Meinungen

Eher zu spät und sicher zu wenig

Die Bankenunion wird nicht vor 2024 vollendet sein. Bis dahin fehlt der Eurozone der dringend benötigte Lender of Last Resort. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiter Tommaso Manzin.

«Wie sehr sich die EZB um den Kauf von Staatsanleihen drückt, zeigt jedes ihrer beschlossenen oder erwogenen anderweitigen Kaufprogramme.»

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, um sich auf sein Glück zu verlassen. So lange wird die Vollendung der Bankenunion – seit 2012 ein Grossprojekt der Eurozone zur Stärkung ihrer Krisenresistenz – aber noch dauern. Eine ihrer Kernfunktionen ist zu verhindern, dass der Bankrott einer Bank auch eine Pleite des Domizilstaats nach sich zieht (lesen Sie hier mehr). Doch wie immer harzt es, wo es schmerzt: Weil sich die Länder nicht zur gegenseitigen Haftung durchringen konnten, wird erst bis 2024 ein von den Banken gespeister gemeinsamer Abwicklungsfonds auf 55 Mrd. € ausgebaut. Für einen Ernstfall vielleicht zu spät – und sicher zu wenig.

Als erster Pfeiler der Bankenunion übernimmt – mit absolviertem Stresstest – die Europäische Zentralbank im November die Bankenaufsicht in der Eurozone. Geschwächt wird sie vom ersten Tag an durch den unvollendeten Abwicklungsmechanismus.

Die Eurozone ist in zwei Kernpunkten so ungeschützt wie zuvor: Die EZB  kann nach wie vor keine Banken retten. Anders als eine «richtige» Zentralbank ist sie kein Lender of Last Resort, und zwar – gerade für die Eurozone potenziell fatal – zweifach: Sie ist weder für die Banken noch für die Staaten der letzte Kreditgeber. Wie sehr sich die EZB um den Kauf von Staatsanleihen drückt, zeigt jedes ihrer beschlossenen oder erwogenen anderweitigen Kaufprogramme.

Jetzt, wo die Märkte mit reformsäumigen Staaten wie Frankreich und Italien die Geduld verlieren könnten, wiegen diese Mankos besonders schwer. Eine einbeinige Bankenunion kann diese Last allein kaum lange stemmen. Dass es nicht zuerst eine weitere Krise braucht, damit die Politiker die Arbeit an dieser Baustelle wieder aufnehmen, wäre aber fast schon wieder, jawohl: schieres Glück.

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