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«Ein Entscheid mit grosser Signalwirkung»

Michael Bolliger, Leiter Asset Allocation Schwellenländer bei UBS, zur möglichen MSCI-Indexaufnahme chinesischer A-Aktien.

Herr Bolliger, worum geht es beim MSCI-Entscheid kommenden Dienstag genau?
Aus dem Blickwinkel der beiden Protagonisten – Chinas und des Indexanbieters MSCI – handelt es sich um den vierten Versuch, einen Kompromiss zu finden, der für beide Seiten funktioniert.

Was will MSCI?
Für den Indexanbieter ist klar: Er will Indizes zur Verfügung stellen, die aussagekräftig sind und von möglichst vielen Investoren genutzt werden. Die A-Aktien sind ein zentraler Bestandteil der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. MSCI würde diese Lücke gerne schliessen.

Und was will China?
Grundsätzlich peilt China das Ziel an, die eigenen Finanzmärkte zu liberalisieren. Das haben wir zum Beispiel bereits 2015 mit dem flexibleren Wechselkursregime im Renminbi gesehen. Mit der weiteren Öffnung des Aktienmarktes auf dem chinesischen Festland würde China gegenüber ausländischen Investoren einen zusätzlichen grossen Schritt mit Signalwirkung unternehmen.

Wieso treten die chinesischen Behörden dennoch auf die Bremse?
Problematisch ist, dass China Anfang 2017 kommuniziert hat, sowohl makroökonomisch als auch auf den Kapitalmärkten ein Jahr der Stabilität anzustreben. Durch eine zu rasche Öffnung würden die lokalen Märkte volatiler. Dadurch stiege auch das Korrekturrisiko.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit der Aufnahme chinesischer Festlandaktien ein?
Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Eventuell neigt sich die Wahrscheinlichkeit sogar eher leicht zugunsten einer neuerlichen Ablehnung. Ich wäre jedenfalls nicht überrascht, wenn es dieses Jahr wieder nicht klappen würde.

Was hat sich gegenüber 2016 verändert?
Faktoren, die letztes Jahr der Zulassung im Weg standen, betrafen beispielsweise die eingeschränkte Kapitalmobilität sowie die freiwilligen Handelsunterbrechungen. Dem ist MSCI mit dem Kompromiss entgegengekommen, die Zahl der von einer möglichen Indexaufnahme betroffenen A-Aktien von 448 auf 169 zu reduzieren.

Wo hakt es noch?
Das grösste Problem liegt in den Pre-Approval Requirements – der jeweils nötigen Vorabgenehmigung für ausländische Investoren durch die chinesischen Börsen. Das ist der einzige Punkt, wo MSCI die Hände gebunden sind. Wenn dieses Problem gelöst wird, ist die Aufnahme der A-Aktien sehr wahrscheinlich. Andernfalls ist sie dagegen kaum möglich. Der Verhandlungsprozess zwischen MSCI und China ist wenig transparent. Ich will hier deshalb nicht mutmassen.

Welche Kapitalflüsse und Marktreaktionen sind zu erwarten, wenn die chinesischen Festlandaktien aufgenommen werden sollten?
Bei einem Indexgewicht der A-Aktien von 0,5% im MSCI Emerging Markets wäre von einem Kapitalfluss von rund 10 Mrd. $ auszugehen. Dem steht ein tägliches Handelsvolumen aller A-Aktien von durchschnittlich 70 Mrd. $ gegenüber. Aus diesen Gründen ist keine grosse Kursreaktion zu erwarten.

Warum kommt dem Verdikt im Finanzmarkt dennoch so grosse Beachtung zu, wenn die direkten Auswirkungen doch so gering sind?
Wie bereits gesagt: Es wäre ein Entscheid mit grosser Signalwirkung – und ein weiterer Schritt in einer sehr relevanten Entwicklung. Auf lange Sicht könnte China im MSCI Emerging Markets Index durchaus mehr als 40% des gesamten Indexgewichts ausmachen.

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