden. Diese These mag heute noch gewagt klingen, sie könnte jedoch schneller eintreten als von vielen gedacht. Die unmittelbare Folge wären deutliche Korrekturen vieler Anleihenmärkte und eventuell auch einzelner stark zinssensitiver Aktienbörsen. Denkbar wäre sogar ein echter Regimewechsel an den Finanzmärkten, der zu einer Veränderung bisheriger Markterwartungen und Szenarien führen könnte, bis hin zu einer Umkehrung etablierter Trends und Korrelationsmuster.

Speziell die globalen Rentenmärkte wären Hauptverlierer eines solchen Regimewechsels. Hingegen dürften Gold (Gold 1627.54 -0.25%), Öl und andere inflationssensitive Anlageklassen – darunter auch bestimmte Aktiensektoren – zu den Gewinnern zählen. Dieser Ablauf ist zwar noch nicht eindeutig, erste Anzeichen dafür sind jedoch bereits erkennbar. Strategische Investoren sollten sich deshalb schon jetzt mit diesem Szenario auseinandersetzen.