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Ein Schlupfloch weniger für Banken

Staatsanleihen sollen in der Kapitalberechnung nicht mehr risikolos sein.

Clifford Padevit, London

Die Aufräumarbeiten der Regulatoren nach der Finanzkrise  (oder wie immer wir die letzte grosse Krise nennen, siehe hier) stossen immer weiter vor. Sämtliche Aspekte werden unter die Lupe genommen, nicht zuletzt solche, die schon längst ein Dorn im Auge sind.

Zum Beispiel die Risikogewichtung von Staatsanleihen. Man mag es kaum glauben, aber die internationalen Eigenkapitalvorschriften aus Basel erlauben noch heute, dass Banken viele der Staatsanleihen auf ihrer Bilanz mit null Eigenkapital unterlegen müssen. Die Vorschriften stammen aus einer Welt, in der man noch an risikolose Anlagen – sprich Staatsanleihen – glaubte. Spätestens die Eurokrise hat dieses Denken in den Grundfesten erschüttert.

Lange genug hatte niemand ein Interesse daran, diese Regeln zu verändern. Den emittierenden Staaten war es noch so recht, schliesslich kauften Banken die Anleihen en masse. Das beste Beispiel war Ende 2011, als die Europäische Zentralbank (EZB) Banken in der Eurozone mit günstigem Dreijahresgeld überschüttete (LTRO). Die Liquidität wurde in der angeschlagenen Europeripherie aufgenommen und in Staatsanleihen investiert.

Das wirkte zumindest vorübergehend beruhigend auf die Renditen der Staatsanleihen und brachte Banken schöne Gewinne, die sie für den Kapitalaufbau verwenden konnten. Dank einer Aufstellung der Analysten der britischen Bank Barclays zum Thema Risikogewichtung (erschienen am Freitag) wissen wir: Vor allem italienische, spanische und portugiesische Banken haben heute mehr Staatsanleihen auf den Büchern als noch 2008 (vgl. Grafik).

Quelle: Barclays

Dieses Spiel steht im Gegensatz zu dem, was die Politiker in der Eurozone anstreben: Sie wollen die unheilvolle Abhängigkeit zwischen Staatsfinanzen und Banken trennen, damit es nicht erneut geschehen kann, dass Staaten von gescheiterten Banken in finanzielle Geiselhaft genommen werden. Wenn Banken heute mehr Staatsanleihen in den Büchern haben als 2008, so ist die gegenseitige Ansteckungsgefahr allerdings keineswegs gebannt. Erst recht nicht, weil die eilig gezimmerte Bankenunion in der Eurozone diese Schwäche ungenügend angeht (siehe hier).

Es gibt durchaus einen Grund, weshalb Staatsanleihen als wenig riskant eingestuft werden sollen. Die bevorzugte niedrige Risikogewichtung fördert den Aufbau eines Liquiditätspuffers, bestenfalls sogar in der eigenen Währung. Staatsanleihen sind eben trotz allem die Anlageklasse mit dem geringsten Risiko und der höchsten Liquidität.

Nicht alles ist auf null

Zugegebenermassen haben nicht alle Banken Staatsanleihen als risikolos eingestuft. «Es ist ziemlich selten, dass Banken sämtliche Anleihen eines einzelnen Staates mit 0% Risiko einstufen», heisst es in der Barclays-Studie. Die Verteilung des Risikogewichts in Europa je nach Rating zeigt aber: In den höchsten drei Ratingstufen (AAA, AA und A) sind zwischen 45 und 70% der Staatsanleihen mit einem Risikogewicht von weniger als 1% eingestuft.

Selbst Banken wird das Null-Risikogewicht-Regime allmählich unheimlich. Die belgische Bank KBC hat vor zwei Monaten angekündigt, dem Staatsanleihenportfolio mehr Risiko zuzumessen. Das führt zu einer Erhöhung der risikogewichteten Aktiva und somit einer Erosion der Kapitalquote.

Für die Bankenaufseher heisst das vor allem eines: bei der Anpassung behutsam vorgehen. Höhere Risikogewichte auf Staatsanleihen belasten die Eigenkapitalquote. Und die geringere Nachfrage von den Banken kann den Absatz von Staatsanleihen empfindlich beeinflussen, was Staatsfinanzen destabilisieren kann. Doch das sind keine hinreichenden Gründe, diese Schuldnerpriorität in der Kapitalrechnung von Banken beizubehalten.

Stefan Ingves, der dem Basler Ausschuss für Bankenaufsicht vorsteht, sagte im Mai gegenüber Bloomberg, das Thema werde ins Arbeitsprogramm des Ausschusses aufgenommen. Damit besteht zumindest die Aussicht, dass endlich ein grober Fehler in den Eigenkapitalvorschriften behoben wird.