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Eigenkapitalquote ist im internationalen Vergleich niedrig und wird sich nur langsam verbessern

Deutsche Gesellschaften verfügen über eine im internationalen Vergleich niedrige Eigenkapitalquote und sind daher krisenanfälliger. Das ist bekannt, wird aber in jüngster Zeit zu einem immer heisseren Thema. Mehrere Einflussfaktoren kumulieren sich und lassen das Problem für so manches Unternehmen ein existenzbedrohendes Ausmass annehmen. Zur Konjunkturschwäche des Landes (vgl. untenstehenden Artikel zu Deflationsgefahren) kommt die schlechte Verfassung der deutschen Banken und die Tatsache, dass die per 2006 geltenden, schärferen Richtlinien zur Kreditvergabe (Basel II) näher rücken und sich am Markt bereits niederschlagen. Das erschwert die Finanzierung insgesamt.
In Deutschland beträgt die Eigenkapitalquote im Schnitt weniger als 30%, in manchen Segmenten weniger als 25%, verglichen zum Beispiel mit Werten in der Gegend von 50% in den USA, Frankreich und Grossbritannien. Unterboten wird Deutschland von Italien mit 18%, was aber ein schwacher Trost ist. Die Eigenkapitalquote ist in Deutschland unter anderem aus steuerlichen Gründen so niedrig, aber auch deswegen, weil schlechtere Wettbewerbsbedingungen wie Lohnnebenkosten den Gewinn auffressen.

Finanzierung wird zum Problem

Wie angespannt die Situation ist, zeigen verschiedene Untersuchungen. So kommt eine von Siemens Financial Services (SFS) in Zusammenarbeit mit der Universität Augsburg erstellte Befragung von 500 Unternehmen mit mehr als 50 Mio. Euro Umsatz aus unterschiedlichen Ländern zum Ergebnis, dass deutsche Gesellschaften wegen der niedrigen Eigenkapitalquote Schwierigkeiten haben, Fremdmittel zu beschaffen. Mehr als 60% der in der SFS-Studie in Deutschland Befragten erwarten, dass es in Zukunft schwieriger wird, ihr Geschäft zu finanzieren; viele kämpfen mit akuten Liquiditätsproblemen.
Gesellschaften in anderen Ländern stehen gemäss der SFS-Studie wesentlich besser da und sind mit ihrer Finanzierungsstrategie grundsätzlich zufrieden. Die Mehrheit der Finanzentscheider aus Frankreich, Grossbritannien und den USA erwartet gleich bleibende Finanzierungsbedingungen und hält ihre eigene Finanzierung bereits für ausreichend diversifiziert.
SFS ist der Ansicht, dass die in Deutschland befragten Unternehmen bisherige Finanzierungsinstrumente durch moderne ergänzen werden, um sämtliche Optionen zu nutzen. Möglichkeiten, ihre Situation zu verbessern, sehen deutsche Gesellschaften in der Beschaffung von Fremdkapital. «Im Vordergrund der Finanzierungsentscheidungen stehen Liquidität und Alternativen zum Bankkredit», erläutert Herbert Lohneiss, Chef von Siemens Financial Services. So wollen zukünftig rund 50% der Befragten Leasing oder Factoring nutzen. Unterentwickelt ist der Blick über die Bilanz hinaus, heisst es in der Studie von SFS. Cash management sollte konsequenter betrieben werden, was helfe, Liquiditätsreserven zu heben. In der Bewertung der von SFS in Auftrag gegebenen Studie muss berücksichtigt werden, dass Produkte wie Leasing oder Factoring von SFS selbst angeboten werden. Vor allem im deutschen Mittelstand gibt es gegen diese Produkte Vorbehalte.
Der provokativen Frage «Implodiert der Mittelstand
» ging eine von der Beratungsgesellschaft Rölfs Partner durchgeführte Studie unter rund 250 mittelständischen Betrieben nach. Die Antwort laute Nein, doch das dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation angespannt sei, heisst es in der Studie. Die Unternehmensfinanzierung steht fast ganz oben auf der Prioritätenliste. Seit dem Jahr 2000 liess im deutschen Mittelstand die Kreditgewährung nach, nicht nur wegen des konjunkturellen Abschwungs, sondern auch auf wegen der restriktiveren Kreditpolitik der Banken. Die von Rölfs Partner durchgeführte Studie kommt zum Ergebnis, dass der Mittelstand eine Gefährdung der Unternehmensfinanzierung sehe, weil sich die Banken seit gut einem Jahr restriktiver verhielten. Es dürfte künftig schwieriger werden, eine Finanzierung zu finden. Der Spielraum für unternehmerische Entscheidungen schrumpft.

Hoffen auf gutes Rating

Doch die These, dass sich die Unternehmen von der Kreditfinanzierung durch Banken lösen würden, wird nicht belegt, im Gegenteil. Viele Gesellschaften rechnen mit einer guten Einstufung ihrer Kreditwürdigkeit und hoffen deshalb darauf, dass der Zugang zu Krediten erhalten bleibt. Der gehobene Mittelstand geht davon aus, dass selbst sich verteuernde Kredite die bessere Alternative zu anderen Finanzierungsinstrumenten seien.
Alternativen Finanzierungsinstrumenten wie Private equity zur Aufbesserung der Eigenmittelbasis steht der Mittelstand ebenfalls verhalten gegenüber. Man fürchtet den Verlust der unternehmerischen Entscheidungsfreiheit oder ist der Ansicht, die bisherigen Finanzierungsformen seien nicht ausreichend mittelstandstauglich. Rölfs Partner gibt aber zu bedenken, dass der Trend durchbrochen werden könnte, denn die Bereitschaft zur Aufnahme von Private equity sei deutlich höher als die derzeitige Inanspruchnahme.
Auch die DZ Bank kommt in einer Studie zum Ergebnis, dass die Mittelständler der externen Eigenkapitalbeschaffung kritisch gegenüberstehen. Ein Fünftel lehne dies grundsätzlich ab, der Rest würde nur dann darüber nachdenken, wenn eine interne Eigenkapitalbeschaffung nicht möglich oder ausreichend sei.
Für eine Entschärfung der Situation sind Massnahmen nötig, die bekannt sind, immer wieder gefordert werden, aber aus heutiger Sicht wohl nicht in absehbarer Zeit eintreffen werden: Steuersenkung, Entbürokratisierung, Arbeitsmarktderegulierung und Senkung der Lohnnebenkosten. Der für die Gesamtwirtschaft so wichtige deutsche Mittelstand wird also bis auf weiteres auf eine Entfesselung warten müssen. Lediglich die grösseren Gesellschaften und die ganz Grossen werden es sich leisten können, auf alternative Finanzierungsinstrumente zu setzen, sichtbar bereits in der grossen Zahl der in den vergangenen Wochen begebenen Unternehmensanleihen.

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