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«Eine Bank kann den Kreditantrag auch ablehnen»

Andreas Diemant, Leiter Corporate Banking der BCV, sieht die Bank gut gerüstet. Missbrauch lasse sich aber nicht ganz verhindern.

Herr Diemant, haben Sie bei der Banque Cantonale Vaudoise, BCV, zusätzliches Personal abgestellt, um die Anträge auf die Covid-19-Überbrückungskredite für KMU abzuarbeiten?
Wir können schwer abschätzen, wie viele Kreditanträge uns in den nächsten Tagen erreichen werden. Im Waadtland gibt es rund 60′000 KMU, als Marktführerin hat BCV rund die Hälfte davon als Kunden. Grob geschätzt sind davon rund 25′000 KMU berechtigt, an dem Bundesprogramm teilzunehmen. Die Frage ist nun: Wie viele haben dringenden Handlungsbedarf und stellen effektiv in den nächsten Tagen den Antrag auf einen Überbrückungskredit? Wir haben deshalb eine interne Task Force abgestellt, um für einen Ansturm bestens gerüstet zu sein.

Für einen gewissen Teil der Kredite muss ja kein Zins bezahlt werden. Wie bewerten Sie die Konditionen?
Aus meiner Sicht sind die Konditionen eine faire Grösse. In dieser Phase ging es darum, möglichst rasch zwischen Bund und Banken zu einer Lösung zu kommen, um der Wirtschaft unkompliziert zu helfen. Mit diesen Konditionen tragen die Banken ihren Teil dazu bei.

Wie ist die Entwicklung bei den bestehenden Firmenkrediten bei BCV? Rechnen Sie aufgrund der Pandemie mit Ausfällen?
Dazu lässt sich noch nichts Konkretes sagen. Es ist zu früh. Grundsätzlich macht eine Bank die Kreditanalyse eines Unternehmens aber nicht nur für ein Schönwetterszenario, sondern bezieht für ein Kreditszenario auch einen allfälligen Abschwung mit ein. So lässt sich besser abschätzen, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftet. Die Wirtschaft im Kanton Waadt erleidet momentan einen sehr massiven Dämpfer, doch die Konjunktur war in den vergangenen Jahren gut. Die Gesellschaften konnten ihre Bilanzen während dieser Zeit verbessern. Aber wenn die Krise länger andauert, wird das für alle Marktteilnehmer eine Riesenherausforderung. Abgesehen von den Notkrediten des Bundes haben viele Banken auch noch andere Möglichkeiten, KMU zu unterstützen. Wir haben bereits vergangene Woche entschieden, für KMU alle Amortisationen im März und im Juni aufzuschieben. Das entspricht einem Betrag von 40 Mio. Fr., den wir in der Realwirtschaft des Kantons Waadt belassen.

Es gibt zwei unterschiedliche Kredittöpfe. Kleinere Kredite bis 0,5 Mio. Fr., grössere bis 20 Mio. Fr. In welchem Segment rechnen Sie mit den meisten Anträgen?
Wir decken bei unseren Firmenkunden das gesamte Spektrum ab. Es gibt sicher viele Unternehmen, die einen grösseren Liquiditätsbedarf haben und daher in die Kategorie bis 20 Mio. Fr. fallen. Der grösste Unterschied neben dem Kreditvolumen ist, dass in der ersten Fazilität der Kredit vollständig gedeckt ist. Die Bank trägt kein Risiko. In der zweiten Fazilität trägt der Bund 85%, die Bank hält ein 15%iges Blankoengagement. Bei einem maximalen Volumen von 20 Mio. Fr. nimmt sie ein Risiko von 3 Mio. Fr. auf ihre eigenen Bücher. Die Bank ist hier logischerweise auch an einer umfassenden Kreditprüfung interessiert.

Wie genau wird denn da geprüft?
In erster Linie geht es um eine möglichst rasche und unbürokratische Hilfe für die Unternehmen. Für einen Kredit bis 0,5 Mio. Fr. füllt der Kunde ein Antragsformular aus, das gleichzeitig den Kreditvertrag abbildet. Dazu müssen ein paar Basisinformationen eingetragen werden. Etwa, dass sich das Unternehmen nicht im Konkurs befindet und dass die momentanen Schwierigkeiten auf die Covid-19-Pandemie zurückzuführen sind. Das unterschriebene Formular geht an die Bank. Diese führt keine Kreditprüfung im eigentlichen Sinne durch, sondern mehr eine Prüfung von Formalitäten, also ob alle Fragen ausgefüllt sind oder ob der Antrag rechtsgültig unterzeichnet ist. Ist das in Ordnung, dann geht das Formular an die Bürgschaftsorganisation, und der Kredit ist damit eigentlich schon gesprochen. Bei der zweiten Variante, bei der die Bank in jedem Fall 15% auf das eigene Kreditbuch nimmt, da ist klar, dass jedes Institut eine entsprechende Kreditprüfung vornimmt. Eine Bank kann den Kreditantrag übrigens auch ablehnen.

Was wäre ein möglicher Ablehnungsgrund?
Bei den Krediten, die zu 100% vom Bund abgesichert sind und den Bedingungen der Solidarbürgschaftsverordnung entsprechen, müsste es ein spezieller Fall sein, damit ein Antrag abgelehnt wird. Ein Beispiel könnte sein, wenn im Antragsformular des Kunden offensichtliche Unstimmigkeiten bestehen oder offensichtliche Falschaussagen gemacht wurden. Würden wir in der grossen Menge der Anträge auf solche Fälle stossen, würden wir sie klar ablehnen. Aber auch wenn die Anträge prinzipiell über die Hausbank des Unternehmens laufen sollten, sind die Kunden im Prinzip frei. Sie können ihren Antrag bei allen am Bundesprogramm teilnehmenden Institutionen stellen. Das sorgt insbesondere bei der Fazilität II für Wettbewerb unter den Banken.

Wie schützt man sich denn da vor Missbrauch?
Es sind mit Verweis auf das Strafgesetzbuch Bussen von bis zu 100′000 Fr. möglich. Dass der Kredit im Normalfall durch die Hausbank der KMU vergeben wird, wo sie bereits bekannt sind, schützt ebenfalls. Wer zu einer Bank keine etablierte Beziehung hat, muss in der Startphase auch einen ganz normalen Kontoeröffnungsprozess durchlaufen. Logischerweise wird es aber Fälle geben, in denen falsche Angaben gemacht werden. Doch wir befinden uns in einer absoluten Notsituation, und da glaube ich, dass man einen gewissen Trade-off akzeptieren muss.

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