Meinungen

Druck auf Altersvorsorge wächst

In der Coronakrise darf der Ausbau von AHV und BVG kein Thema sein. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Trotz der offensichtlichen Probleme hat die Politik bis heute keine ernsthaften Fortschritte erreicht.»

Seit Jahren schon ist die Sanierung von AHV und beruflicher Vorsorge  (BVG) ein drängendes Thema. Beide Werke leiden an der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung sowie an sinkenden Renditen auf den Finanzmärkten. Trotz der offensichtlichen Probleme hat die Politik bis heute keine ernsthaften Fortschritte erreicht. Die Schieflage der Altersvorsorge akzentuiert sich stetig.

Die Coronakrise verschärft diesen Prozess noch zusätzlich. Durch die starke Rezession sinken die Einnahmen sowohl in der AHV wie im BVG. Obwohl die Renten vorerst gesichert sind, werden die Defizite grösser – die Löcher müssen in nützlicher Frist gestopft werden.

Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK) hat an ihrer Jahres­medienkonferenz in Bern am Dienstag Zahlen genannt. Im vergangenen Jahr brillierten die Vorsorgeeinrichtungen noch mit einer Nettovermögensrendite von 10,4%. Das führte per Jahresende zu einem komfortablen durchschnittlichen Deckungsgrad von 111,6%.

Die Coronakrise hat zunächst zu einem Einbruch der Börsen geführt, die Renditen sind dramatisch geschrumpft. Zudem sinken wegen der Rezession mit der rasant steigenden Arbeitslosigkeit die Prämieneinnahmen markant.

Eine Hochrechnung der OAK per Ende April illustriert die Effekte: Der durchschnittliche Deckungsgrad ist auf 105,6% geschmolzen. Entsprechend ist der Anteil der Unterdeckungen in den ersten vier Monaten auf gut 25% gestiegen. Insgesamt 164 Vorsorgeeinrichtungen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Unter­deckung. Zudem, und das akzentuiert das Problem noch, konnten die Wertschwankungsreserven nicht wie erforderlich aufgebaut werden; sie erreichen lediglich 65% des Zielwertes.

Eine Prognose der Unterdeckungen per Ende Jahr ist derzeit nicht möglich. Sie hängen gemäss der Präsidentin der OAK, Vera Kupper Staub, entscheidend davon ab, wie lange die Krise dauert und wie schwer sie ausfallen wird. Sie geht aber davon aus, dass es wohl Sanierungsfälle geben wird.

Immerhin ist die OAK überzeugt, dass das System stark genug ist und in der Krise nicht in existenzielle Nöte gerät. Aber die Behörde hält auch unmissverständlich fest, dass eine Reform mit einer Senkung des viel zu hohen Umwandlungssatzes nun dringlicher ist denn je. Zur vorliegenden Revisionsvorlage will sich die Präsidentin allerdings nicht äussern.

Die Standortbestimmung der OAK wird durch eine neue Analyse des Think Tank Avenir Suisse («Sozialwerke im Co­rona-Stresstest») bestätigt. Avenir Suisse warnt denn auch davor, in der gegen­wärtigen Krisenlage die Altersvorsorge noch weiter auszubauen.

In der Tat sind in der aktuell sehr angespannten Lage Ausbauvorhaben ein Ding der Unmöglichkeit. Politisch sind die Sanierungen voranzutreiben. Allerdings bedarf es erheblicher Nachbesserungen an den zur Debatte stehenden Vorlagen.

Das Rentenalter muss dringend zu einem Thema in der Politik werden. Es sollte nun wirklich jedermann klar sein, dass angesichts drohender Fehlbeträge in Milliardenhöhe eine Sanierung der Al­tersvorsorge ausschliesslich über die Einnahmenseite, wie sie geplant ist, nicht möglich ist. Eine Erhöhung des Rentenalters würde beide Säulen der Altersvorsorge erheblich entlasten.

Zudem ist vom Rentenzuschlag in der zweiten Säule sowie von der neuen Überbrückungsrente für ältere Arbeitslose dringend abzusehen. Im ersten Fall würde die Wirtschaft und im zweiten die Bundeskasse belastet – angesichts der sich abzeichnenden Defizite in zweistelliger Milliardenhöhe ein Unding. Die Krise würde in beiden Fällen tendenziell verlängert.

Geradezu absurd mutet in diesem Zusammenhang die vom Gewerkschaftsbund lancierte Volksinitiative für eine 13. AHV-Rente an. Wem die Sicherheit der ­Altersvorsorge ein Anliegen ist, der verzichtet auf einer weiteren, nicht finan­zierbaren Ausbau.