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Ein Genfer entwickelt den Facebook-Coin

Das soziale Netzwerk gründet mit Libra eine Blockchain-Niederlassung in Genf.

Alexander Trentin

Der Mai 2019 könnte als der Beginn einer Revolution für digitales Bezahlen in die Geschichtsbücher eingehen. Und diese Revolution könnte aus der Schweiz kommen, mit dem Genfer David Marcus als ihrem Anführer.

Der US-Tech-Konzern Facebook (FB 203.84 -0.03%) hat Anfang Monat eine Tochtergesellschaft in Genf ins Handelsregister eingetragen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet: Die Firma Libra Networks soll in den Bereichen Finanz und Technologie aktiv sein und Software entwickeln. Libra steht in Latein für Waage.

Facebook wollte auf Anfrage den Registereintrag nicht kommentieren.

Als Unternehmenszweck sind im Register Aktivitäten in den Bereichen Investitionstätigkeiten, Zahlungsverkehr, Finanzierung, Identitätsmanagement, Datenanalyse, Big Data und Blockchain aufgeführt. Als Zeichnungsberechtigte sind die Präsidentin von Facebook Schweiz und zwei Geschäftsleitungsmitglieder des Wirtschaftsprüfers BDO eingetragen.

Der Name des obersten Blockchain-Verantwortlichen von Facebook fehlt, obwohl er ein Genfer ist. David Marcus, geboren in Paris und in Genf aufgewachsen, war früher Präsident von PayPal. 2014 wechselte er zu Facebook. Dort war er für die Entwicklung der Chat-Software Messenger verantwortlich.

Erforschung von Blockchain-Anwendungen

Seit vergangenem Jahr leitet der 46-Jährige das Blockchain-Projekt von Facebook. Auf seiner Facebook-Seite erklärte Marcus im Mai 2018 zu seinem Wechsel: «Ich baue eine kleine Gruppe auf, um von Grund auf zu erkunden, wie man Blockchain über ganz Facebook hinweg anwenden kann.» Blockchain ist die dezentrale Technologie hinter der Digitalwährung Bitcoin (Bitcoin 9479.65 0.34%).

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg im Dezember berichtete, hat Facebook mindestens vierzig Programmierer im Bereich Blockchain angeheuert. Gemäss der Webseite des Konzerns sind noch fast dreissig Stellen offen, die mit der Technologie zu tun haben. Davon aber fast alle in Kalifornien, keine in Europa.

Das soziale Netzwerk plant schon länger den Sprung in Finanzdienstleistungen: Es hat 2016 in Irland eine entsprechende Lizenz erhalten.

Stabiler als Bitcoin

Gemäss Bloomberg wird spekuliert, dass Facebook mit ihrem Messaging-Dienst WhatsApp zuerst in Indien ein Bezahlsystem aufbauen könnte. So würde man ermöglichen, Remissen – Überweisungen von Migranten ins Heimatland – über ein Blockchain-System abzuwickeln. Gemäss dem Bericht wird das Bezahlsystem von Facebook auf einem Stable Coin basieren. Das bedeutet, dass die Kryptowährung fest an eine offizielle Währung wie den Dollar gebunden ist. Es gäbe also keine Preisschwankungen wie bei Bitcoin.

Das «Wall Street Journal» berichtete Anfang Mai im Zusammenhang mit Libra, dass Facebook  mit Dutzenden Finanzinstitutionen und Online-Händlern im Gespräch über Beteiligungen sei. Auch die Kreditkartenanbieter Visa (V 179.31 -0.7%) und Mastercard (MA 280 9.03%) wurden genannt. Insgesamt wolle man 1 Mrd. $ einsammeln. Libra wäre dann nicht nur für Remissen interessant, sondern auch für den Online-Handel und direkte Zahlungen zwischen Facebook-Nutzern.

Neue Umsatzquelle

Im März schätzte ein Analyst von Barclays (BARC 156.1 -1.26%), dass Facebook mit der Implementierung eines auf Blockchain basierten Zahlungssystems bis 2021 im besten Fall bis zu 19 Mrd. $ mehr Umsatz generieren könnte. Bisher seien die Pläne wegen der Transaktionskosten aber nicht weiterverfolgt werden. Dieses Problem könne mit einer Kryptowährung bewältigt werden.

Marcus kam zu PayPal, einer Tochtergesellschaft von eBay (EBAY 39.92 -0.87%), durch den Aufkauf seines 2008 gegründeten Start-up Zong. Zong ermöglichte es den Benutzern, im Online-Handel über ihre Handyrechnung zu bezahlen. PayPal zahlte damals 240 Mio. $ für das Start-up-Unternehmen.

David Marcus ist im Alter von acht Jahren aus Paris nach Genf gekommen. Er studierte Ökonomie an der Universität Genf, brach das Studium aber ab, um mit dem Job bei einer Bank seine Familie zu unterstützen. Mit 23 gründete er ein Unternehmen für Internetzugang und Ferngespräche, das vier Jahre später übernommen wurde.

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