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Ein Rahmen für die Share Economy

Waren und Dienste lassen sich zunehmend über Online-Plattformen handeln. Diese aufstrebende Beteiligungsökonomie braucht ein rechtliches Gerüst. Ein Kommentar von Ayesha Khanna.

Ayesha Khanna
«Transportmöglichkeiten finden wir bei Uber, Lyft oder RelayRides, Übernachtungen bei Airbnb, Haushaltshilfen bei TaskRabbit, Fiverr oder Mechanical Turk; Favor und Instacart bringen Einkäufe nach Hause. »

Güter, Dienstleistungen und Arbeitsleistung können zunehmend über Online-Plattformen direkt ausgetauscht werden. Das verändert die Funktionsweise moderner Ökonomien grundlegend. Aber um sicherzustellen, dass der Aufstieg dieser Beteiligungsökonomie effizient funktioniert und die Bedingungen für alle Beteiligten verbessert, ist etwas Regulierung notwendig.

Es gibt heute viele Wege, herkömmliche Dienstleistungsanbieter zu umgehen. Transportmöglichkeiten finden wir bei Uber, Lyft oder RelayRides, Übernachtungen bei Airbnb, Haushaltshilfen werden bei TaskRabbit, Fiverr oder Mechanical Turk angeboten, unsere Einkäufe können wir uns über Favor und Instacart nach Hause bringen lassen. Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und Lending Club geben Start-ups die Möglichkeit, sich über Kredite oder Investitionen aus der allgemeinen Bevölkerung zu finanzieren, statt sich auf ein traditionelles Kreditinstitut zu verlassen.

Dadurch, dass der Zwischenhändler wegfällt, geben diese Plattformen Privatpersonen mehr Spielraum, reduzieren die Transaktionskosten, und es können mehr Menschen an der Wirtschaft teilhaben. Aber die Entwicklung ist durchaus komplex, und viele dieser Dienste sollten sorgfältig reguliert werden, damit sie sich gut entwickeln können – wie Proteste und Gerichtsurteile in Europa gegen Uber beweisen.

Ein Milliardengeschäft

Ein Grund, warum Uber und andere Pioniere der Share Economy so verstören, ist, dass sie eine hocheffiziente Form des Wirtschaftens unter Gleichen darstellen. Käufer und Verkäufer einigen sich direkt auf den Preis einer Transaktion, der Ruf von Geschäften hängt von einem transparenten Kundenfeedback ab, wodurch ein ständiger Druck besteht, die Leistung zu verbessern.

Die Share Economy fördert auch Unternehmertum, da sich neue Wege präsentieren, Lücken im Markt zu füllen. Anfangs ging es nur darum, das Haushaltseinkommen etwas zu verbessern, indem man das Auto oder die Wohnung vermietete. Inzwischen ist diese Art des Wirtschaftens zu einem ernstzunehmenden Störfaktor geworden. Laut Schätzungen von «Forbes» erarbeitete die Beteiligungswirtschaft 2013 einen Umsatz von 3,5 Mrd. €. Bei der Fussballweltmeisterschaft im vergangenen Sommer in Brasilien, einem Land mit chronischem Hotelzimmermangel, fanden mehr als 100’000 Menschen ihre Unterkunft über Home-Sharing-Webseiten.

Kauf- und Verkaufsgelegenheiten sind auch viel inklusiver geworden: Die Hälfte aller Airbnb-Gastgeber in den USA hat ein niedriges bis mittleres Einkommen, weltweit vermieten 90% aller Gastgeber ihren Hauptwohnsitz.

Problematische Seiten

Nicht wenige Städte haben die Vorteile der Förderung der Share Economy erkannt. So hat zum Beispiel Seattle Transport- und Hotelgewerbe dereguliert und damit das Taxi- und das Hotelgewerbe der Stadt herausgefordert.

Aber ein wirtschaftlicher Wandel dieser Grössenordnung ruft zwangsläufig auch Gegner auf den Plan, einige mit durchaus berechtigten Anliegen. Liegt nicht doch ein unfairer Wettbewerb vor, wenn die Geschäfte der Share Economy nicht besteuert werden? Können es sich diese Geschäfte, frisch mit neuem Kapital ausgestattet, leisten, mit Verlusten zu arbeiten, um sich ihren Marktanteil zu erobern? Und sollte diesen Unternehmen der Zugang zu Telecomdaten gestattet sein, um sich Aufschluss über die Gewohnheiten und die Bewegungen ihrer Kunden zu verschaffen, wodurch sie einen Wettbewerbsvorteil hätten?

Einige Unternehmen haben sich ihre eigene Geschäftsordnung gegeben. TaskRabbit, eine Gesellschaft, die Haushaltsarbeiten wie den Zusammenbau von Ikea-Möbeln vermittelt, fordert von ihren Teilnehmern die Zahlung des Mindestlohns und hat einen Versicherungsschutz für die Arbeitnehmer in den USA eingerichtet. Andererseits stören Technologieplattformen, die «algorithmische Planung» verwenden, um die Schichten und die Arbeitszeiten ihrer Arbeitnehmer an die Konjunktur anzupassen, das Familienleben und verursachen unnötigen Stress. Hier muss die Politik den Trends auf dem Share-Markt vorgreifen.

Regulierungsbedarf

Wenn Dienstleistungen und Software zusammentreffen, müssen Beamte ihre technischen Fähigkeiten verbessern und mit dem Privatsektor zusammenarbeiten, um Fairness und Effizienz auf dem Markt zu gewährleisten. Sie müssen zum Beispiel die Manipulation von Bewertungen und andere Praktiken verhindern, die Kunden in die Irre führen, die sich über die Qualität einer Dienstleistung informieren wollen. Airbnb und der Online-Reiseveranstalter Expedia erlauben nur Bewertungen von Kunden, die ihre Dienstleistungen tatsächlich in Anspruch genommen haben. Das könnte ein Massstab für eine Regulierung in der gesamten Share Economy werden.

Regierungen müssen aber auch eine breiter angelegte Rolle spielen. Weil immer mehr Menschen dazu übergehen, sich auf mehrere Einnahmequellen zu verlassen, wird es schwieriger, arbeitsmarktrelevante Daten zu sammeln und zu analysieren. Die Staaten brauchen neue Buchführungs- und Berichtsstandards, um Löhne zu kalkulieren, Einkommen vorherzusagen und Arbeitnehmer innerhalb der wachsenden Gruppe der Selbständigen zu kategorisieren. Diese Standards, zusammen mit Richtlinien für den Datenaustausch, tragen dazu bei, festzulegen, wann und wie Transaktionen der Share Economy zu besteuern sind.

Das wird alles nicht einfach sein. Selbständigkeit und Teilzeitarbeit sind zwar nichts Neues, aber die Share Economy ist anders, weil sie es den Selbständigen ermöglicht, zu «Nano-Arbeitnehmern» zu werden, die ihren Auftraggeber nicht monatlich oder wöchentlich, sondern mehrmals am Tag wechseln. Solange die Arbeitslosenzahlen in den USA und in Europa hoch bleiben und die Löhne und Gehälter stagnieren, verlassen sich die Menschen immer mehr auf vielfältige Einkommensströme. Heute leben fast 27 Mio. Amerikaner von Teilzeit- und Projektarbeit.

Umwälzung im Dienstleistungssektor

In der OECD besteht das Risiko, dass fast die Hälfte aller Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich der Automatisierung zum Opfer fällt. Da kann die Share Economy die Probleme mildern, die den betroffenen Arbeitnehmern entstehen, während sie sich um- oder weiterschulen. Sie kann zudem diejenigen identifizieren, für die das höchste Risiko besteht, und ihre Umschulung entsprechend fördern.

In der Share Economy fliessen Unternehmertum und technische Vernetzung zusammen. Taxifahrer und Hotelbesitzer fühlen sich vielleicht bedroht, aber die Share Economy hat das Potenzial, das Einkommen in Städten, die bereits mit Armut und Diskriminierung kämpfen, zu steigern und neu zu verteilen. Diejenigen, die verdrängt werden, haben viel bessere Aussichten in einem wohlhabenderen und inklusiveren Umfeld, das die Share Economy verspricht.

Copyright: Project Syndicate.

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