Meinungen

Ein Plan für den Franken

Die Nationalbank sollte sich nicht von Krise zu Krise hangeln. Nötig ist ein Währungsaufwertungskonzept. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Philippe Béguelin.

«Langfristig dominiert das Luxusproblem: der Exportüberschuss.»

Für die Nationalbank gibt es keinen Exit. Der Ausweg ist versperrt, und die drei Bürden bleiben: der aus der Not geborene Minuszins, der erdrückend riesige Devisenbestand und der als sicherer Hafen starke Franken. Jetzt stemmt sich die SNB (SNBN 4880 1.04%) gegen die Flut und hält Kurs auf 1.06 Fr./€. Wichtiger als die wiederkehrenden Episoden der Bedrängnis ist aber die strukturelle Aufwertung. Die Schweiz behält ihren Exporterlös selbst in ruhigen Zeiten im heimischen Hafen, statt sich wie früher in fremde Währungen hinauszuwagen. Das stärkt den Franken, und dagegen kann sich die SNB nicht ewig wehren.

Dessen ungeachtet sagt ihr Vizepräsident Fritz Zurbrügg im FuW-Interview vom Samstag: «Unser geldpolitisches Konzept hat sich bewährt, eine Überprüfung steht für uns nicht im Vordergrund.» Warten auf bessere Zeiten ist aber nicht sinnvoll. Die Währungshüter brauchen einen neuen Plan, wie sie der Schweiz helfen, ihr Luxusproblem zu bewältigen.

So erfolgreich wären viele Länder gerne: Schweizer Unternehmen sind auf dem Weltmarkt fast Weltmeister. Ihr Überschuss im Aussenhandel beträgt 10% der Wirtschaftsleistung – aktuell und auch im Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre. Die Schweiz steht auf Rang vier, erfolgreicher sind nur Singapur, Taiwan und die Niederlande.

Die Folgen des Erfolgs erinnern an die holländische Krankheit, die Dutch Disease. Sie befällt Länder mit reichen Rohstofffunden, Symptome sind eine starke Währung und ein bedrängter Werkplatz.

Klumpenrisiko Pharmaexport

Vor den Niederlanden fand sich 1959 Erdgas (Erdgas 1.823 -3.75%), der Exporterlös war willkommen. Doch der Gulden wertete sich auf, was alle Ausfuhren verteuerte und die Wettbewerbsfähigkeit minderte. Anstelle von Industriegütern wurde fortan Gas verkauft – ein bedenklicher Strukturwandel.

Auch ohne Rohstoff exportiert die Schweiz viel, dank guter Unternehmen, gehegt am traditionell soliden Standort – dem hiesigen «Grundstoff». Er bildet die Hafenmauer für den Franken.

Dieser hat sich seit dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen 1973 im Durchschnitt 3% pro Jahr aufgewertet. Davon habe die Schweiz profitiert, sagte der Berner Volkswirtschaftsprofessor Ernst Baltensperger 2015 im FuW-Interview. Die Sorge um den Werkplatz komme seit den Siebzigerjahren immer wieder auf. Doch die starke Heimwährung habe die Exportwirtschaft gezwungen, sich fortwährend zu erneuern. Tatsächlich haben die Schweiz und früher Deutschland mit der D-Mark die Industriebasis besser erhalten als Grossbritannien, wo das Pfund Anfang der Siebzigerjahre 10 Fr. kostete. Hierzulande bilden der üppige Export und die robuste Währung eine Symbiose.

«Keine Dutch Disease», wohl aber einen Strukturwandel ortet auch der Basler Wirtschaftsprofessor Rolf Weder 2017 in der Fachzeitschrift «Die Volkswirtschaft». Gewinner sind drei Branchen, die ihren Anteil an den Güterexporten in den letzten 25 Jahren von 20 auf 50% erhöht haben: Pharma, Präzisionsinstrumente und Uhren. Die boomenden Exportsektoren haben gemäss Weder für andere Wirtschaftszweige kaum negative Nebeneffekte verursacht – anders als das Erdgas in den Niederlanden. Hauptgrund für den veränderten Absatz ins Ausland sei nicht der Wechselkurs, sondern eine Verschiebung der dortigen Nachfrage.

Doch auch der unholländische Strukturwandel ist zweischneidig. Ressourcen steuern in produktive Bereiche, wie Weder erläutert, damit wächst die Wirtschaftsleistung pro Kopf. Aber sie schwankt auch heftiger – ein höherer Ertrag geht also mit grösserem Risiko einher. Die Spezialisierung und seit 2003 zunehmende Konzentration auf Pharma bringt mehr Wohlstand, macht aber anfälliger für einen Umbruch im Ausland. Die Schweiz ist schlechter diversifiziert.

Allein die Telecomgesellschaft Nokia (NOKIA 3.91 1.16%) bestritt einst ein Fünftel der Exporte Finnlands und lieferte von 1998 bis 2007 ein Viertel des Wirtschaftswachstums. Dann lancierte Apple (AAPL 364.11 0%) das iPhone, und vier Jahre später titelte das «Wall Street Journal»: «Nokia’s pain becomes Finland’s» – Nokias Leiden erfasst Finnland. Ein Unternehmen hatte seinem Land ein Wirtschaftswunder beschert, das Risiko manifestierte sich als ausländischer Konkurrent.

Wechselkurspflege für den Werkplatz

«Superstarfirmen dominieren die Warenexporte», schreibt Ronald Indergand, Leiter Konjunkturanalysen beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, in einem Aufsatz vom März 2019. In der Schweiz sei die Konzentration bei den pharmazeutischen Produkten besonders extrem, denn in dieser Branche bestritten die fünf wichtigsten Unternehmen 90% aller Exporte.

Soll die SNB helfen, die Diversifikation am Werkplatz zu erhalten? «Nein», heisst die Antwort gemäss ihrem Mandat. Doch die Abgrenzung ist schwierig. Im Gesetz steht, die Nationalbank «gewährleistet die Preisstabilität. Dabei trägt sie der konjunkturellen Entwicklung Rechnung.» Strukturwandel oder Exportdiversifikation kommen nicht vor. Doch mit der Wechselkurspflege stützt die SNB vor allem auch den Werkplatz. Ob sie dabei immer nur «der konjunkturellen Entwicklung Rechnung» trägt oder nicht doch auch den Strukturwandel für die Maschinenindustrie und den Tourismus bremst, lässt sich kaum abgrenzen.

Schädlich sei eine schnelle Aufwertung, erklärt Yngve Abrahamsen von der Kof, der Konjunkturforschungsstelle der ETH, in einer Analyse von 2016. Sie beschleunige nicht nur den Strukturwandel, sondern Betriebe, Kapital und Arbeitsplätze gingen verloren. Mit gleichmässiger Aufwertung gebe es derartige Verluste kaum. Die Symbiose aus üppigem Export und robuster Währung gedeiht also durch Wandel ohne Aufwertungsschocks.

Wohin mit dem vielen Geld?

Kurze Krisen kann die SNB auffangen, langfristig dominiert das Luxusproblem: Wohin mit dem vielen Geld? Den Zufluss aus dem Exportüberschuss glichen die Schweizer früher grossteils aus, indem sie im Ausland investierten, in fremder Währung. Doch in der Finanzkrise gab es einen Bruch, wie Ökonom Adriel Jost von Wellershoff & Partners in einem Aufsatz vom Januar festhält. Seit 2008 seien die Schweizer bei Fremdwährungsinvestitionen zurückhaltend, und das dürfte so bleiben.

Der Geldzufluss aus dem Export wird also nicht mehr durch einen Abfluss kompensiert. Damit wertet sich der Franken auf. Um ihn zu bremsen, springt die SNB in die Bresche und kauft Fremdwährungsanlagen.

Ihr Devisenbestand – und parallel dazu die Notenbankgeldmenge – ist seit 2008 um den Faktor 16 und seit der Aufgabe des Mindestkurses Anfang 2015 um 54% gestiegen, auf 783 Mrd. Fr. Diese Summe ist höher als das Bruttoinlandprodukt der Schweiz und kann nicht ewig anschwellen. Auch da fragt sich: Wohin mit all dem Geld? Ein weitere Dekade des «Durchwurstelns», wie Jost es nennt, ist unsinnig. Nötig ist eine Diskussion über die langfristige Strategie.

Eine gleichmässig stärker werdende Währung ist das Ziel Singapurs. Dieses erfolgreiche Modell solle die Schweiz in Erwägung ziehen, schrieb Janwillem Acket, Chefökonom von Julius Bär (BAER 40 2.3%), bereits 2015 nach der Mindestkursaufgabe. Zwar sei Singapur kein sicherer Hafen, aber ebenfalls eine kleine, offene Volkswirtschaft mit einem wichtigen Finanzplatz – und der Exportüberschuss ist noch grösser als in der Schweiz.

Auch der Basler Wirtschaftsprofessor Peter Bernholz schlug 2015 in der FuW vor, die SNB solle den Wechselkurs erneut fixieren und dann im Lauf der Zeit anpassen. Richtschnur seien der Inflationsunterschied zum Ausland und die Aussenhandelsströme. Eine solche Politik lasse der realen Wirtschaft Luft zum Atmen.

Im Mandat steht auch: «Die Nationalbank führt die Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes.» Dafür braucht sie einen neuen Plan.