Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Blogs / The State of Swing

Aufwärts wird die Luft zwar dünner, nur heisser wird es nimmer

André Kühnlenz
Die Kapazitätsauslastung in der deutschen Industrie erreicht den Zwischengipfel von 2011. Doch moderate Lohnsteigerungen werden kaum die Wirtschaft überhitzen.

Wer in Deutschland vor einer Überhitzung warnt, will damit eigentlich die EZB für ihre angeblich zu lockere Geldpolitik kritisieren. Andere rechtfertigen damit seit fast einem Jahr, dass deutsche Politiker es nicht auf die Reihe kriegen, den Verfall der öffentlichen Infrastruktur aufzuhalten. Schliesslich dürfe der Staat nicht noch eine heisslaufende Wirtschaft anheizen. Zugleich wissen aber selbst die Warner (z.B. der Sachverständigenrat, pdf – Seite 17, oder das Kieler Institut für Weltwirtschaft, pdf – Seite 18) nicht, wann wir in Deutschland wieder einmal Preiszuwächse von dauerhaft um die zwei Prozent erwarten könnten.

Das wirkt unfreiwillig komisch. Leiten diese Ökonomen doch die angeblichen Überhitzungs- und Inflationsgefahren gerne aus dem Potenzialwachstum ab. Damit meinen sie allerdings nichts, was sich unmittelbar messen und beobachten lässt. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine gedankliche Konstruktion, wonach eine Volkswirtschaft wachsen kann, ohne dass dabei Inflations- noch Deflationsgefahren aufkommen. So definieren es zumindest die Fachleute der Bundesbank. Die Mehrheit im Sachverständigenrat wird dagegen – abseits vom Mainstreamkonsens – auch Anstiege zwischen 0 und etwas weniger als 2 Prozent als Preisstabilität deklarieren.

Eine Produktionslücke kann schon nützlich sein

Nun ist nichts Anrüchiges daran, wenn Volkswirte versuchen, eine durchschnittliche Wachstumsrate über den Konjunkturzyklus hinweg zu berechnen. Ein Vergleich mit der tatsächlichen Wachstumsrate kann uns in der Tat erste Hinweise liefern, in welchem Stadium des Zyklus wir uns gerade befinden. Daher ist das Konzept der sogenannten Produktionslücke (Output Gap) nicht unbedingt verkehrt. Selbst für die Berechnung von geglätteten Staatsdefiziten (wie in der deutschen Schuldenbremse) kann das Konzept sinnvoll sein. Was aber nicht heisst, dass sie auch gleich einen Verfassungsrang erhalten sollte, wenn sich Ökonomen noch nicht einmal auf zuverlässige Schätzungen einigen können.

Das Problem fängt damit an, wenn Volkswirte behaupten, dass ein positiver Abstand des Wirtschaftswachstums zum Durchschnitt des Zyklus in der Regel zu stärkerer Inflation und Überhitzung führen sollte. Das kommt wiederum daher, dass Volkswirte diese Durchschnitte theoretisch überladen, wenn sie die als Potenzial einer Volkswirtschaft charakterisieren. Dem liegen aber zum Teil unrealistische Annahmen zugrunde, die wir in der Aufteilung des angeblichen Potenzials ablesen können. Hier die jüngste Schätzung der deutschen Forschungsinstitute:

Screenshot 2017-08-02 15.35.37

Aktuell unterscheiden sich die stark divergierenden Schätzungen dadurch, dass Ökonomen ihre eigenen (realistischeren) Bevölkerungsprojektionen darin einfliessen lassen. Allerdings können diese Volkswirte zum Beispiel einem Ostdeutschen nur schwer erklären, dass sich der langfristige Trend des Wirtschaftswachstums nach der Bevölkerungsentwicklung richten soll – so eine Annahme der (neoklassischen) Theorie, die hinter dem angeblichen Potenzial steckt. Zu Tausenden haben sich die Ossis nach der Wende aufgemacht, um dort zu leben und zu arbeiten, wo investiert wird und neue Jobs entstehen: nach Westdeutschland, Österreich, die Schweiz oder sonst wohin auf dieser Welt.

Am Ende waren es die Ostdeutschen, die dem Kapital hinterhergereist sind und nicht das Kapital den Ossis. Und wenn das schon für die Ossis, die Süditaliener oder die Griechen gilt, gilt das vielleicht auch allgemein für das Bevölkerungswachstum in einer Marktwirtschaft und für die Migration überhaupt. Zu weiteren Irrungen und Wirrungen dieser „Potenzial“-Schätzungen ein etwas älterer Text von Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen IMK. Richtigerweise meint Horn, dass wir Überhitzungstendenzen (zum Beispiel am Ende eines Zyklus, wenn Fachkräfte schwer zu finden sind) immer noch am besten erkennen können, wenn wir uns die Lohnentwicklung konkret anschauen. Oder die Kreditentwicklung.

Trends der Vergangenheit in die Zukunft fortgeschrieben

Auch wenn die Potenzialschätzungen ideologisch und theoretisch überladen sind (wer an Gleichgewichte glaubt, braucht auch einen Gleichgewichtslohn), laufen sie praktisch doch auch nur auf eins hinaus: Trends der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Anders herum kommt man mit einfachen Durchschnittberechnungen auf ähnliche Werte wie diese Potenzialschätzungen. Die enthalten glücklicherweise für die Volkswirte, die sie berechnen, noch eine schön unbestimmte Variable, in die sie all das reinpacken können, was sie auch sonst nicht erklären können.

Nehmen wir zum Beispiel die durchschnittliche Wachstumsrate in Deutschland der Jahre 2011 bis 2015, dann kommen wir auf denselben Wert, wie die Institute für die nächsten Jahre schätzen: 1,6%. Zu etwas geringeren Ergebnissen gelangen wir, wenn wir vom durchschnittlichen Wachstum des Nettokapitalstocks sowie von durchschnittlichen Abschreibungsraten ausgehen. Benutzen wir auch noch eine realistische Produktionsfunktion (aus der man aber keinen Gleichgewichtslohn ableiten kann), wonach das Bruttoinlandprodukt im Schnitt jedes Jahr einfach einen konstanten Anteil des Kapitalstocks entspricht (etwa 25%), dann kommen wir derzeit auf 1,1% Durchschnittswachstum. Was wiederum dort liegt, wo der Sachverständigenrat (1,0%) das Potenzialwachstum für dieses Jahr verortet.

Lassen wir also einfach die unrealistischen Annahmen und theoretisch-ideologischen Überladungen des Konzepts Potenzialwachstum beiseite. Dann stellen wir aber immer noch fest, dass die deutsche Volkswirtschaft dieses Jahr auf jeden Fall (mit mehr oder weniger 2%) stärker wachsen wird als die 1,0% bis 1,1% im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Aber wie gesagt, kann uns das nur einen ersten Eindruck von möglichen Überhitzungsgefahren liefern. Folgen wir lieber Gustav Horn und schauen konkreter hin.

Keine Gefahren von den Löhnen

Dann erkennen wir, dass von den Löhnen tatsächlich derzeit keine Gefahr ausgeht für die Preisstabilität. Wenn es nicht einmal Verdi schafft, beim grössten Arbeitgeber Deutschlands – im öffentlichen Dienst – einen vernünftigen Lohnabschuss auszuhandeln. Für eventuelle Blasen an den Immobilienmärkten einzelner Grossstädte ist ohnehin der Ausschuss für Finanzstabilität in Deutschland zuständig. Und der Aktienmarkt überhitzt mit grösster Sicherheit schon länger, ohne das auch nur ein Politiker etwas dagegen unternehmen kann.

Es bleibt noch die Kapazitätsauslastung. Auch wenn die Löhne uns derzeit keine Hinweise für Übertreibungen liefern, kann die Auslastung uns dennoch signalisieren, in welchem Stadium des Zyklus wir uns gerade befinden. Wir können es ja immer wieder beobachten, wenn ein Land beschleunigt in den Aufbau von Produktionskapazitäten investiert: Genau das schafft Jobs und erhöht (zwar nicht immer) aber doch am effektivsten die Produktivität und damit die Profitabilität. Wenn also je Arbeitsstunde eines Erwerbstätigen mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden, die am Markt verkauft werden.

Wenn unsere Konsumausgaben aber mit den Investitionen in Maschinen, Geräte, Patente, in Forschung und Entwicklung oder Wirtschaftsgebäude nicht Schritt halten, brauchen die Unternehmen auch irgendwann keine neuen Produktionskapazitäten mehr aufzubauen. Das würde nur die Profitabilität des investierten Kapitals herabdrücken, wenn die Absatzmärkte mit ihrer Nachfrage nicht mehr mithalten können. Und in der Regel versucht jedes private Unternehmen so etwas, wie wir wissen, zu vermeiden. Was wir wiederum an der Auslastung der Kapazitäten ablesen können.

In einer Rezession, wenn die Absatzmärkte zusammenbrechen, weil die Unternehmen Jobs abbauen, steht ein wachsender Teil der Maschinen und Geräte still: Die Kapazitätsauslastung wird heruntergefahren. Natürlich nicht auf null, denn auch in der Wirtschaftskrise geht die Produktion ja weiter. Nach dem kurzen Einheitsboom ging es in der Industrie runter auf 80% und in der Rezession während der Finanzkrise auf 70%. Was wir aber auch erkennen können: Auf dem Gipfel in den Boomphasen bleibt die Auslastung nie lange stehen.

Deutschlands Industrie hat den Gipfel von 2011 erreicht

Anders als ein Bergsteiger, der sich oben erstmal ausruht, geht es oft gleich wieder abwärts. Ob nun in den drei Wellen zwischen 1994 und 2000, als die deutsche Wirtschaft mit der Lohnstagnation begann und sich damit den eigenen Binnenmarkt kaputt gemacht hat. Oder das Zwischenhoch 2011 nach der schnellen Erholung in Folge der tiefen aber kurzen Rezession davor. Zunächst sinkt die Auslastung, weil die Unternehmen einfach weniger in neue Kapazitäten investieren, aber die Nachfrage noch da ist.

Sinkt dann auch die Profitabilität, geht die Lawine an Entlassungen los, die in die Rezession führt. Betrachten wir das heutige Niveau, sind wir genau dort, wo wir zum Gipfel 2011 waren. Damals hatten sich die Investitionen zwar schnell erholt, aber noch nicht so stark vom Konsum entkoppelt, dass der Zyklus bereits vorbei wäre. Ab jetzt gilt aber: Der absolute Höhepunkt des Zyklus ist nahe. Jederzeit kann ein Ereignis an den Finanzmärkten oder ein geopolitischer Zwischenfall die Erholung zusammenbrechen lassen und eine Rezession auslösen.

Vorerst geht es weiter aufwärts

Die Frage ist nur, werden es noch 1,5 Punkte sein, die es mit Auslastung aufwärts geht auf ein Boomniveau wie 2007 oder werden es doch noch 3 Prozentpunkte mehr bis zu einer Auslastung von 90% wie nach der deutschen Einheit. Klar ist nur, ewig wird der Aufschwung nicht dauern. Vielleicht bekommen wir auch ein Plateau der Auslastung, wie vor zehn Jahren, das immerhin ein Dreivierteljahr hielt. Derzeit trägt noch die Nachfrage aus dem Euroraum, der wegen der Austeritätskrise einen verzögerten Aufschwung erlebt. Und darüber sollten sich die Deutschen tatsächlich freuen, solange es noch geht.

Gleichwohl reicht auch die Gesamtschau der Industrie nicht aus. Blicken wir auf die wichtigsten Branchen, erkennen wir, dass die Auslastung derzeit vor allem im Maschinenbau ausgeweitet wird. Nach Jahren der Stagnation kommt die Branche vor allem wegen der nachholenden Investitionen im Euroraum wieder auf die Beine. Die Autobranche hat ihre Auslastung bereits im Frühjahr runtergefahren (liegt aber noch über dem Durchschnitt), der Absatz im Ausland und im Inland stagniert ohnehin schon länger.

In der Chemie und Elektroindustrie sieht es wiederum danach aus, als wenn der Gipfel bereits erreicht ist. Von einer breiten Ausweitung der Kapazitätsauslastung kann in Deutschland daher also keine Rede sein. Es spricht also vieles dafür, dass Deutschland auf den Höhepunkt des Zyklus zusteuert – zugleich werden wir wohl dennoch kaum Überhitzungsanzeichen in den Preisen und Löhnen erkennen.

Wer auch immer derzeit aber aus ideologischen Gründen warnend mit dem Potenzialwachstum argumentiert, sollte auf jeden Fall genauer hinschauen. Es spricht jedenfalls nichts dagegen, dass die öffentlichen Haushalte in Deutschland ihre Infrastrukturausgaben endlich hochfahren, wenn sie doch nur anfangen könnten, genug Planer für die Projekte einzustellen. In der nächsten Rezession werden die dringend gebraucht, wenn die deutschen Politik zur Abwechslung mal nicht der Autoindustrie auf die Beine helfen sollte.

Hinweis:
Die Beiträge in diesem Blog erscheinen in Kooperation mit dem Online-Magazin Makronom. Worum es hier eigentlich geht, habe ich im ersten Beitrag beschrieben: Konjunkturanalyse geht jeden an – oder warum wir ein Taktikblog der Konjunkturanalyse brauchen.