Meinungen

Ein Segen für Brüssel

Robert Schuman, ein Gründer der EU, soll seliggesprochen werden. Damit ehrt der Papst auch die EU selbst. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Schuman verkörpert in seiner Person die deutsch-französische Annäherung und damit den Kern dessen, woraus sich die heutige Europäische Union entwickelt hat.»

Papst Franziskus will Robert Schuman seligsprechen, wie aus dem Vatikan verlautet. Nun, die Liste der Beatifikationen ist traditionell lang; manche namhafte fromme Katholiken kommen, nach ihrem Dasein hienieden, zu dieser Ehre. Gläubig war Schuman (1886–1963) ganz gewiss; schliesslich lebte er zölibatär, und in Jugendjahren hatte er gar die Priesterlaufbahn erwogen.

Aber dann beschloss Schuman, Politiker zu werden. Am Ende wollte es die Vorsehung, dass er als eine Art Vater Europas gelten kann: Robert Schuman trug entscheidend zum, wenn man so will, Wunder der europäischen Einigung bei.

Schuman verkörpert in seiner Person die deutsch-französische Annäherung und damit den Kern dessen, woraus sich die heutige Europäische Union entwickelt hat. Aufgewachsen in Luxemburg als Sohn lothringischer Eltern, die nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 zu deutschen Reichsbürgern geworden waren, studierte er Jus in Bonn, München, Berlin und Strassburg. Im Ersten Weltkrieg leistete er Dienst als Reservist im damals deutschen Metz.

1919 kam Elsass-Lothringen zurück an Frankreich; Schuman wurde Franzose und sogleich Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung. Im Zweiten Weltkrieg versteckte er sich in einem Kloster in Südfrankreich. Danach schlug seine Stunde: Schuman versah mehrere Ministerposten in Paris (darunter den des Premiers und vor allem des Aussenministers). 1950 legte er eine bahnbrechende Erklärung zur Neukonstruktion Europas vor. Der Erfolg stellte sich nicht unmittelbar ein, doch 1957 wurden die Römischen Verträge unterzeichnet; Schuman wurde zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments in Strassburg gewählt.

Von der Seligsprechung Schumans wird naturgemäss ein mildes Leuchten auf die EU schimmern, sie wird implizit den Segen des Heiligen Vaters geniessen. Das ist der Kurie selbstredend klar, und es ist auch nicht ganz zufällig. Historisch lässt sich die EU, hervorgegangen aus der Europäischen Gemeinschaft bzw. der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, als katholisch inspiriert betrachten; vom Milieu ihrer frühen Taktgeber her – Schuman, Adenauer, de Gasperi, Monnet, Spaak –, von ihrer Ideologie der politischen Finalität und vom Gewicht der Brüsseler Institutionen her (die sich baulich um den Rond-point Robert Schuman gruppieren). Wie erwähnt: Der Gründungsakt erfolgte, wo sonst, in Rom.

Seinerzeit kontrastierte dieser Entwurf Nachkriegseuropas stark mit dem nüchternen, schlanken Freihandelsklub Efta, der sich um die Briten formiert hatte (mitsamt der Schweiz).

Schon vor der aktuellen indirekten Segnung war die EU direkt geadelt worden, 2012, mit dem Friedensnobelpreis. Allerdings: Der Beitrag von EWG, EG und EU zur dauerhaften Entgiftung der Beziehungen auf dem Kontinent steht zwar ausser Zweifel, doch ohne die Nato, also die ungeliebten USA, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Möglich übrigens, dass Robert Schuman später sogar heiliggesprochen wird.