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Ein weltwirtschaftliches Alpenpanorama

Eine Reise in die Schweiz liefert gegenwärtig reichlich anekdotische Belege für die Daten, die auf eine starke globale Erholung im laufenden Jahr hinweisen. Ein Kommentar von Jim O'Neill.

Jim O'Neill, London
«Um Chinas Aufstieg zu beurteilen, braucht man nur all die chinesischen Touristen im Berner Oberland und an vielen anderen Orten zu beobachten.»

Vor kurzem habe ich einen Ausflug in die Schweiz gemacht – ein bemerkenswertes Land, das zu besuchen ich in den vergangenen vierzig Jahren viele Male das Glück hatte. Abgesehen davon, dass ich dort eine angenehme Zeit verbrachte, fand ich eine schweizerische Perspektive, die nützlich ist, um über den Zustand der Welt und ihre wirtschaftliche Verfassung nachzudenken.

Abgesehen davon, dass sie wohlhabend ist – oder vielleicht deswegen –, ist mir die Schweiz immer als ein glückliches Land erschienen. Als ich 1994 einige Zeit in Zürich verbrachte, erlebte ich dort erstmals das Vergnügen des Schwimmens im Fluss und im See. Heutzutage ist es üblich, dass die Menschen dies in vielen anderen Städten ebenfalls tun, darunter auch in Basel, wo zufriedene Seelen den mächtigen Rhein geniessen.

Vor kurzem hörte ich zwei Schweizer darüber diskutieren, ob nun das Schwimmen in Zürich, Basel oder in der Hauptstadt Bern mit der zügig fliessenden Aare besser ist. Wo sonst in der entwickelten Welt kann man so angenehme Freuden geniessen? Ich fand es amüsant, dass so viele Deutsche die Schweiz als ihr ideales Land betrachten; nun, da ich älter geworden bin, verstehe ich, was sie meinen.

Kaum Briten…

Ein weiterer Grund dafür, die Schweiz zu bewundern, ist ihr erstaunliches Eisenbahnsystem, das in den hintersten Winkel des Landes führt. Wir reisten mit dem Zug ins Berner Oberland, genau wie ich es vor fast vierzig Jahren getan hatte. Angesichts der pünktlichen Verbindungen fragte ich mich, warum so viele andere westliche Regierungen den öffentlichen Sektor für unfähig halten, ein effizientes Eisenbahnsystem zu betreiben. Das schweizerische System ist ein Beleg dafür, wie die öffentlichen Ausgaben und die Verwaltung allen Bürgern eines Landes zugutekommen können.

Als jemand, der stark ins Projekt Northern Powerhouse der britischen Regierung involviert war, nehme ich mir das Schweizer Beispiel zu Herzen. Es bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass das Vereinigte Königreich vor allem im Norden den Bau eines hochmodernen Bahnnetzes mit Priorität vorantreiben sollte, um Manchester, Leeds, Liverpool, Sheffield, Newcastle und die umliegenden Gebiete zu verbinden.

Die wirtschaftlichen Umstände in der Schweiz und im Vereinigten Königreich sind allerdings insgesamt ungleich. In den vergangenen Jahren ist der Franken gegenüber fast jeder anderen Währung deutlich gestiegen. Für Briten gibt es manchen besseren Zeitvertreib, als den mageren Betrag zu errechnen, den ein Pfund Sterling in Franken gilt, und ich war nicht überrascht, so wenige Landsleute auf meiner Reise anzutreffen.

…doch viele Asiaten

Ich sah jedoch viele Besucher aus asiatischen Ländern an einigen der schönsten Plätze der Alpen. Das erinnerte mich an meine erste Reise in die Schweiz, als Student, der mit einem Interrail-Ticket reiste; damals sah ich japanische Touristen in den Zug auf der Kleinen Scheidegg steigen. Sie fuhren von dort aufs Jungfraujoch hinauf, zur höchstgelegenen Bergstation Europas, und ich glaube mich zu erinnern, dass sie ihre eigenen Wagen hatten, vielleicht wegen der Lautsprecher-Übersetzung.

Damals wurde angenommen, Japan werde die USA als die grösste Volkswirtschaft der Welt überholen. Doch binnen eines Jahrzehnts war die japanische Vermögenspreisblase geplatzt, und die Wirtschaft war am Stagnieren. Nunmehr ist es China, das angeblich die USA überholen wird – und am Bahnhof Kleine Scheidegg sind jetzt Waggons für chinesische Touristen reserviert.

Dennoch gibt es nach wie vor viele japanische Touristen in der Schweiz. In Grindelwald, einem der vielen malerischen Dörfer des Berner Oberlands, gibt es sogar ein japanisches Informationszentrum. Das legt eine weniger beachtete Seite der japanischen Wirtschaftsgeschichte offen: Bereinigt um die gesunkene Arbeitskräftezahl hat sich das japanische BIP pro Kopf in den vergangenen Jahren genauso gut entwickelt wie in vergleichbaren Industriestaaten.

Japan und China sind robust

Darüber hinaus zeigen jüngste Daten, dass Japan auf ein starkes, binnenmarktgetriebenes Wachstum zusteuert. Im zweiten Quartal dieses Jahres zählte Japans Wachstumsrate zu den höchsten der G-7. Angesichts dieser Trends vermute ich, dass die Schweiz in den kommenden Jahren weiterhin viele japanische Touristen empfangen wird.

Wenn China mit seinen 1,4 Mrd. Menschen den Wachstumspfad der vergangenen zwanzig Jahre fortführt, müssen die Schweizer wahrscheinlich eine neue, viel grössere Bahnstation auf der Kleinen Scheidegg bauen. Natürlich könnte China seine Ziele verfehlen, wie beharrliche Skeptiker es vorhersagen. Doch während meines Aufenthalts in der Schweiz konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, das ständige Munkeln, China übertreibe seine offiziellen Wirtschaftsdaten, sei zur Farce geworden. Um Chinas Aufstieg zu beurteilen, braucht man nur all die chinesischen Touristen im Berner Oberland und an vielen anderen Orten zu beobachten.

Gewiss, das chinesische Wirtschaftswunder wird irgendwann enden. Doch diese Zeit ist noch nicht gekommen. Im Gegenteil, meine Reise lieferte reichlich anekdotische Belege für die Daten, die auf eine starke globale Erholung im laufenden Jahr hinweisen. Diese Erholung ist real, und sie wird sich höchstwahrscheinlich ausdehnen und zusätzliche Länder erfassen – zumindest bis auf weiteres.

Copyright: Project Syndicate.