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Eine Zukunft ohne Währungskriege?

Durch Technologie wird die Idee des 20. Jahrhunderts von einem globalen Geldsystem erneuert. Der Schlüssel dazu ist, die Verbindung zwischen Geld und Nationalstaat zu kappen. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Um zu gewährleisten, dass Libra nicht als Instrument finanzieller Spekulation dient, sondern in erster Linie als Tauschmittel, ist eine grosse Anzahl von Nutzern entscheidend.»

Die schrecklichen Erfahrungen der Dreissigerjahre sollten uns daran erinnern, dass Handels- und Währungskriege zusammengehören wie die Kutsche und das Pferd. Jetzt, wo die Regierung unter US-Präsident Donald Trump ihre protektionistische «America First»-Agenda vollständig umsetzt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch ein Währungskonflikt ausbricht.

Einen tatsächlichen Währungskrieg gab es schon seit langer Zeit nicht mehr, obwohl die Welt nach der Finanzkrise von 2008 ziemlich kurz davorstand. Damals verwendete der ehemalige brasilianische Finanzminister Guido Mantega diesen Begriff, um Amerikas aussergewöhnlich niedrige Zinsen zu beschreiben. Nach den USA schienen auch Japan und die EU mit ähnlichen Strategien ihre Exporte fördern zu wollen, und für die Industriestaaten wurde die Abwertung der eigenen Währung zu einem ungeplanten, aber zentralen Bestandteil ihrer wirtschaftlichen Erholung.

Auch die Eurokrise nach 2012 schien erst dann besser bewältigt werden zu können, als der Euro gegenüber dem Dollar nachgab. Wie viele Ökonomen im Vereinigten Königreich bereits betonten, hatte das Land mit seinem flexiblen Wechselkurs im Gegensatz zur Eurozone ein sehr effektives Werkzeug zur Verfügung, um auf die Schocks dieser Zeit zu reagieren.

Wie einst in Bretton Woods

Jedenfalls rückten die Währungssorgen der Nachkrisenzeit bald aus dem Blickfeld, was grösstenteils an den gleichzeitig ergriffenen Massnahmen der grossen Zentralbanken zur quantitativen Lockerung (QE) lag – die wiederum auch die Wechselkurse beeinflussten. An die Stelle des ersten möglichen Währungskriegs des 21. Jahrhunderts trat ein unentschlossener und zerbrechlicher Waffenstillstand. Greift nun aber ein grosser Industriestaat zu protektionistischen Massnahmen, um Vorteile über andere zu erlangen, rückt die Währungsfrage wieder in den Vordergrund.

Immerhin können die staatlichen Währungen in den Händen von Politikern, die dies beabsichtigen, eindeutig zu einer wirtschaftlichen Waffe werden. Dies ist auch der Grund, warum sich die 44 Länder, die 1944 an der Bretton-Woods-Konferenz teilnahmen, auf ein Rahmenwerk für stabile Wechselkurse einigten. Über die dominante Verhandlungsposition verfügten dabei die USA: Ihr Ziel war es, eine offene internationale Ordnung ohne Zölle oder Handelskriege einzuführen. Alle anderen Länder hatten kaum eine andere Wahl, als sich für einen Wechselkurs zu entscheiden, der ihnen eine halbwegs ausgeglichene Aussenbilanz ermöglichte.

Seitdem schliessen drohende Handelskriege immer auch das Risiko ein, dass die Währungsdebatte zurückkehrt. Dass sich Trump angesichts der momentan eskalierenden Konflikte schliesslich auch für die Geldpolitik anderer Länder interessiert, war unvermeidbar. Bereits seit langem beschuldigt er China, den Renminbi künstlich niedrig zu halten (sogar dann, als genau das Gegenteil der Fall war). Als Antwort auf die jüngste Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, eine neue QE-Runde zu beginnen, schrieb Trump auf Twitter: «Damit kommen sie schon seit Jahren durch, gemeinsam mit China und anderen.»

Universalwährung Bancor

Wie bereits in den Dreissigern sind Währungskriege für diejenigen, die die Geopolitik als Nullsummenspiel sehen, sehr attraktiv. Greift Trump die EZB an, geht es ihm zwar teilweise um den Handel, aber er will damit auch einen Keil zwischen die EU-Mitgliedstaaten treiben. Wie Kritiker der Eurozone-Geldpolitik schon seit langem beklagen, geniesst Deutschland innerhalb des Euros einen niedrigeren Wechselkurs als seinerzeit mit der Deutschen Mark. Laut Trump betreibt Deutschland eine merkantilistische Politik, um die eigenen Exporte zu unterstützen, obwohl die Bretton-Woods-Ordnung unter US-Führung genau dazu gedacht war, Merkantilismus und den damit verbundenen Abwertungskampf zu verhindern.

Trotzdem hätte die Nachkriegsordnung in dieser Hinsicht laut John Maynard Keynes, einem der Architekten von Bretton Woods, noch viel weiter gehen sollen: Damals schlug er institutionelle Kontrollen vor, um Länder mit hohen Überschüssen oder Defiziten bestrafen zu können. Die Bestrafung von Handelsungleichgewichten hätte zu seinem Plan für ein neues globales Geldsystem gepasst, das auf einer universalen synthetischen Währung mit dem Namen Bancor beruhen sollte (ein französisches Kunstwort für von Banken erschaffenes Gold).

Wie Draghi in seiner Rede, die Trump wütend machte, erklärte, war der Euro ursprünglich als Mechanismus zur Verhinderung von Abwertungskämpfen gedacht. Seit Keynes gab es viele Ansätze, die Idee einer nichtstaatlichen allgemeinen Währung wiederzubeleben – darunter die des Ökonomen Robert A. Mundell in den Sechzigern –, die aber alle vergeblich waren.

Libra kommt ins Spiel

Jetzt aber wird eine globale Währung erneut möglich, und zwar dank neuer Technologien. Erst im vergangenen Monat hat Facebook Pläne für die Digitalwährung Libra enthüllt, die an einen Korb staatlicher Währungen gebunden werden soll. Laut Facebook dient diese Initiative dazu, die Ärmsten der Welt zu erreichen, darunter viele der 1,7 Mrd. Menschen ohne Bankkonto.

Um zu gewährleisten, dass Libra nicht als Instrument finanzieller Spekulation dient, sondern in erster Linie als Tauschmittel, ist eine grosse Anzahl von Nutzern entscheidend. Dies macht Libra zur Antithese zu den Blockchain-Währungen der ersten Generation wie Bitcoin, die durch den Prozess des Schürfens einer künstlichen Knappheit unterworfen sind. Natürlich wirken die überwiegend negativen Reaktionen auf Facebooks Libra-Ankündigung entmutigend. Aber wird eine alternative Währung durch eine Vielzahl weit gestreuter Sicherheiten gedeckt, ist sie nicht so destabilisierend, wie ihre Kritiker behaupten.

Löhne in nichtstaatlicher Währung

Mit einer wahrhaft universellen Währung könnten die Nutzer Güter und Dienstleistungen kaufen und verkaufen, darunter auch Arbeitskraft. In diesem Fall werden die Löhne in einer nichtstaatlichen Währung festgelegt. Eine solche neue Ordnung würde die Existenz mehrerer Währungen in einem Gebiet wie einen Rückschritt zur vormodernen Welt erscheinen lassen, als Gold- und Silbermünzen untereinander im Wert schwankten. Und dies wäre vielleicht nicht schlecht.

Erinnern wir uns, dass die Wertschwankungen von Gold und Silber grössere Lohnflexibilität und damit eine geringere Arbeitslosigkeit ermöglichten. Je grösser das Gebiet ist, in dem eine globale Währung gilt (oder mehrere globale Währungen gelten), desto weniger wahrscheinlich wird ein Währungskrieg. Durch Technologie wird der Traum des 20. Jahrhunderts von einem globalen Geldsystem erneuert, das frei von den Störungen durch wirtschaftlichen Nationalismus ist. Der Schlüssel dazu ist, die Verbindung zwischen Geld und Nationalstaat zu kappen – womit der Euro bereits begonnen hat.

Copyright: Project Syndicate.

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