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Eine Wunschliste der Finanzinvestoren für 2018

Es ist im neuen Jahr besonders wichtig, dass die Wunschliste der Anleger das wirtschaftliche und politische Gesamtbild berücksichtigt. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Priorität muss die Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Rahmendaten haben, damit sie die bestehenden erhöhten Vermögenspreise besser rechtfertigen.»

Hätten Anleger an den Weihnachtsmann geschrieben, so hätten sie ihn vermutlich um eine Fortsetzung der ungewöhnlichen Kombination von Faktoren gebeten, die 2017 bestimmend war: ultraniedrige Volatilität an den Märkten, hohe Wertsteigerungen bei Finanzanlagen, Korrelationen, die die Minderung von Portfoliorisiken günstiger machten, und vielversprechende neue Anlagechancen wie etwa Bitcoin. Doch Anleger sollten sich die längerfristigen Risiken bewusst machen, die mit der Entkoppelung der Finanzmärkte von den wirtschaftlichen und politischen Rahmendaten einhergehen.

Man könnte den Investoren den Wunsch nachsehen, dass es weitergeht wie bisher. Schliesslich war 2017 ein enorm, wenn nicht gar historisch profitables Jahr für sie. Dazu kommt eine aussergewöhnlich geringe Volatilität: In den USA hat 2017 die niedrigsten Tagesverluste in der gesamten Geschichte des S&P 500 Index gezeigt. Es gab wenig, was die Anleger um den Schlaf hätte bringen können.

Normalerweise geht eine derart starke Entwicklung bei den Aktien mit niedrigeren Kursen für Staatsanleihen einher – die sogenannte negative Korrelation zwischen risikobehafteten und sicheren Anleihen. Anders 2017. Trotz der beeindruckenden Entwicklung am Aktienmarkt lag der Preis für längerfristige US-Schatzanleihen Anfang Dezember höher als zu Jahresbeginn.

Und dann ist da der rasante Anstieg der Kryptowährung Bitcoin. Ihr Preis ist seit Anfang 2017 schwindelerregend gestiegen (von rund 1000 $ auf aktuell rund 14’480 $), sodass selbst eine kleine Bitcoin-Position im Portfolio einen wesentlichen Unterschied ausmachte.

Schlüsselfaktoren

Fünf wesentliche Faktoren haben diese ungewöhnliche Situation möglich gemacht:

– eine synchrone Erholung des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums, das weiter an Fahrt gewinnt,

– Fortschritte in den USA bei wachstumsfreundlichen politischen Massnahmen,

– eine kompetente Normalisierung der Geldpolitik (die sich weiterhin fortsetzt) durch das Fed,

– massive Kapitalflüsse in passive Anlageprodukte,

– anhaltend grosse Liquiditätsspritzen dreier grosser Notenbanken (der Bank von Japan, der Europäischen Zentralbank und der chinesischen Volksbank), die gemeinsam mit den liquiditätsstarken Unternehmensbilanzen zu sinkenden Finanzierungskosten für einen grossen Teil der Haushalte und der Unternehmen geführt haben.

«Geborgte» Renditen

Es gibt aber auch weniger gute Nachrichten: Ohne anhaltende wirtschaftliche und politische Verbesserungen drohen die Faktoren, die die Anleger 2017 so erfreut haben, eine unangenehme Verkehrung der Umstände herbeizuführen. Die starke Entwicklung in diesem Jahr wurde schliesslich erheblich durch aus kommenden Jahren «geborgte» Renditen begünstigt.

Was die Minderung der Portfoliorisiken angeht, lässt der Kursanstieg bei den Staatsanleihen wenig Spielraum, um mit diesen traditionell sicheren Anlagen einen allfälligen Kursrückgang bei den Aktien aufzufangen. Angesichts der Wirkungsweise vieler VaR-gestützter Modelle (Value at Risk) hat die anhaltend niedrige Volatilität zu einer Handelskonzentration in einer Reihe von Bereichen geführt, die sich als technisch anfällig erweisen könnten.

Der steile Aufstieg von Bitcoin seinerseits – angetrieben unter anderem durch das zunehmende Engagement institutioneller Investoren – könnte darauf hindeuten, dass diese Währung auf dem Weg zu allgemeiner Anerkennung ist. Er könnte sich jedoch auch als wenig mehr denn eine grosse Finanzblase erweisen, deren unweigerliches Platzen irgendwann zu schweren Schäden führen würde.

Infrastruktur und…

Worauf also sollten die Anleger 2018 wirklich hoffen? Priorität haben muss allgemein eine Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Rahmendaten, und zwar so weit, dass sie die bestehenden erhöhten Vermögenspreise besser rechtfertigen und zugleich eine Grundlage für weitere Gewinne bilden.

In den USA würde dies die Ausweitung wachstumsfreundlicher politischer Massnahmen erfordern, was, wie kürzlich von der Regierung Donald Trumps angekündigt, die Ergänzung von Deregulierungs- und Steuermassnahmen um ein Infrastrukturprogramm umfassen würde. Die europäischen Länder sollten ebenfalls fokussiertere wachstumsfreundliche Massnahmen auf nationaler Ebene verfolgen und zugleich, gestützt auf eine gestärkte deutsch-französische Achse und einen relativ geordneten Brexit-Prozess, intensivere regionale Bemühungen unterstützen.

…Strukturreformen

Was Japan angeht, so sollte Ministerpräsident Shinzo Abe seine bei den vorgezogenen Neuwahlen im Oktober erreichte grosse Mehrheit im Parlament nutzen, um den dritten «Pfeil» seiner als Abenomics bezeichneten Wirtschaftspolitik umzusetzen: wachstumsfreundliche Strukturreformen. Schliesslich sollten zur Förderung eines stabilen Wachstums alle weltweit systemrelevanten Notenbanken – besonders Fed, BoJ, EZB und PBOC – ihre Strategien weiterhin miteinander abstimmen, um eine einheitliche geldpolitische Haltung sicherzustellen.

Nur durch derartige Bemühungen kann die aktuelle Zunahme des weltweiten Wachstums die strukturellen Wurzeln hervorbringen, die erforderlich sind, um mittelfristig für die Dauerhaftigkeit, die Ausgewogenheit und die Inklusivität dieses Wachstums zu sorgen. All dies ist umso wichtiger in einer Zeit im Fluss befindlicher geopolitischer Risiken und unsicherer Produktivitäts-, Lohn- und Inflationsdynamik.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Salim Shashoua 11.01.2018 - 13:55

Why do we not have this article in English, which is the original version of this opinion which has then been translated into German? This procedure has been followed in the past, or with a new chief editor, there are new rules?

Clifford Padevit 11.01.2018 - 18:05

it is online now.