Märkte

Eine Schockwelle erschüttert den Kryptomarkt

Die vergangenen Wochen waren für alle risikoreichen Anlageklassen negativ. Insbesondere der Kryptomarkt hat stark korrigiert.

MARTIN HÜPPI, PORTFOLIO MANAGER SEBA BANK AG

Der Gesamtwert des globalen Kryptomarkts ist auf 1,4 Bio. $ gesunken. Zu Beginn des Jahres lag die Gesamtmarktkapitalisierung noch bei 2,5 Bio. $. Die Geschichte dieser noch sehr jungen Anlageklasse ist geprägt von einer Vielzahl neuer digitaler Währungen und Ideen. Jedoch konnte sich eine grosse Anzahl dieser Coins nicht etablieren und verschwand ebenso schnell wieder vom Horizont.

Das Versagen des Terra-Luna-Projekts wird tiefere Spuren hinterlassen. Luna sollte ein weiterer Stablecoin sein – ein einfacher Token, welcher den US-Dollar repräsentiert. Der plötzliche Zerfall von Luna in einer Situation, in welcher der Kryptomarkt ohnehin unter Druck stand, hat Fragen aufgeworfen über das Funktionieren des gesamten Marktes.

Bitcoin ist unter 30’000 $ gefallen, die Bewertung von Coinbase ist stark zurückgegangen und Tether (USDT), der grösste an den US-Dollar gebundene Stablecoin, konnte die 1:1-Relation zum US-Dollar nicht immer gewährleisten. Am Donnerstag fiel der Kurs kurzzeitig auf 0.95 $.

Was hinter dem Zerfall von Terra Luna steckt

Das Modell von TerraUSD ist ein experimenteller Token. Normalerweise geben die Betreiber von Stablecoins an, dass sie 1:1 mit US-Dollar-Reserven unterlegt sind. Terra hingegen wurde durch einen Algorithmus gestützt, der mit seinem Schwester-Token Luna verknüpft war, um seine US-Dollarbindung in Schach zu halten.

Als das Vertrauen in dieses Modell schwand, begann der 1-Dollar-Wert von Terra zu sinken und lag am Ende der letzten Woche unter 15 Cent. Verschiedene Rettungsversuche der Hintermänner des Projekts scheiterten, und am Donnerstag wurde die Terra-Blockchain vorübergehend gestoppt.

Mittlerweile konnte die Terra-Blockchain wieder hochgefahren werden. Das Vertrauen in das Projekt wurde jedoch zerstört, und die Chancen einer Wiederherstellung schätzt der Markt als sehr gering ein. Isoliert betrachtet ist Terra nicht sehr gross und deshalb keine systemische Bedrohung für den Kryptomarkt.

Allerdings fragen sich viele Markteilnehmer, wie es um die anderen Stablecoins steht. Ist das Vertrauen noch gerechtfertigt? Tether wurde in diesem Zusammenhang auch hinterfragt, und die Betreiber des Tokens versichern, dass alles mit US-Dollar-basierten Reserven physisch hinterlegt ist.

Wenn das stimmt, gibt es keinen Grund für ein Abweichen des Preises unter 1. Ein kurzes Nachgeben der Kurse konnte beobachtet werden, allerdings hat sich im Laufe des Donnerstags die Relation zum US-Dollar wieder normalisiert. Aber das Misstrauen scheint doch grösser geworden zu sein.

Markteilnehmer stellen kritische Fragen und wollen präzise Antworten bezüglich der Unterlegung von Stabelcoins. Im Moment haben sich die Preise der physisch unterlegten Währungen wieder stabilisiert und das Vertrauen scheint wieder gewonnen.

Kryptomarkt was nun?

Die Bewertungen von Technologietiteln und weiteren riskanten Anlagen sind stark gefallen. Der Hauptgrund sind die steigenden Zinsen, welche in allen entwickelten Volkswirtschaften zur Realität geworden sind. Kryptoanlagen sind durch diese makroökonomischen Tatsachen noch stärker abgestraft worden. Die Annahme, dass Kryptowährungen als gute Inflationsabsicherung dienen, wird kontrovers diskutiert.

Auch die Idee, dass sich digitale Token zur tragenden Säule eines globalen Finanzsystems entwickeln, scheint zumindest kurzfristig in den Hintergrund getreten zu sein. Die Standfestigkeit von Kryptoanlagen in Krisenzeiten ist nicht von der Hand zu weisen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Anlässe, das Ende der Kryptoanlagen zu verkünden, aber nichts dergleichen ist geschehen.

Die grosse Frage bleibt, inwiefern sich institutionelle Investoren weiterhin für digitale Währungen interessieren werden. Für eine nachhaltige Nachfrage professioneller Investoren nach digitalen Währungen ist die Volatilität derzeitig einfach noch zu hoch.

Alle Investoren müssen sich intensiver mit den Lösungsansätzen, welche die Kryptowelt anbietet, auseinandersetzen und potenzielle Bewertungen am Markt kommunizieren. Insbesondere Lösungen, die im Decentralised-Finance-Umfeld auf dem Markt sind, bieten interessante Ansätze, welche die zukünftige Entwicklung der Finanzsysteme unterstützen können.

Nutzen von DeFi besteht weiter

Der Nutzen dezentralisierter Lösungen für das Finanzsystem (DeFi) liegt auf der Hand. Jedoch scheint das Aufbrechen etablierter Strukturen und Prozesse, welche sich über mehrere Jahrzehnte etabliert haben, lange Zeit in Anspruch zu nehmen. Der Vergleich mit dem Internet sei an dieser Stelle erlaubt. Vor rund 25 Jahren war die Welt auch an einem Punkt, an dem eine neue Technologie vorhanden war, aber die Anwendungen nicht unbedingt ersichtlich waren.

Die momentane Unsicherheit wird sicherlich überwunden. Dazu muss einerseits der Werterhaltungscharakter von Bitcoin weiter gefestigt werden. Die Voraussetzungen dazu sind gegeben, und Diskussionen rund um dieses Thema werden in nächster Zeit sicherlich weitergeführt werden.

Andererseits muss es gelingen, aus den vielen Anwendungsbereichen im Kryptobereich diejenigen herauszufiltern, welche effiziente und innovative Lösungen für den traditionellen Finanzbereich bieten. Es gibt viele gute Projekte, jedoch ist die Integration in bestehende Strukturen und die Akzeptanz des «Establishments» eine Grundvoraussetzung.