Unternehmen / Finanz

Eine «Kapitulation» mit schwerwiegenden Folgen

Was Banken und Vermögensverwalter zur überraschenden Abschaffung des Mindestkurses durch die SNB sagen – «Finanz und Wirtschaft» hat Marktstimmen gesammelt und zusammengefasst.

Nach der Aufhebung des SNB-Mindestkurses kommentieren Banken und Vermögensverwalter in aller Welt die überraschende Massnahme. Von einer Kapitulation mit schwerwiegenden Folgen für die Schweizer Wirtschaft ist die Rede, es gibt aber auch Lob für das Bekenntnis der SNB (SNBN 6'520.00 +0.31%) zu den Marktkräften.

Aberdeen Asset Management: Das ist ein Riesenschritt der SNB. Das Problem der Schweiz ist, dass sie als sicherer Hafen fast zu glaubwürdig ist. Sie versucht verzweifelt, sich mit der Währung vor den externen Risiken, besonders denen aus der Eurozone, zu schützen. Aber mit der Aussicht auf massive Wertschriftenkäufe (QE) der Europäischen Zentralbank vielleicht schon nächste Woche muss die SNB wohl gemerkt haben, dass ihre Wechselkurswette diesem QE nicht mehr standhält. Die Möglichkeit, dass die Schweizer Zinsen jetzt noch weiter sinken, ist real.

Morgan Stanley: Die Abschaffung der Frankenuntergrenze zum Euro stärkt den Dollar gegenüber Schwellenländerwährungen, vor allem denen der Europäischen Union wie Zloty und Forint. Damit steigt das Risiko, dass Europa Deflation in andere Teile der Welt exportiert. Darüber hinaus haben trotz jüngster Umschuldung Haushalte in Ungarn und Polen immer noch Frankenschulden in Form von Hypotheken ausstehen.

Absolut rational

Saxo Bank: Die SNB hat die Vor- und die Nachteile des Mindestkurses gegeneinander abgewogen und die Nachteile für grösser befunden. Die Schweiz setzt ein starkes Signal an Staaten wie Japan. Der Weg zu einem starken Wachstum und langfristigem Wohlstand führt über die Selbstbestimmung des Marktes bezüglich der Währungskurse. Die Entscheidung der SNB ist absolut rational und gibt den Märkten Hoffnung, indem sie das Auf und Ab des Geschäftszyklus als einzigen Weg zur Besserung akzeptiert.

UBS: Der negative Effekt auf die Schweizer Wirtschaft wird beträchtlich sein. Auf die Verbraucherpreise könnte er sich mit –0,9% (auf Monatsbasis) auswirken. Der direkte Effekt liegt bei schätzungsweise 5 Mrd. Fr. Das entspricht einer Schmälerung des Bruttoinlandprodukts um 0,7%. Fundamental betrachtet bleibt der Franken überbewertet, seine Kaufkraftparität schätzen wir auf 1.28 Fr./€. Auf welchem Wechselkursniveau sich der Franken in den kommenden Tagen zum Euro einpendeln wird, ist schwer vorherzusagen.

SNB verliert Glaubwürdigkeit

Bank J. Safra Sarasin: Die ökonomischen und politischen Fundamentaldaten rechtfertigen zwar einen etwas festeren Frankenkurs zum Euro. Mit ihrer Entscheidung, den Mindestkurs aufzuheben, verliert die SNB aber an Glaubwürdigkeit. Es wird somit sehr unwahrscheinlich, dass derartige Untergrenzen in den nächsten Jahren wieder eingeführt werden. Die Folge ist, dass die SNB gezwungen sein wird, am Devisenmarkt stärker zu intervenieren, falls der Franken Bewertungsniveaus erreichen sollte, die als zu hoch erachtet werden. Das könnte schon bald der Fall sein, wenn die EZB mit ihrem Anleihenkaufprogramm Ernst macht.

DZ Bank: Die Schweizer Währungshüter scheinen die Reissleine gezogen zu haben, bevor ihre Kollegen in Frankfurt ein breit angelegtes Staatsanleihenkaufprogramm auf die Beine stellen. Denn dieses könnte den Euroabwertungsdruck noch verstärken. Es bestand die Gefahr, dass die SNB immer weiter intervenieren muss und einen Devisenberg anhäuft, den sie kaum hätte abtragen können. Die bislang gute Reputation der SNB dürfte durch den jüngsten Schritt erheblichen Schaden genommen haben. In den nächsten Tagen und Wochen sollte der Euro-Franken-Kurs unter Druck bleiben und das aktuelle Niveau halten oder sogar unterschreiten.

Das Instrumentarium gewechselt

Barclays: Die SNB bleibt auch künftig auf die Überbewertung des Frankens fokussiert. Mit ihrer Entscheidung vom Donnerstag, die auch im Zusammenhang mit der gewaltigen Bilanzausweitung zu sehen ist, hat sie lediglich das monetäre Instrumentarium gewechselt – von Devisenmarktinterventionen hin zu negativen Zinsen. Der Eurokurs in Franken dürfte sich in den nächsten Tagen erholen, aber unterhalb des bisherigen Mindestkurses von 1.20 Fr./€ bleiben.

Bankhaus Lampe: Die Zinssenkung der SNB dürfte der Versuch sein, die Frankenaufwertung zu bremsen. Unter dem Strich ist die Schweizer Geldpolitik restriktiver geworden. Es ist wahrscheinlich, dass der Zins noch weiter in den negativen Bereich gesenkt wird. Aus fundamentaler Sicht (Zinsdifferenz, Wachstum und Inflation) liegt ein fairer Wechselkurs wohl über 1.20 Fr./€. Angesichts der restriktiveren Geldpolitik und der in Kürze wohl beginnenden EZB-Staatsanleihenkäufe ist eine Annäherung an den fairen Wechselkurs vorerst aber nicht zu erwarten. Auf Sicht von drei Monaten dürfte der Kurs zwischen 0.95 und 1.10 Fr./€ schwanken. Mit der geldpolitischen Kehrtwende hat die Glaubwürdigkeit der SNB Schaden genommen.

Kein Kräftemessen mit der EZB

M&G Investments: Die Entscheidung der SNB könnte damit zusammenhängen, dass sie sich nicht auf ein Kräftemessen mit der EZB und ihren zu erwartenden Anleihenkäufen einlassen wollte. Indem die SNB ihre Mindestkursgarantie zum Euro nicht mehr weiter aufrechterhält, könnte dies (für die EZB) die Notwendigkeit verringern, Staatsanleihen aufzukaufen. Wertet sich der Franken nunmehr dauerhaft auf, wird für Schweizer Exporteure der Wettbewerb am Weltmarkt härter. Das schadet der Schweizer Wirtschaft und erhöht den Druck auf die Verbraucherpreise.

Kames Capital: Die vollen Auswirkungen der SNB-Entscheidung vom Donnerstag werden sich erst noch zeigen. Aber mit weiter in den negativen Bereich fallenden Einlagenzinsen lässt sich wohl jetzt schon vorhersagen, dass die Nachfrage nach Anlageprodukten, die noch verlässlich einen positiven Ertrag abzuwerfen versprechen, weiterhin sehr gross bleiben wird.

Risiko für die Schweizer Wirtschaft

Commerzbank: Die SNB hat kapituliert und mit ihrer überraschenden Aufgabe des Mindestkurses ihre Glaubwürdigkeit weitestgehend verloren. Sie läuft nun Gefahr, dass der Franken sich massiv aufwertet. Gemessen an der Volatilität des Euro-Franken-Kurses ist die begleitend eingeführte Zinssenkung «kaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein». Bereits kurz nach der Entscheidung hat die SNB am Devisenmarkt interveniert, um die Aufwertung zu bremsen. Ob die Rechnung für die SNB aufgeht, wird sich erst zeigen, wenn in den nächsten Wochen klar wird, wie umfangreich die heutigen Interventionen waren. Und natürlich hängt von dem sich einstellenden Ausmass der Frankenaufwertung ab, wie stark der deflationäre Druck wird. Im Dezember ist die Inflationsrate wieder auf –0,3% gesunken. Nach der heutigen Entscheidung ist klar, dass dies noch lang nicht der Tiefpunkt gewesen sein dürfte. Das Risiko, dass die Schweizer Wirtschaft durch die sprunghafte Aufwertung massiven Schaden nimmt, ist gestiegen.