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Ein Schweizer Cannabis-Start-up will hoch hinaus

Europa sollte bei medizinischen Hanfprodukten nun langsam in die Gänge kommen. Ein Unternehmen aus der Schweiz plant eine grosse Produktionsanlage.

In der legalen Vermarktung von Cannabis hinkt Europa Nordamerika hinterher. Hatte der Markt in den USA und Kanada gemäss Schätzungen im vergangenen Jahr bereits ein Volumen von mehr als 20 Mrd. $ erreicht, war es in Europa ein Hundertstel bis ein Zehntel davon. (Lesen Sie hier mehr.)

Doch es wird erwartet, dass Europa getrieben von Gesetzesanpassungen aufholt. Hiesige Unternehmen sind deshalb begehrte Übernahmeziele für expansionslustige Nordamerikaner. Sie erhoffen sich eine ähnliche Entwicklung in Richtung legalem Freizeitkonsum.

Hohe Hürden für die Produktion

Zurzeit ist auf dem alten Kontinent aber lediglich medizinisches Cannabis zugelassen, mit unterschiedlich weitgehenden nationalen Regelungen. Die amerikanischen Produzenten können ihre Ware hier nicht absetzen, weil sie in der Regel noch an den hohen europäischen GMP-Anforderungen für medizinisch-pharmazeutische Herstellung scheitern (Good Manufacture Practice).

Dieser Produktionsstandard sieht etwa vor, dass die Pflanzen auf Steinwolle oder anderem anorganischem Substrat statt in der Erde wachsen müssen. Die US-Branchengrösse Curaleaf hat im März deshalb für 285 Mio. $ den in Europa führenden spanischen Hersteller Emmac Life Science gekauft. Die Produktion der 2018 gegründeten Emmac wurde erst 2020 GMP-zertifiziert. Sie hatte vor der Akquisition durch Curaleaf nur einen geringen Umsatz erwirtschaftet.

Neues deutsches Gesetz ebnet den Weg 

Vorreiter in Europa ist Deutschland, das dank einer Gesetzesänderung vor drei Jahren mit rund 90% nun den Löwenanteil des europäischen Marktes ausmacht. Der Gebrauch als Freizeitdroge ist in einigen Ländern in beschränktem Umfang toleriert, aber nicht gesetzlich zugelassen. Dieser Markt wird nicht durch legale Anbieter bedient.

«Zertifizierte Anlagen sind rar», sagt der CEO des Zuger Start-up MediCrops, Ivan Mestrangelo. Aktuell sei in Europa gerade mal eine Handvoll Cannabisproduzenten GMP-zertifiziert. Mestrangelo will MediCrops in Europa als führenden Anbieter von medizinischem Cannabis etablieren.

Die erste Finanzierungsrunde über knapp 6 Mio. Fr. konnte Ende April abgeschlossen werden. Im Juni soll eine zweite Finanzierungsrunde mit einem Volumen von 20 Mio. Fr. starten. Das Geld will Mestrangelo in den Aufbau einer Hightech-Produktionsstätte im nordmazedonischen Ohrid investieren. Unter voller Auslastung werde sie rund 20 Tonnen pharmazeutisches Cannabis produzieren. Das benötigte Gebäude, die Arbeitskräfte, Wasser, Strom und auch die klimatischen Bedingungen sind dort wesentlich günstiger. «Wir werden viel wettbewerbsfähiger produzieren können als unsere Mitbewerber aus Europa und Amerika», sagt Mestrangelo.

Schweiz sollte in einem Jahr folgen

Die Ausrüstung kauft MediCrops von einem erfahrenen Anbieter aus Deutschland. «Er garantiert uns auch die Abnahme durch eine nationale Gesundheitsbehörde eines EU-Mitgliedlandes», sagt der Unternehmer. Das soll bis Mitte 2023 der Fall sein.

Die Produkte kann MediCrops dann (wo gesetzlich erlaubt) weltweit verkaufen. In der Schweiz sind zurzeit lediglich Cannabistinkturen für medizinische Zwecke zugelassen. Es wird nur sehr zurückhaltend verschrieben, eine Sonderbewilligung ist nötig. Das sollte sich in etwa einem Jahr ändern, wenn die vom Bundesrat vorgeschlagene Gesetzesänderung durchkommt. Cannabis für den Freizeitgebrauch könnte später folgen. Dazu müsste ein Pilotprojekt positive Resultate liefern. Sie werden erst in vier Jahren erwartet.

200’000 Fr. für einen Liter Öl

Medizinisches Cannabisöl wird zu horrenden Preisen gehandelt. «Ein Liter hochreines THC-Destillat kostet im Grosshandel bis zu 200’000 Fr.», erklärt der Rapperswiler Mestrangelo. «Wir werden einen Liter für unter 10’000 Fr. herstellen können», rechnet er.

Aktuell gebe es nur 3000 Patienten in der Schweiz, die THC-basierte Tinkturen erhielten. Die Behandlung kostet mit 1200 Fr. pro Gramm mehrere tausend Franken im Monat. MediCrops schätzt, dass mit der geplanten Gesetzesänderung bis zu 200’000 Personen in der Schweiz Zugang zu solchen Medikamenten erhalten könnten.

Mittel gegen diverse Leiden

Meist wird das aufbereitete Cannabisöl gegen chronische Schmerzen eingesetzt. Ärzte verschreiben es aber auch für andere Indikationen, etwa multiple Sklerose, ADHS, Depressionen, Epilepsie und Krebsbehandlungen. Das erste von nur zwei offiziell zugelassenen Cannabismedikamenten ist als Appetitanreger auf den Markt gekommen, beispielsweise für Krebspatienten. «Die medizinische Forschung steckt aber wegen jahrelanger gesetzlicher Restriktionen in den Kinderschuhen», räumt Mestrangelo ein.

Auch wenn die Preise massiv sinken in den kommenden Jahren – davon geht der CEO aus –, sollte die Gewinnspanne hoch bleiben. MediCrops hat das Ziel, mit der geplanten Produktionsanlage dereinst 100 Mio. € Umsatz zu generieren. Die Kosten für die Produktion des Cannabis und die teilweise Verarbeitung zu Öl würde ein Viertel davon verschlingen.

Erst ein Unternehmen an europäischer Börse

Für einen Börsengang von MediCrops ist es noch zu früh. Bei den in den USA kotierten Gesellschaften kann sich Mestrangelo vorstellen, dass Tilray nach der Übernahme von Aphria für «einige spannende Überraschungen» sorgt. Tilray wird nach eigenen Angaben zum grössten Produzenten.

Das einzige in Europa kotierte Cannabisunternehmen ist die israelische Kanabo Group. Sie ist auf Vaporisierungs- und Inhalationstechnologie spezialisiert und ist Mitte Februar an die London Stock Exchange gegangen. Dabei hat sie lediglich 6 Mio. £ aufgenommen und einen Börsenwert von 23 Mio. £ erreicht. Gegenüber dem Zuteilungspreis notieren die Aktien aktuell dreimal höher.