Meinungen

Eckpfeiler der Postcoronomics

Die Wirtschaft wird sich in vielerlei Hinsicht grundlegend verändern. Insbesondere wird der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft grösser bleiben als vor der Krise. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Es gilt zu verhindern, dass der biologischen Pandemie eine virtuelle folgt.»

Nach der Coronapandemie wird vieles anders sein als zuvor. Eine Rückkehr zur alten Normalität des letzten Jahrzehnts wird es nicht geben. ­Unsicherheit hingegen besteht darüber, was sich wie verändern wird. Bei aller Unschärfe lassen sich einige Eckpfeiler einer neuen Wirtschaftsarchitektur des Post-­Corona-Zeitalters jedoch bereits deutlich erkennen.

Erstens werden Politik und Staat das Kommando über die Wirtschaft nicht so schnell abgeben, wie sie es an sich gerissen haben. In weiten Teilen Europas hat eine Staats- die Marktwirtschaft ausser Betrieb gesetzt. Staatliche Rettungsschirme und Hilfspakete haben gewaltige Dimensionen erreicht. Regierungen und Bürokraten haben das Sagen. Sie und nicht mehr Kunden vor Ort haben in der Coronakrise entschieden, welche Unternehmen überleben.   

An der Notwendigkeit einer gut funktionierenden Staatlichkeit für ökonomischen Wohlstand und gesellschaftliches Wohlergehen bestehen keine Zweifel. Besonders während Krisen ist der Staat gefordert, schnell und sachgerecht als Nothelfer und Stabilitätsanker zu handeln. Da haben europäische Regierungen und die Politik in den letzten Monaten einiges richtig gemacht – gerade auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Das Loblied auf den Staat ändert jedoch nichts an negativen Erfahrungen mit Staatswirtschaften. Für nachhaltigen Fortschritt sind eher Unternehmen und we­niger Regierungen verantwortlich. Staatswirtschaften zersetzen Leistungsbereitschaft und schwächen die Leistungsfähigkeit. Als Folge wird die ökonomische Dynamik gebremst. Deshalb wäre es ratsam, den Aus­nahmezustand der Coronazeit so rasch wie möglich zu beenden und zur Marktwirtschaft zurückzukehren. Davon aber ist in Europa wenig bis nichts zu sehen. Somit gilt es, für die 2020er Jahre mit mehr Staatseinfluss und weniger freien Märkten zu kalkulieren.

Interventionsspirale dreht sich weiter

Im Gegenteil drehen sich, zweitens, Interventionsspirale und Aktionsradien der Staatswirtschaft weiter. Das Coronavirus hat gravierende Mängel beim Service public offenbart. Das Gesundheitswesen war nicht auf eine Masse von Schwersterkrankten vorbereitet. Das Bildungswesen konnte nicht innerhalb nützlicher Frist auf dezentralen häuslichen Unterricht oder Fernstudium umschalten. Schneller als erwartet waren Notvorräte von Masken, Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten und stationären Spitalplätzen erschöpft.

Die Regierungen werden für zweite Wellen und kommende Pandemien besser vorsorgen. Sie werden die Kapazitäten der staatlichen Dienstleistungen hochfahren, um die Bevölkerungen rascher und besser vor Krisen zu schützen. Das öffentliche Gesundheitswesen und die Grundlagenforschung in Medizin und Pharmazie werden in der Post-Corona-Zeit Liebkinder der Staatswirtschaft sein und mit immensen öffentlichen Aufträgen und Geldern bedacht werden. Für die Suche nach Impfstoffen gegen Coronaviren dürften Kosten kaum der Engpassfaktor sein. Somit ist absehbar, dass sich künftig die Waage weiter zugunsten einer Subventionskultur neigen wird – zulasten der Steuerzahler.

Drittens wird die Marktwirtschaft nicht nur im Inneren an Bedeutung verlieren. Sie wird auch in inter­nationaler Dimension weiter unter die Räder der Politik kommen. Die Globalisierung tat sich bereits seit Ende der Nullerjahre schwer. Die globale Arbeitsteilung hatte schon mit den Nachbeben der Finanzkrise Schwung verloren und bis heute nicht zur alten Dynamik zurück­gefunden. Die Vorteile der Spezia­lisierung sind zusehends geringer, die Nachteile hoher Transaktions- und Transportkosten sowie stei­gender Abhängigkeit von ausländischen Zwischenhändlern stetig gewichtiger geworden. Covid-19 rechtfertigte zudem die zusätzliche Schliessung von Grenzen sowie Einschränkungen des Frei­handels und der Freizügigkeit für Personen.

Die Globalisierung wird nicht verschwinden, sie wird sich verändern. Das Nationale wird wieder erstarken. Die Ursachen der Pandemie lagen in weiter Ferne. Die Folgekosten von Todesfällen, Erkrankungen, sozialer Isolation und wirtschaftlichem Lockdown hingegen machten sich hier direkt bemerkbar. Pandemiebekämpfung war und ist eine nationale Angelegenheit.  

Im Nachgang zur Coronakrise dürften Glieder globaler Wertschöpfungsketten in die Nachbarschaft zurückgeholt werden. So sollen Klumpenrisiken bei der Beschaffung und Abhängigkeiten beim Absatz reduziert werden. Wer Vorleistungen, Schutzkleidung oder Medizingüter bis anhin geballt in China einkaufte, wird andere Quellen erschliessen. Zu verletzlich waren globale Lieferketten. Zu wichtig ist nationale Versorgungssicherheit geworden. Präventionsmassnahmen, Versicherungsprämien und Lagerhaltung sowie nationale Selbstversorgungsstrategien werden Produktionskosten erhöhen und die reale Kaufkraft von Einkommen verringern.

Viertens ergänzt und ersetzt die Digitalisierung die Globalisierung. Datenflüsse werden Handelsströme ablösen. Videobesprechungen machen Geschäftsreisen überflüssig. Das Home Office tritt an die Stelle des Geschäftsbüros. In der Pandemie wurde Bevölkerung und Unternehmen flächendeckend vor Augen geführt, was digitale Technologien zu leisten imstande sind. Was als Notmassnahme als Folge der Coronapandemie ausprobiert und getestet wurde, kann und wird in vielen Bereichen und Tätigkeiten auch danach beibehalten werden.

Der pandemiebedingte Digitalisierungsschub wird Produktionsprozesse verändern. Sobald Menschen digital miteinander kommunizieren und arbeiten, online einkaufen und Smartphone, iPad, Computer und Apps Alltag, Beruf und Freizeit dominieren, betreten sie das Spielfeld, auf dem Algorithmen und selbstlernende Systeme das Sagen haben. Optimierung, Standardisierung und Skalierung wird zum neuen Mass aller Dinge.

Neue Mischformen

«Hybrid» wird das neue Zauberwort des Post-Corona-Zeitalters. Es bezeichnet die intelligente Kreuzung von Vereinheitlichung (um die Vorteile der Standardisierung zu nutzen) und Vielfalt (um individuell unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden) zu neuen Mischformen. Im Bildungswesen werden Präsenzunterricht und Fernstudium kombiniert. Firmen werden Heimarbeit und Anwesenheitspflichten zu modernen Arbeitsplatz- und -zeitmodellen vermengen und so Mitarbeitern ermöglichen, Beruf und Familie besser zu verein­baren. Unternehmen werden Kernkompetenzen am Stammsitz entwickeln und weltweit vermarkten, jedoch nach kulturellen Eigenarten und individuellen Kundenwünschen massgeschneidert vor Ort spezifizieren.

Fünftens entstehen mit der Datenökonomie und der Digitalisierung neue Bedrohungen. Die Hackerangriffe auf Twitter-Konten prominenter Unternehmer und ­Politiker oder der vermutete Versuch Russlands, illegal auf Computer von Coronaforschern zuzugreifen, sind Warnschüsse genug. Es gibt auch im Cyberspace Viren, die immensen Schaden anrichten können. Solche Angriffe entfalten dann eine verheerende Wirkung, wenn ganze Städte ohne Strom, Licht oder Wasser bleiben, in den Rechenzentren von Versorgern, bei der Mobilität oder auf den Intensivstationen der Spitäler nichts mehr geht, weil das Internet lahmgelegt ist.

Sicherheit im Cyberspace gehört zu den zentralen Staatsfunktionen im Post-Corona-Zeitalter. Es gilt zu verhindern, dass der biologischen Pandemie eine vir­tuelle folgt. Das wird teuer werden und vom Steuer­zahler zusätzlichen Tribut einfordern. Ungenügender Schutz jedoch ist weit kostspieliger. Er kann Existenzen zerstören und im schlimmsten Fall die Stabilität westlicher Gesellschaften in Frage stellen.