Meinungen

Ein Drittel voll

Es gibt Gründe, optimistisch zu sein. Doch halb voll ist das Glas deshalb nicht. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Positives hat im Moment leider auch immer einen negativen Beigeschmack.»

Mit positiven Schlagzeilen werden wir nicht gerade verwöhnt. Es gibt aber auch Argumente dafür, optimistisch zu sein. Das zumindest ist die Botschaft, die George Osborne, der ehemalige britische Finanzminister und Brexit-Gegner, am unter der Schirmherrschaft der «Finanz und Wirtschaft» stehenden Fund Experts Forum am Mittwoch abgeliefert hat.

Konkret nennt Osborne drei Gründe, um «cheerful» zu sein: Donald Trump sei weniger gefährlich als allgemein angenommen, Europa und die EU stünden keineswegs vor dem Auseinanderbrechen und China sei nicht die grosse Bedrohung. Doch reicht das, um uns aufzuheitern? Ist das Glas plötzlich halb voll statt halb leer?

Positives hat im Moment leider auch immer einen negativen Beigeschmack.  Was den US-Präsidenten betrifft, stimmt es zwar, dass viele seiner Vorstösse klassischer republikanischer Prägung sind und Trump wirtschaftspolitisch durchaus Erfolge vorweisen kann. Doch Stichworte wie die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens, die Handhabung der Immigrationspolitik und die Unberechenbarkeit in Sachen militärischer Eingriffe und Diplomatie trüben das Bild.

Dass Europa nicht so schnell auseinanderbricht wie von Vielen erwartet, mag ebenfalls sein. Der Brexit schweisst die Union zusammen. Doch ein erstarktes Europa mit ausgewogener Machtstruktur ist nicht auszumachen. Da bleibt noch China. Ja, historisch gesehen hat sich China damit zufrieden gegeben, im eigenen Land und vor seiner Haustür für Ordnung zu sorgen. Doch ob das wirklich so bleibt? Mit grossen Investitionen in Infrastruktur und Unternehmen auf allen Kontinenten nimmt die Einflussnahme auch weit ausserhalb der eigenen Grenzen zu. Bleibt das Glas unter dem Strich voll? Ja, aber höchstens zu einem Drittel.

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