Märkte / Aktien

Eine Mischung aus Wachstum und Substanz

Den grössten Erfolg haben Anleger, wenn sie auf Aktien setzen, die auf Basis des KGV teuer sind, aber ein günstiges KBV aufweisen.

Anleger fokussieren in der Regel auf die Substanz oder das Wachstum eines Unternehmens. Je nachdem  betätigen sie sich als Value- oder als wachstumsorientierte Investoren. Während die einen eine Aktie anhand des Kurs-Buchwert-Verhältnisses beurteilen, steht bei den anderen das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Zentrum.

«Finanz und Wirtschaft» stellt die beiden Grössen für den Schweizer Markt einander gegenüber und zeigt, welche Unternehmen nach Kurs-Gewinn-Verhältnis und nach Kurs-Buchwert-Verhältnis attraktiv sind und was das heisst. Als Trennungslinie gilt die Bewertung des Marktes, gemessen am Durchschnittswert des Swiss Performance Index (SPI (SXGE 11897.75 -3.59%)). Aus dieser Systematik ergeben sich vier Klassifizierungen.


GÜNSTIG NACH BEIDEN MASSSTÄBEN


Auf den ersten Blick interessant scheinen Aktien, die verglichen mit dem Markt sowohl ein niedrigeres KGV als auch ein tieferes KBV aufweisen. Ein geringes KGV heisst aber auch, dass das erwartete Gewinnwachstum gegenüber der verlangten Rendite gering oder sehr unsicher ist. Das niedrige KBV ist Ausdruck von Ungewissheit und dafür, dass die Eigenkapitalrendite kleiner ausfällt. Das kann sich in einer entsprechenden Aktienkursentwicklung spiegeln. Empirisch konnte nachgewiesen werden, dass diese Unsicherheit langfristig für eine Renditeprämie gesorgt hat.

Value-Investoren suchen in der Regel Aktien, die mit einem KBV unter 1 bewertet sind. Anzahlmässig befinden sich die meisten Unternehmen am Schweizer Markt in dieser Konstellation. Stark vertreten sind in diesem Quadranten Finanztitel und Konsumwerte. Dazu gehören etwa die Grossbanken UBS (UBSG 10.6 -4.25%) und Credit Suisse (CSGN 10.81 -5.09%). Neben niedrigen Zinsen und zurückhaltenden Kunden lasten unstetes Wachstum und hohe Bussen der Vergangenheit auf den Aktienkursen. Ebenfalls in dieser Gruppe sind die Versicherer Swiss Re (SREN 91.64 -3.5%) und Zurich.

 


TURNAROUND UND KÜNFTIGES WACHSTUM


Die Kombination aus hohem KGV und niedrigem KBV ist für Investoren besonders interessant. Ein hohes KGV zeigt, dass die Wachstumserwartungen relativ hoch sind. Das geringe KBV könnte implizieren, dass Ausgaben für künftiges Wachstum getragen werden. Empirisch zeigten solche Unternehmen das höchste Gewinnwachstum, aber auch die höchste Streuung der Gewinne.

Am Schweizer Markt gehören dazu der Autozulieferer Autoneum (AUTN 94 -5.19%), der Spinnmaschinenhersteller Rieter (RIEN 113.9 -1.47%) oder der Stromzählerhersteller Landis+Gyr (Landis+Gyr 78.9 -5.62%). Aber auch ein Turnaround-Kandidat wie der Asset-Manager GAM (GAM 3.23 -2.89%), bei dem nach einem Einbruch eine Erholung lockt, findet sich in dieser Bewertungskategorie. Die Risiken dürfen jedoch nicht unterschätzt werden, denn nur wenn das Institut den Turnaround schafft, dürfte sich wieder eine höhere Bewertung einstellen.

Für die Valoren des Telecomunternehmens Sunrise (SRCG 78 -1.14%) wird vor allem wegen der attraktiven Dividende eine Prämie bezahlt. Die Vorbereitungen für die Übernahme der Mitstreiterin UPC wirken hingegen als Unsicherheitsfaktor. Ebenfalls in dieser Kategorie befinden sich die Immobiliengesellschaften Mobimo (MOBN 289.5 -3.5%), Allreal (ALLN 206 -2.37%), PSP (PSPN 142.6 -4.87%) Swiss Property oder Swiss Prime Site (SPSN 116 -4.05%).

 


TEURE SUBSTANZ- UND QUALITÄTSTITEL


Die Kombination niedriges KGV und hohes KBV weisen in der Schweiz nur wenige Unternehmen auf. Das Geschäft dieser Gesellschaften ist ausgereift, Anleger können sich meist über eine attraktive Dividende und eine hohe Eigenkapitalrendite freuen. Grosses Gewinnwachstum wird nicht mehr erwartet. Dennoch konnten diese Unternehmen den Markt oft schlagen, da die Erwartungen der Investoren gering ausfallen. Vertreter am Schweizer Aktienmarkt sind die Kreditbank Cembra (CMBN 108.3 -5.5%), der Handyspezialist Mobilezone (MOB 10.48 -2.06%), das Telecomunternehmen Swisscom (SCMN 513.6 -3.86%) und der Pharmakonzern Roche (ROG 309.7 -3.95%).

 


PRÄMIE VERSUS ÜBERTREIBUNG


In die Kategorie der teuren Unternehmen fallen Aktien mit einem hohen KGV und einem hohem KBV. Hier erwarten Anleger ein hohes Wachstum mit wenig Unsicherheit. Der Gewinn ist schon hoch gegenüber dem Buchwert.

Da das Bewertungsfeld in dieser Kategorie nach oben offen ist, ist Vorsicht geboten: Eine Prämie für gute Qualität und Übertreibungen fallen in dieselbe Kategorie. Während Nestlé (NESN 98.85 -2.86%), Lindt & Sprüngli (LISN 83700 -3.9%), Ems-Chemie (EMSN 563.5 -3.01%) oder Novartis (NOVN 81.25 -4.47%) aufgrund ihrer Solidität mit einer Prämie handeln, scheinen die Titel des Bankensoftwareherstellers Temenos (TEMN 137.25 -5.54%) mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 50 und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 38 aus dem Rahmen zu fallen.

Der Schliesstechniker Dormakaba (DOKA 573 -2.38%) wirkt vor allem auf Basis der Buchwertbetrachtung teuer. Dies hat aber buchhalterische Gründe, weil Goodwill aus Akquisitionen über das Eigenkapital abgeschrieben wurde. Anleger sollten sich bewusst sein, dass die guten Aussichten oft im Kurs eskomptiert sind. Empirisch hinken solche Titel dem Markt eher hinterher.