Meinungen

Ein Schuss vor den Bug

Der Markt ist nicht unverwundbar und die Unsicherheitsfaktoren haben durchaus das Zeug dazu, nicht nur den Bug, sondern mitten ins Ziel zu treffen. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Viele Anleger sind nicht mehr so «cool» wie noch vor wenigen Wochen.»

Die Kursverluste an den Aktienmärkten einzig und allein als Kaufgelegenheit zu werten, wäre naiv. Der Dow Jones (Dow Jones 24964.75 -1.01%) Industrial hat am Montag, gemessen am numerischen Punktverlust, so viel verloren wie noch nie an einem Tag. Eine gravierende Einbusse. Dennoch bemüht sich Analyst um Analyst, Zuversicht zu verbreiten und darauf hinzuweisen, dass wegen der fundamental intakten Lage der Weltwirtschaft keine Bedenken angebracht seien. Ja, etwas vorsichtig sein vielleicht, aber gleichzeitig auch Opportunitäten sichten und dann zukaufen, lautet der Konsens.

Das mag per se nicht falsch sein. Doch das erste richtige Börsengewitter seit sechs Jahren zeigt auch eines: Viele Anleger sind nicht mehr so «cool» wie noch vor wenigen Wochen. Es wird ihnen bewusst, dass am Horizont dunkle Wolken aufziehen.

Welche dunklen Wolken? Zunächst höhere Zinsen und alles, was dazugehört. Obligationen mausern sich langsam zu einer valablen Alternative zu Aktien. Steigende Renditen im Bondmarkt schüren Inflationsängste, erhöhen die Kreditkosten und sind im Endeffekt eine Bedrohung für die bisher rosige Entwicklung der Unternehmensgewinne. Gekoppelt mit der gedrosselten Liquiditätszufuhr durch die Zentralbanken sind das nicht von der Hand zu weisende Gefahren für den Aktienmarkt.

Nach der langen Phase der Ruhe und der niedrigen Volatilität wurde der Markt zu Wochenbeginn so richtig durchgeschüttelt: der berühmte Schuss vor den Bug. Den sollten die Anleger ernst nehmen. Der Markt ist nicht unverwundbar und die Unsicherheitsfaktoren haben durchaus das Zeug dazu, nicht nur den Bug, sondern mitten ins Ziel zu treffen. Die Zeiten, in denen der Markt nur eine Richtung kennt, sind vorbei.

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