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Ein gut verdrahteter Think-Tank-Gründer

Stephan Sigrist hat den Schweizer Think Tank W.I.R.E gegründet. Er hat dabei die Unterstützung aus Wissenschaft und Finanzwelt auf sicher.

«Meine Mutter dachte einige Male, aus dem Bub wird nichts». Stephan Sigrist macht wenig Aufhebens um seine Person und hat doch geschafft, was kaum einem gelingt. Der gerade erst 40 Jahre alte Forscher hat einen eigenen Think Tank auf die Beine gestellt. Solche – in fürchterlichem Deutsch «Denkfabrik» genannte – Institutionen gibt es in der Schweiz wenige. Das Web For Interdisciplinary Research & Expertise, abgekürzt W.I.R.E., zählt mit dem Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI), Avenir Suisse oder foraus zur schmalen Gruppe derer, die ins Übermorgen blicken. Zumindest vom Anspruch her schwingt mehr mit: Trends in Wirtschaft, Gesellschaft, Life Sciences sind die Schwerpunkte; nicht in der Schweiz, sondern weltweit. «Wir wollen kritisch die reellen Chancen und Risiken neuer Entwicklungen erkennen und aufzeigen», sagt Sigrist.

Eintönig ist seine Laufbahn nicht. An der ETH Zürich studierte der Luzerner Molekularbiologie. So kann er den interdisziplinären Ansatz, den er und sein rund zehnköpfiges Team für sich reklamieren, glaubwürdig unterstreichen. Ein Ausflug zum Pharmariesen Roche (ROG 273.3 0.28%) in die Forschung brachte dem ungeduldigen Weltentdecker nicht genügend Befriedigung. Eine Station beim Beratungsunternehmen Roland Berger verschaffte neue Einblicke in Branchen wie Aviatik, Medizinaltechnik, Ingenieurwesen und Kultur. Doch es ging Sigrist um mehr als nur Unternehmensoptimierung, begründet er seinen Entscheid, wieder näher an Wissenschaft und Life Sciences zu rücken. So führte er im Auftrag des Departements für Inneres für das GDI Forschungsarbeiten zum Gesundheitsmarkt durch.

Parallel dazu schrieb er am Collegium Helveticum, das von Uni und ETH Zürich getragen wird, eine Dissertation. Sein Doktorvater Gerd Folkers unterstützte das Ansinnen, einen «Spin-off» aus dem Collegium heraus zu starten. Zeitgleich kam es zur Bekanntschaft mit dem Topbanker Burkhard Varnholt, der von der Credit Suisse (CSGN 11.96 1.79%) zur damaligen Bank Sarasin stiess. So kam es zur Kooperation mit W.I.R.E – was gut in die Nachhaltigkeitsstrategie der Bank Sarasin passte –, «als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft», wie Sigrist sagt. Als Varnholt dann zur Bank Julius Bär (BAER 40.61 -0.49%) ging, wanderte die Kooperation mit, im Rahmen derer nun Bär auch Aufträge an W.I.R.E. vergibt.

Der Think Tank beschäftigt sich etwa mit der Digitalisierung der Finanzindustrie und gibt mit der NZZ (NZZ 5050 2.02%) die Buchreihe «Abstrakt» heraus. Sigrist betont die grundsätzliche Unabhängigkeit: «Eine Bank hat ein ureigenes Interesse, objektiv Trends zu beurteilen», sagt er. W.I.R.E. sei komplementär zum bankeigenen Research. Darüber hinaus entwickle der Think Tank «Strategien für Gesundheitsunternehmen oder Städte».

Sigrist sieht sich nicht als Missionar. Er bietet verschiedene Interpretationen an, wie er zum Think-Tank-Gründer wurde – Interesse an SciFi und Naturwissenschaft seien genannt. Als Zukunftsforscher möchte er nicht bezeichnet werden. Die Zukunft sei kein Gefäss, das sich erkunden lasse. «Wir wissen, dass man sie in den wenigsten Fällen voraussagen kann.» Dann folgt sein wohl wichtigster Satz: «Wir sehen es eher als ein Risiko, wenn sich die Gesellschaft auf einige wenige Perspektiven einschiesst.» Es gehe darum, dass sich die Menschen trauen, selbst eine Meinung zu bilden und unterschiedliche Lösungsansätze zu suchen. Mit dem aufklärerischen «Ich weiss, dass ich nichts weiss», setzt sich Sigrist von der Vorstellung ab, alles sei beliebig regelbar.

Gut dotiert und wohl dosiert spürt er so neuen Ideen nach.  W.I.R.E kann so ein Korrektiv von Entwicklungen sein, die in eine Sackgasse führen.

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