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«Eine der niedrigsten Investitionsquoten weltweit»

Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Forschungsinstituts DIW Berlin, deckt im Gespräch mit der FuW eine Wachstumsschwäche Deutschlands auf.

Dieter W. Heumann

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In der Eurozone erweist sich Deutschland als einzige Wachstumslokomotive. Trotzdem ist daheim nicht alles zum Besten ­bestellt. Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW Berlin) hat nachgewiesen, dass viel zu wenig investiert wird. Institutsleiter Professor Fratzscher, bis 2012 bei der Europäischen Zentralbank tätig, fordert eine Kurskorrektur.

Herr Fratzscher, wird in Deutschland ­genügend investiert?
Nein. In den letzten dreizehn Jahren hat Deutschland einen Investitionsrückstand in Höhe von rund 1 Bio.
€ aufgebaut. Die Investitionsquote zählt zu den niedrigsten weltweit. Allein um den Durchschnitt des Euroraums zu erreichen, wären jedes Jahr zusätzliche Investitionen von etwa 3% des Bruttoinlandprodukts erforderlich.

Also sind vorhandene Möglichkeiten für Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit nicht genutzt worden?
Deutschland hat in den letzten zehn Jahren 0,6% weniger Wachstum erzielt, als dies bei kontinuierlicher Investitionstätigkeit erreicht worden wäre. Dabei ist es nicht nur die öffentliche Hand, die zu ­wenig investiert, sondern auch private Unternehmen und private Haushalte.

Was schlägt das DIW vor?
Jährlich sollten 75 bis 80 Mrd.
€ an zusätzlichen Investitionen generiert werden.

In welchen Bereichen?
Vor allem in der Bildung, der Verkehrs­infrastruktur und der Energie, auch wenn
es sicherlich andere Bereiche gibt, in denen mehr investiert werden muss. In den beiden zuerst genannten Sektoren ist eine verstärkte öffentliche Investitionstätigkeit gefragt. Für Bildungseinrichtungen wie Kindertageseinrichtungen, Schulen und Hochschulen gibt Deutschland derzeit mit 5,3% des BIP weniger aus als die meisten OECD-Länder. Diese stellen durchschnittlich 6,2% ihres BIP für Bildung bereit. Einen hohen zusätzlichen Bedarf hat die Verkehrsinfrastruktur. Hier wurden Investitionen in den Erhalt und die Qualitätssicherung substanziell vernachlässigt. Der Ersatz- und Nachholbedarf beläuft sich auf mindestens 6,5 Mrd.€ im Jahr.

Wo sind private Investoren gefordert?
Im Energiesektor. Zum Gelingen der Energiewende sind zwischen 2014 und 2020 jährlich bis zu 38 Mrd.
€ notwendig. Dabei handelt es sich um die Bereiche erneuerbare Energien, Netze, Systemintegration und energetische Gebäudesanierung. Für den Netzausbau dürften Investitionen in Höhe von ca. 6 Mrd. erforderlich werden, für erneuerbare Energien bis zu 19 Mrd. und ca. 13 Mrd.€ für Gebäudesanierung.

Wie konnte es zu dieser Lücke kommen?
Es war zweifellos richtig, den öffentlichen
Haushalt zu reformieren und fiskalisch zu konsolidieren. Allerdings wurden dabei vor allem öffentliche Investitionen reduziert, nicht aber der Staatskonsum. Das musste sich früher oder später rächen.

Wie stellen Sie sich die Finanzierung des Investitionsbedarfs vonseiten des Staates vor?
Die Finanzierungsbedingungen sind ausgesprochen günstig. Das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Der Staat hat zudem den finanziellen Spielraum, um diese Investitionen – auch in den kommenden Jahren – zu finanzieren.

Und die privaten Investoren?
Auch sie haben die notwendigen Mittel. Mit aktuell fast 24% ist die Sparquote überdurchschnittlich hoch. Aber deutsche Ersparnisse wurden in der Vergangenheit zu grossen Teilen nicht im Inland investiert, sondern im Ausland – und dort auch nicht immer erfolgreich: Seit 1999 haben deutsche Investoren 400 Mrd.
€ durch Fehlanlagen im Ausland verloren. Dieses Geld fehlt im Inland für Investitionen.

Private Investoren benötigen verlässliche Investitionsbedingungen, die sind aber gerade im Bereich Energie kaum gegeben.
Deshalb ist der Staat gefordert, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaf
fen. Unter anderem muss rechtliche Sicherheit gegeben sein. Bei Themen wie der Umlage bedarf es der Festlegung – es müssen verlässliche Planungen gemacht werden. Der Staat darf sich nicht scheuen, Verpflichtungen einzugehen. Der Investor braucht ausreichende Planungssicherheit und die Aussicht, die benötigte Rendite auch tatsächlich erzielen zu können.

Wie beurteilen Sie die Aussichten am Arbeitsmarkt?
Wir gehen davon aus, dass die Arbeits­losenquote im nächsten Jahr leicht auf etwa 7% steigen wird, weil mehr Menschen in den Arbeitsmarkt drängen, als er aufnehmen kann. Die Zahl der Beschäf­tigten wird um etwa 200
000 zunehmen. Der Arbeitsmarkt bleibt eine wesentliche Stütze der deutschen Wirtschaft.

Die Löhne steigen nun um ca. 6%. Eine ­Bedrohung für die Beschäftigung?
Der Anstieg in diesem Jahr ist kräftig und dürfte es auch 2014 sein. Er ist in dieser Höhe auch gerechtfertigt, denn die Dynamik im Arbeitsmarkt der letzten Jahre hat sich in der Lohnentwicklung noch nicht ganz gespiegelt. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist der Lohnanstieg gesund. Er überfordert die Betriebe nach einer in der Regel guten Gewinnentwicklung nicht.

Mit welchem Wirtschaftswachstum ­rechnen Sie für Deutschland?
Aufgrund des sehr schwachen Winterhalbjahres wird Deutschland 2013 nur 0,4% wachsen. Für 2014 ist mit stolzen 1,8% Wachstum zu rechnen – allerdings nach zwei wachstumsarmen Jahren.

Wird die künftige Regierung die Investitionsagenda des DIW aufgreifen?
Ich halte die Chancen für nicht gering. Alle Parteien sprechen schliesslich über Investitionen. Aber es fehlt die konkrete Ausgestaltung. Und da zeigen unsere Untersuchungen klare Wege auf.