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Eine grosse SanierungsaufgabeDrei spanische Sparkassen vor der Teilverstaatlichung – Frist für neue Eigenkapitalquoten läuft aus – Harter Wettbewerb um Einlagen

Angelika Engler, Madrid

Europa denkt angesichts des Griechenlanddramas immer lauter über eine neue Runde der Bankenrekapitalisierung nach – doch in Spanien ticken die Uhren noch immer anders: Am 30. September läuft die von Spaniens Politik vor Monaten gesetzte Frist zur Erfüllung der Eigenkapitalquote von mindestens 8% der risikogewichteten Aktiva für börsennotierte Geldhäuser und von 10% für nicht börsennotierte Finanzinstitute aus. Damit werden mindestens drei kapitalklamme Sparkassen mangels Interesse privater Investoren teilverstaatlicht. Und mit der einst fünftgrössten Sparkasse des Landes, der Caja de Ahorros del Mediterráneo (CAM), wartet auf den Steuerzahler ein dicker Sanierungsfall von möglicherweise 20 Mrd. € oder mehr.

Zusätzlichen Rekapitalisierungsbedarf gerade für die Cajas sieht Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado im Zuge der jüngsten EU-Pläne nicht: Die in Kürze geltenden 10% für nicht gelistete Häuser seien ausreichend, meinte sie. Dennoch entsteht der Eindruck, als habe sich die Welt weitergedreht, und Spanien hinke mit seiner Sanierungspolitik nach zehn Jahren Immobilienboom und Konsumrausch hinterher.

Ausfallrate klettert auf 7%

Glücklicherweise haben die spanischen Banken und Sparkassen, die 50% des spanischen Kredit- und Einlagengeschäfts halten, zu Boomzeiten nicht auch den Höhenflug Griechenlands mitfinanziert. Die Anleihen Athens in spanischen Bilanzen summieren sich nach Daten der Nachrichtenagentur Reuter auf nur 400 Mio. €. Doch die gesamte Finanzbranche leidet in unterschiedlichem Ausmass unter den Kreditaltlasten nach dem Platzen der Immobilienblase im eigenen Land. Die damals freudig eingegangenen Risiken mit der nötigen Risikovorsorge zu verdauen und gleichzeitig die geforderte Mindesteigenkapitalquote zu halten, gestaltet sich immer schwieriger. Der Grund sind das lahmende Wirtschaftswachstum und die Kreditausfallrate, die nach Daten des Banco de España per Ende Juli fast 7% des Kreditbestands von stolzen 1,79 Bio. € erreichte. Hinzu kommt ein derzeit praktisch geschlossener Geldhahn im Interbankenverkehr. Als direkte Folge mussten spanische Finanzinstitute in jüngerer Zeit wieder verstärkt Fazilitäten der EZB anzapfen.

2012 kommen auf die Branche Fälligkeiten von etwa 120 Mrd. € zu, die refinanziert werden wollen. Die Engpässe auf dem Kapitalmarkt begünstigen in der Branche erneut einen «Krieg um Einlagen» – Festgeldanlagen zu Zinsen von 4% und mehr – , um Liquidität zu sichern. Das grosse Problem bleiben aber die in vielen Fällen noch unsanierten Bilanzen. Die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero tat ihr Eigenes dazu, eine schnelle Sanierung sowie Rekapitalisierung des Sektors zu verhindern, der bislang mit rund 15 Mrd. € aus der Staatskasse und zum Teil per Darlehen gestützt wurde. Stattdessen müssen nun alle Banken und Sparkassen bis Ende September die neuen Eigenkapitalquoten erfüllen. Gemessen an diesen Regeln fielen insgesamt zwölf Finanzinstitute durch, von denen so einige den jüngsten Stresstest der EU bestanden hatten. Insofern zeigt sich Spanien strenger als die EU.Zu den kapitalklammen Geldhäusern nach spanischer Lesart gehören acht der mittlerweile von einst 45 auf nunmehr 18 geschrumpften Sparkassen. Nur zwei dieser acht Cajas, Bankia um Caja Madrid und Banca Cívica um Caja Navarra, schafften den von der Regierung bevorzugten Weg der Rekapitalisierung: den Gang an die Börse. Der Preis war allerdings hoch: Die Aktien fanden nur mit einem Abschlag von 60% auf dem Buchwert Abnehmer. Mit Novacaixa Galicia, Catalunya Caixa und Unnim steht nun drei klammen Sparkassengruppen mangels Privatinvestoren die Teilverstaatlichung bevor: Der staatliche Restrukturierungsfonds Frob wird sich wahrscheinlich an der Bewertung von Bankia und Banca Cívica orientieren und für die nötigen Kapitalspritzen eine entsprechende Kapitalbeteiligung erhalten. Zwei weitere Sparkassengruppen, Banco Mare Nostrum um Caja Murcia sowie Liberbank um Cajastur, bekamen die Frist noch einmal verlängert – in der Hoffnung auf Privatinvestoren.

Politischer Druck

Den Einstieg eines Fonds bei der unterstützungsbedürftigen CAM verhinderte offenbar der Banco de España. Das Schicksal dieser Caja, die mit einem Mix aus politischem Einfluss und zu riskanter Kreditvergabe zu Fall kam, sollte offenbar nicht in die Hände eines Finanzinvestors gelegt werden. CAM ist wohl das beste Beispiel für die zögerliche Sanierungspolitik der Regierung Zapatero. Nun will der Banco de España sie bald versteigern und erwägt offenbar, einem genehmen Käufer Garantien für künftige Kreditausfälle von mindestens 20 Mrd. € zu geben.

Nicht ohne Grund hat sich Mariano Rajoy, Chef des konservativen Partido Popular (PP), für den Fall seines wahrscheinlichen Wahlsiegs am 20. November die Sanierung der Finanzbranche als eine seiner Prioritäten vorgenommen: «Die Restrukturierung des Finanzsektors muss endlich abgeschlossen werden, und dabei müssen Transparenz und Bilanzsanierung Vorrang vor einer Rekapitalisierung haben», betonte er kürzlich, ohne allerdings Details zu nennen. Wenn er jedoch Ernst macht, steht der Finanzbranche der grosse Knall möglicherweise noch bevor.

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