Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Steuerstreit
Meinungen

Eine Frage der Ehre

Mit ihrer Weigerung, die Verantwortung für das Fehlverhalten der Credit Suisse in den USA zu übernehmen, schaden CEO Brady Dougan und VR-Präsident Urs Rohner der Bank. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«Es darf nicht sein, dass niemand persönlich die Verantwortung für begangene Fehlhandlungen auf sich nimmt.»

Business as usual. Das, so scheint es, ist der Modus Operandi in der Führungsetage der Credit Suisse (CSGN 6.52 +0.18%) exakt einen Monat nach dem historischen Kniefall in den USA. Am 19. Mai hatte die Bank eingestanden, Beihilfe zu Steuerhinterziehung geleistet zu haben, und schulterte eine Strafzahlung von insgesamt 2,8 Mrd. $. Es war das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, dass sich eine systemrelevante Grossbank in den Vereinigten Staaten einer Straftat für schuldig bekannt hat.

Harsche Marktreaktionen blieben aus. Der Aktienkurs der Credit Suisse liegt gegenwärtig 3% höher als vor einem Monat. Nach offiziellem Wissensstand haben sich kaum Kunden von der Bank abgewendet. Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und CEO Brady Dougan bleiben im Amt. Sie hätten von den strafbaren Handlungen im Geschäft mit amerikanischen Privatkunden nichts gewusst, lautete ihre Verteidigung. Persönlich hätten sie «eine weisse Weste». Business as usual.

War also alles bloss viel Lärm um nichts? Nein. Der 19. Mai 2014 war eine Zäsur, nicht nur für die CS, sondern für den Schweizer Bankenplatz und sein altes Geschäftsmodell der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung. Es darf nicht sein, dass die Akteure der Branche jetzt einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Und es darf auch nicht sein, dass im konkreten Fall der Credit Suisse niemand persönlich die Verantwortung für begangene Fehlhandlungen auf sich nimmt.

Die Tat

Zunächst einige Feststellungen: Die Credit Suisse wurde von den US-Justizbehörden extrem hart angefasst. Das Schuldeingeständnis liest sich wie eine diktierte Kapitulationserklärung, die Strafsumme ist drakonisch hoch. Noch vor fünf Jahren musste die UBS (UBSG 17.03 -1.16%) bloss 780 Mio. $ Busse bezahlen und kam ohne Schuldeingeständnis davon – und das, obwohl sie im Geschäft mit amerikanischen Privatkunden aggressiver und ruchloser agiert hatte als die Credit Suisse. Insofern hat Brady Dougan nicht unrecht mit seiner Aussage, in der Festsetzung von Busszahlungen gegen Banken herrsche Inflation.

Allein, Dougans Lamento ist wenig relevant: Erstens ist die Welt im Jahr 2014 eine andere als im Jahr 2009. Die öffentliche Meinung ist der Finanzbranche gegenüber kritischer eingestellt, was die Banken zum Teil ihrem wenig einsichtigen Verhalten nach der Finanzkrise zuzuschreiben haben. Zweitens hätte Dougans Wehklage nur Gewicht, wenn die CS Opfer von Willkürjustiz wäre, wenn sie wegen einer Bagatelle unverhältnismässig hart bestraft worden wäre. Doch das ist nicht der Fall.

Die Vergehen der Credit Suisse sind keine Bagatelle. Die Bank bekannte sich schuldig, während Jahren in systematischer Weise vielen amerikanischen Kunden geholfen zu haben, ihre Steuern zu hinterziehen. Sie hat Beihilfe zur Begehung einer kriminellen Handlung geleistet, was nach US-Recht eine Straftat ist. Für diese musste sich die Bank in den USA verantworten; sie konnte sich nicht mit dem Argument verteidigen, keine schweizerischen Gesetze gebrochen zu haben.

Sowohl das US-Justizministerium wie auch die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma verurteilen die Taten der CS mit klaren Worten. Die Finma stellt in einer scharf verfassten Rüge fest, dass die Credit Suisse im Geschäft mit US-Kunden ihre Gewährs- und Organisationserfordernisse sowie ihre Pflichten in der Überwachung der aus dem Geschäft entstehenden Risiken in schwerer Weise verletzt habe.

Die Schuld

So weit die Feststellung des Tatbestands sowie der Umstände des Schuldeingeständnisses. Das führt zur Frage: Wer ist schuldig? Und: Wer trägt die Verantwortung?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen zunächst die Begriffe Schuld und Verantwortung definiert werden. Der Begriff der Schuld enthält in den gängigen philosophischen Definitionen eine Form von Kausalität: Schuld ist, wer ursächlich für falsches Handeln war. Verantwortung dagegen bedeutet die Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzustehen, die Last der Konsequenzen zu tragen – losgelöst von der Frage, ob die verantwortliche Person auch die schuldige Person ist.

Im vorliegenden Fall der Credit Suisse weisen Verwaltungsratspräsident Rohner und CEO Dougan jegliche Schuld von sich. Sie hätten von den Verfehlungen im US-Geschäft nichts gewusst, die Straftaten seien von einer Handvoll Mitarbeitern in niederen Chargen begangen worden. Ergo sehen sie keinen Grund, von ihrem Amt zurückzutreten. Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, die Plausibilität dieses Nicht-Wissens zu hinterfragen. Eine «Smoking Gun» in Form eines Dokuments, das bewiesen hätte, dass die Geschäftspraktiken in der Konzernleitung bekannt waren, wurde offenbar nie gefunden. Insofern kann eingeräumt werden, dass Rohner und Dougan tatsächlich keine Schuld tragen.

Anders verhält es sich mit der Verantwortung. Denn: Die Credit Suisse als Institution hat sich einer Straftat für schuldig erklärt. Doch wer ist die Credit Suisse überhaupt? Das Schuldeingeständnis bleibt abstrakt, geradezu surreal, seine Tragweite unsichtbar, wenn niemand im Namen der Institution die Verantwortung auf sich nimmt. Genau das wäre die moralische Pflicht von Brady Dougan und in fortgesetzter Linie von seinem Vorgesetzten, Urs Rohner. Das Argument, sie hätten nichts gewusst, befreit sie nicht von ihrer Verantwortung.

Die einzige Verteidigung, die sie hätten, wäre die Feststellung, dass sie erst nach der Zeit, in der die Straftaten begangen wurden, zur Bank gestossen sind, oder dass sie sofort nach ihrer Amtsübernahme alles unternommen haben, um die Missstände zu beheben. Doch Dougan und Rohner haben in den fraglichen Jahren in leitender Funktion für die CS gearbeitet. Beide haben es in der Sache lange an Dringlichkeitsgefühl vermissen lassen. Beide müssen sich vorwerfen lassen, sie hätten ungenügend mit den Untersuchungsbehörden kooperiert. Und beide haben trotz frühzeitiger Identifikation der Risiken zu wenig unternommen, um die fraglichen Geschäftspraktiken resolut zu stoppen.

Letzterer Punkt ist übrigens symptomatisch für viele Schweizer Banken: Während Jahren war man sich der Geschäfts- und Reputationsrisiken in der Verwaltung ausländischer Kundengelder durchaus bewusst – doch kaum jemand zeigte Eile, daran etwas zu ändern. Es ist schwer vorstellbar, dass Vertreter der schweizerischen Maschinenbau-, Uhren-, Pharma- oder Nahrungsmittelindustrie ähnlich salopp mit potenziell fatalen Geschäfts- und Reputationsrisiken umgehen würden.

Die Verantwortung

«The Buck Stops Here», verkündete ein Schild auf dem Schreibtisch von Harry S. Truman. Es erinnerte den 33. US-Präsidenten (1945 bis 1953 im Amt) stets daran, dass er die Verantwortung für die Taten der Vereinigten Staaten niemandem weiterreichen kann. Die Redewendung dürfte Dougan und Rohner vertraut sein. Mögen sie in der Causa Credit Suisse auch keine unmittelbare Schuld tragen, so tragen sie doch die Verantwortung. Das ist die Bürde ihres Amtes, dafür werden sie entlohnt.

Es ist durchaus zu begrüssen, dass weder die US-Behörden noch die Finma einen Rücktritt erzwungen haben. Diese Einsicht müssen die Aktionäre, der Verwaltungsrat und vor allem Dougan und Rohner selbst haben. Sie müssten einsehen, dass sie mit ihrer Weigerung, die Verantwortung zu übernehmen, alle 45 600 Angestellten der Credit Suisse zu Verantwortlichen machen und einem Neustart der Bank im Weg stehen.

Beide haben ohne Zweifel Grosses für die Bank geleistet. Doch nun ist es an der Zeit, zu gehen. Rohner sollte die Suche nach Dougans Nachfolger beginnen und den CEO ablösen. Danach kann er selbst sein Amt an der nächsten Generalversammlung zur Verfügung stellen. Die beiden Männer würden damit etwas beweisen, was in der Finanzwelt in den vergangenen Jahren leider weitgehend abhandengekommen ist: Ehrgefühl.

Leser-Kommentare

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Adrian Gnehm 23.06.2014 - 17:38
Wenn man sich bewusst ist, dass die grosse Mehrheit der Aktionäre ausländische Investoren sind, können schweizerische Medien, einschlieslich die FuW, noch so sehr die Moralkeule schwingen, sie erreichen damit nichts. Sie vergraulen lediglich die Kleinaktionäre in der Schweiz. Das Zitat von Harry Truman hatte im übrigen einen ganz anderen Sinn: er meinte damit, dass die Nörglern im Kongress sich noch… Weiterlesen »
Peter Wigant 24.06.2014 - 00:36

Liebe FuW,
Mark Dittli bringt es auf den Punkt. Ehre im Bankwesen? Was ist das?
Freundliche Grüsse
PW

Global Global Citizen 01.07.2014 - 06:25
Facts -The CS case was an issue covered under a tax treaty (1950s and again in 1990s) between Switzerland and the U.S.A. regarding exchange of information (Article 26) on tax matters. The bilateral tax treaty acknowledged that there was a difference in each country’s laws between tax fraud and tax evasion. The U.S.A. treated tax evasion as a criminal matter;… Weiterlesen »