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Santiago Calatrava hat für die Überquerung des Genfersees einmalige Projekte erdacht.

Dies ist nicht Zürich, dies ist eine andere Welt.» Nach dem ersten Satz des Architekten Santiago Calatrava weiss man, dass man es mit einem Mann zu tun hat, der zaubern kann. Schon das Umfeld – Täfer und Schwedenofen im Empfangssalon seines Büros, verwunschener Garten – verdeutlicht, dass für ihn Zier und Schmuck eine Verlängerung des Humanismus sind.

Dies bestätigt sich beim Gang durch das Wohnhaus/Atelier. Stiere und Nackte illustrieren die Einflüsse Picassos und Griechenlands, kinetische Figuren, deren Bewegung und Licht rote und blaue Farbnuancen generieren, erinnern an Pierre Soulages und seine Arbeiten mit Schwarz und Licht.

An Dalì erinnert die Art, wie er in Surrealismus das R rollt oder in Existenziell das L verlängert. Vom Parthenon zum Pantheon, Santiago Calatrava, der von sich sagt, dass er «etwas zu viel reist», nimmt den Gesprächspartner mit auf die Reise.

Der Grund des Treffens ist konkret. Es geht um das Projekt an einem Ort, dessen Schönheit geradezu sakrosankt ist. Zwar hat er dafür kein Mandat erhalten, aber der 66-Jährige nimmt sich die Freiheit, zu tun was er will, und hat Anfang des Jahres seine Vision einer Seeüberquerung in Genf präsentiert.

Ein Kunstwerk, das er als Ausdruck einer reifen Architektur bezeichnet. Und von dem er hofft, dass die Schweiz die Herausforderung annimmt.

Sie leben seit Ihrem Studium in der Schweiz. Welches ist Ihre Beziehung zu unserem Land?
Santiago Calatrava Als ich 13 Jahre alt war, schickte mich meine Mutter zum Französischlernen in eine Familie in der Schweiz. Hier verbrachte ich jeden Sommer. Ich kam für drei Wochen, manchmal für zwei Monate und auch während meines Architekturstudiums in Valencia. Nach und nach habe ich die Schweiz kennengelernt und bin schliesslich auch Schweizer Bürger geworden.

War das auch der Grund, weshalb Sie an der Zürcher ETH weiterstudiert haben?
Ich war noch jung, als ich mein Architekturstudium abschloss. Als 22-Jähriger hatte ich noch keine grosse Lust auf die Arbeitswelt. Also beschloss ich, weiter zu studieren, schrieb mich am Institut für Bauingenieurwesen ein, wobei ich gleichzeitig in Spanien meine Diplomarbeit schrieb. Schliesslich dauerte dies acht Jahre, es war eine sehr fruchtbare Zeit, in der ich mein Denken konsolidieren konnte.

Haben Sie hier Ihre Mentoren gefunden?
Ich erinnere mich an die Eleganz und die Klarheit der Vorlesungen von Professor Ziegler, der uns in Mechanik unterrichtete. Es war wie ein Konzert von Arturo Benedetti Michelangeli – fehlerlos. Ich denke auch an Professor Pierre Dubas, der uns den Bau von Stahlbrücken beibrachte. Als ich meine siebzehnte Brücke baute, realisierte ich, dass sie fast alle aus Stahl waren und dass diese Professoren meine eigentlichen Lehrmeister gewesen waren. Ihre Lektionen waren unglaublich intensiv, sie waren Lehrer, die ganz in ihrer Arbeit aufgingen.

Wie ist Ihre Vision von Architektur entstanden?
Für mich ist Architektur fast eine unterschwellige Form der Kunst. Betrachten Sie Persönlichkeiten wie Raffael oder Michelangelo. Sie waren grosse Maler und Bildhauer, im Alter wurden sie Architekten. Es braucht eine grosse Reife, um Architektur und ihre Transzendenz zu verstehen, die mehr ist, als dem Menschen und seinen Bedürfnissen zu dienen.

Mit der Gefahr, unnötige Gebäude zu bauen?
Keineswegs. Ich habe gelernt, den nützlichen wie auch philanthropischen Aspekt der Architektur zu begreifen. Es gibt aber noch andere Aspekte. Die Transzendenz einiger Gebäude, die uns auch 2000 Jahre nach ihrem Entstehen berühren. Das Pantheon in Rom diente vielen Göttern. Noch heute betritt man es, um das einmalige Phänomen des Lichts, das durch eine einzige Quelle hineinstrahlt, das Spiel der Schatten oder den Regen, der scheinbar nie den Boden berührt, zu bestaunen. Ein vielleicht unnötiges, aber wichtiges Bauwerk.

Weil es uns anspricht?
Weil sich hier die Sprache der Philanthropie und die der Transzendenz verbinden. Ich verbrachte einige Jahre in Griechenland, wo ich das Dach des Olympiastadions baute. Eine Sache hatte mich fasziniert: In Altgriechisch heisst Arbeiter «tekton», sein Können «tekniki». Wenn er mich mit seiner Arbeit berührt, macht er «tekne», was Kunst bedeutet. Kunst als metaphysisches Phänomen wird durch die Technik möglich. Diese etymologische Tatsache ist bedeutungsvoll, da überaus präzis.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Architektur in der Schweiz?
In den wenigen Projekten, die ich in der Schweiz realisiert habe – Bibliothek der Universität Zürich, Bahnhof Stadelhofen –, fand ich stets den technischen Kern, der für einen Architekten so wichtig ist. Die Arbeiter sind hervorragend ausgebildet, Tischler und Betonneure wissen, wovon sie reden. Die Professionalität ist allen Bereichen sehr hoch. Dieses technische Wissen ist äusserst wichtig und fruchtbar, wenn man eine Herausforderung annimmt. Aber das ist eine andere Sache.

Nimmt die Schweiz die Challenge nicht an?
Das würde ich nicht sagen, ich möchte auch nicht urteilen. Ich bin überzeugt, dass das Land die Fähigkeit hat, das Beste zu geben, vorausgesetzt, es stellt sich der Herausforderung. Es geht also darum, zu motivieren und zu inspirieren.

Dies versuchen Sie mit der Überquerung des Genfer Sees?
Genau deshalb habe ich mich mit so viel Enthusiasmus hineingestürzt. Es ist der ideale Ort, um ein Werk von grosser Schönheit zu bauen. Wenn es uns gelänge, hier eine Brücke, eine schöne Brücke, zu bauen, die Welt würde staunen und erkennen, dass die Menschen einen schönen Ort noch schöner machen können. Wie das Schloss Chillon, das wir wie eine Reliquie verehren. Aber jemand musste vor langer Zeit diese Herausforderung angenommen haben.

Wie ist das Projekt für Genf entstanden?
Ich besuchte einen Cousin meiner Frau, der in Freiburg lebt. Er sprach über die Stadt Genf, die er liebt und wo er arbeitet, und von der Idee einer Buchtüberquerung. Ich holte Informationen ein und erkannte, dass es sich um eine «epochale» Gelegenheit handelt. Für die Stadt und das Land. Was wir hier bauen werden, wird Schule machen. Wenn wir hier einen Tunnel bauen, bedeutet dies, dass man überall Tunnels bauen wird. Dies würde der Schönheit der Orte in der Schweiz schaden, die durch kohärente Bauwerke noch schöner würden, weil sich Natur und Technik zu einem Meisterwerk des Menschen verbinden. Es ist mein Credo, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, Grandioses zu bauen. Wie die Hagia Sofia oder die Golden Gate Bridge. Schliessen Sie die Augen, denken Sie San Francisco. Was sehen Sie? Eben, die Brücke!

Wäre das Projekt, das Sie für Genf kreiert haben, ebenfalls identitätsstiftend?
Es ist das Resultat dessen, was Architektur und Ingenieurswissenschaft fähig sind, zu produzieren. Ich mache zwischen diesen beiden Künsten keinen Unterschied. Was kreieren gute Ingenieure? Kunstbauten, oder Ouvrages d’art, wie es die Franzosen so schön sagen. Man muss sie als Kunst ansehen, fast wie eine Sublimierung. Das ist das Schöne in der Ingenieurskunst. Sie hat ihre Wurzeln im Empirismus, in der Beobachtung der Natur. Ihr wahres Ziel ist es, sich in diese Natur zu integrieren. Vom ethischen Standpunkt aus gesehen hat der Ingenieur die Pflicht, Werke zu schaffen, die sich in die Natur einfügen und mit ihrer Künstlichkeit das Natürliche betonen.

Sie haben kein Mandat erhalten, und Ihr Projekt ist gratis. Weshalb?
Weil wir es uns leisten können und wir es gerne realisieren würden. Ich finde es äusserst wichtig, mit einem konkreten Projekt dazu beizutragen, dass sich die Menschen eine Meinung bilden können Ich habe keine Tunnelvariante präsentiert, weil es eine Herausforderung ist, eine Brücke zu bauen, die sich perfekt in die Umgebung einfügt. Ich habe dieses Projekt pro bono gemacht, Modelle, Rapporte, Machbarkeits- und selbst Kostenberechnungen erstellt. Dann haben wir das Projekt dem Genfer Staatsrat und anschliessend der Kommission präsentiert.

Es gibt vier Varianten Ihres Projekts. Weshalb?
Nach einem Kostenvergleich hat sich herausgestellt, dass der Tunnel allein teurer ist. Die Grundidee ist, die Ufer nicht zu berühren. Wenn man auf das Ufer blickt, stellt man fest, dass es keine Oberfläche hat, sondern eine sehr fragile Linie ist. Baut man die Brücke ans Ufer, wird diese Linearität gebrochen.

Daher die Idee von Tunnels, die in eine vom Ufer abgetrennte Brücke münden?
Wir haben zwei Vorschläge entwickelt. Die Tunnels werden durch eine Travée mit oder ohne Bogenüberspannung fortgesetzt. Eine andere Variante sieht eine Hängebrücke mit lediglich zwei Pfeilern im Wasser vor. Und schliesslich eine Version mit Fussgängerpassage zum Ufer. Wegen des nahen Flughafens ist die Höhe limitiert, weshalb wir ein spezielles V-förmiges Design entwickelt haben, das die maximale Höhe respektiert und den Seegrund an nur zwei Punkten berührt, damit die Schiffe zirkulieren können.

Welchem Projekt geben Sie den Vorzug?
Das Projekt mit dem Bogen gefällt mir sehr. Es ist filigran, der Impakt minim und reflektierend. Solche Projekte betrachtet man stets unter dem Gesichtspunkt des Nutzens. Der symbolische Wert ist ein Zusatzwert und daher ebenfalls ein Nutzen. Etwa der in die Höhe strebende, maskuline Jet d’eau und daneben die runde, feminine Form des Bogens. Dieses Tandem sehen Sie auch in Paris mit dem Obelisk auf der Place de la Concorde und dem Triumphbogen.

Sind es solche Kompositionen, die die Städte verschönern?
Sie zelebrieren die Humanität. Hier der riesige Léman, und plötzlich denkt jemand daran, Wasser zum Himmel zu spritzen. Das ist fast surrealistisch. Der Jet d’eau berührt den Menschen. Sein Nutzen ist zwar gering, der Zusatzwert aber enorm. Es sind solche Werke, die eine Epoche prägen und neue Zukunftsperspektiven eröffnen. Dies geschieht hier, indem wir die Spannweite Genfs erweitern.

Sind solche Referenzgebäude nicht zu Instrumenten des wirtschaftlichen Wettbewerbs geworden?
Selbstverständlich, aber nicht nur! Ich verfüge über 35 Jahre Erfahrung, habe in fünf Ländern sieben Bahnhöfe, in zwanzig Ländern fünfzig Brücken gebaut. 90% meiner Arbeit sind öffentliche Projekte. Man muss die Hoffnung der Menschen realisieren, die diese Bauten benutzen. Denken Sie an den Bahnhof, den wir im World Trade Center gebaut haben. Er wird täglich von 300‘000 bis 360‘000 Passanten genutzt, das sind wöchentlich 2 Mio. und jährlich 100 Mio. Ihnen vermitteln wir diese Botschaft: «Du bist wichtig. Schau, was wir für dich gebaut haben.»

Das ist es, was Sie als die philanthropische Seite der Architektur bezeichnen?
Das Herz des Menschen ist etwas Spezielles, das man nur durch die Philanthropie verstehen kann. Sehen Sie diesen Schwedenofen in meinem Büro. Er stammt aus dem Jahr 1632, und ich bin so stolz, ihn zu besitzen. Dabei brauche ich ihn nicht, um zu heizen. Man lebt nicht vom Brot allein. Wenn eine Familie, selbst eine arme, zum Essen lädt, wird etwas Gutes gekocht und der Tisch hübsch dekoriert. Der Mensch hat das tiefe Bedürfnis, Schönheit und Harmonie zu schaffen.

Ist dies Ihre Inspirationsquelle?
In meinem ganzen Leben habe ich gezeichnet, Aquarelle und Pastelle gemalt, gemeisselt und geschnitzt. Ich habe viele Formen kreiert und ein Vokabular der Formeln entwickelt, die sich in meinen Bauwerken widerspiegeln. Michelangelo sagte, dass die Architektur aus den Händen des Menschen entsteht. Ich kreiere Bauwerke mit meinen Händen und mit den Augen. Ich denke, er wusste, was er sagte, schliesslich war er Michelangelo. Man tastet sich in der Welt voran, aber irgendwann versteht man, dass der Unterschied zwischen Architektur und Kunst eigentlich eine Frage des Massstabs ist und der Tatsache, dass man hineingehen kann. Ich brauche noch ein anderes Leben, um diese künstlerische Dimension der Architektur zu erforschen.