Meinungen

Eine unerwünschte Geldrevolution

Die Facebook-Währung ist alles andere als ein Selbstläufer. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«In Entwicklungsländern hat die enge Aufsicht über das Finanzsystem hohe Priorität.»

Es wird als der ganz grosse Wurf angekündigt: Die von Facebook (FB 183.28 -0.49%) initiierte Kryptowährung Libra soll zum digitalen Weltzahlungsmittel werden. Transaktionen sollen extrem günstig werden. Die von Facebook angekündigte Geldbörse Calibra will ermöglichen, dass man sich per WhatsApp oder über den Facebook Messenger die Währung per Chat schickt.

Es ist zweifelhaft, ob wir in ein paar Jahren alle Libra verwenden werden. So steht hinter der neuen Währung die Vision, dass «ein Unistudent so leicht die Rente bezahlen wie einen Kaffee (Kaffee 131.705 0.04%) kaufen kann». Das wird wohl nur die wenigsten potenziellen Nutzer in den Industrieländern begeistern.

In der Schweiz sind keine Klagen zu hören, dass man im jetzigen Finanzsystem nur schwerlich Kaffee kaufen oder die Miete überweisen kann. Mit der neuen Währung zu bezahlen, wird eher komplizierter: Statt dass mit einer Bankkarte direkt Geld vom Konto ausgegeben wird, ist noch das Libra-Netzwerk dazwischengeschaltet.

Unsinnige Verkomplizierung

Eine Transaktion wird mit einer zusätzlichen Zwischenschicht nicht schneller und günstiger als der direkte Zugang zum Bankkonto. Alternativ liessen sich Guthaben direkt in Libra halten. Doch es ist in jedem entwickelten Land vorzuziehen, ein Konto im faktisch vom Staat garantierten Bankensystem und in der heimischen Währung zu halten.

Tatsächlich könnten internationale Zahlungen dank Libra günstiger werden, doch hier sind bei den Banken genug Pilotprojekte am Laufen, ein schnelleres internationales Settlement-System einzuführen. Die Konkurrenz durch Facebook könnte die Entwicklung beschleunigen.

Auf den ersten Blick viel interessanter ist Libra für die riesige Zahl von Menschen, die in den Entwicklungsländern keinen Zugang zu einem Bankkonto haben. Doch in diesen Ländern gibt es eine grosse Hürde zu überwinden: die Regulierungsbehörden. Denn die enge Aufsicht über das Finanzsystem hat hohe Priorität für die Regierungen.

Konkurrenz zu den eigenen Banken wird als Gefahr für die oft fragile Finanz- und Währungsstabilität in Entwicklungsländern wahrgenommen. Banken sichern sich durch Kundeneinlagen eine stabile und günstige Finanzierung. Wird das Geld ins Ausland transferiert, könnten die Finanzinstitute wie auch der Aussenwert der Währung unter Druck geraten.

Die staatliche Aufsicht wird beispielsweise wenig begeistert sein, wenn Hunderte Millionen Inder ihre Einlagen plötzlich in die im Ausland sitzende Facebook-Währung stecken, statt sie auf Konten in eigenen Banken belassen, zumal die heimischen Finanzinstitutionen in Indien zum grossen Teil in staatlichem Besitz sind.

Kein technisches Problem

Wie so oft im Silicon Valley sollen technische Lösungen ein Problem beheben, dessen Ursachen eigentlich politischer Natur sind. In Entwicklungsländern wie Indien wird die Konkurrenz auf dem Bankenmarkt künstlich niedrig gehalten, wie auch in Industrieländern die Regulierung die Eintrittsbarrieren hoch hält.

Es ist offensichtlich, dass es technisch kein grosses Problem ist, auch Menschen ohne Bankkonto Zugang zum Finanzsystem zu bieten. Dazu braucht es keine Blockchain. In Ostafrika wird es technisch äusserst einfach mit dem System M-Pesa über Telefonguthaben abgewickelt. In China bieten die allgegenwärtigen Zahlungssysteme Alipay und das mit der Messenger-App WeChat verbundene WePay eine direkte Schnittstelle zum Bankkonto.

Aus Sorge um Kapitalflucht, Finanzstabilität, Korruption und Schwarzgeld stehen in Indien und China Kryptowährungen unter Generalverdacht. In Indien liegt ein Gesetzesentwurf vor, der für die Nutzung von Kryptowährungen eine Haftstrafe von zehn Jahren vorsieht. Auf eine neue Weltwährung hat die Politik in diesen Ländern sicher nicht gewartet.

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