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Märkte / Makro

«Einfache Regeln für die Rentenanpassung»

Axel Börsch-Supan, der führende Altersökonom Deutschlands, warnt davor, dass Regierungen den Reformweg beim Pensionssystem verlassen.

Börsch-Supan plädiert im Interview für Regeln, um das Rentensystem automatisch zu stabilisieren, denn die Demografie verändere sich zu schleichend für die Politik. FuW traf ihn bei einer Veranstaltung des UBS (UBSG 16.72 -1.7%) International Center of Economics in Society.

Herr Börsch-Supan, was ist der eindrücklichste Effekt der Alterung? Die unsichere Rente oder die steigenden Gesundheitskosten?
Nein, es sind zwei Dinge, die sich beide auf die Menschen beziehen. Man schaut auf die Strasse, und es sind keine Kinder da. Das Gegenstück dazu ist der Vergleich, wie ein Sechzigjähriger heute aussieht und wie ein Sechzigjähriger vor dreissig Jahren aussah. Dann ist man erstaunt: Die Alten sehen heute viel jünger aus. Und es gibt, anders als damals, heute Achtzigjährige, die nicht wie Greise aussehen. Diese Janusköpfigkeit der Alterung ist am eindrucksvollsten, weil sie die Psyche der Menschen bestimmt: das Fehlen von Kinder negativ, aber das gesündere Älterwerden positiv.

Wie wichtig sind Kinder für die Gesellschaft?
Die Wirtschaft braucht die Innovationen der Jüngeren. Von dort kommen die meisten neuen Ideen. Auch wenn die Umsetzung in marktgängige Produkte eher über Ältere stattfindet. Bei neuen Produkten sind die Jüngeren stärker, bei Prozessinnovationen eher die erfahrenen Älteren. Es ist ein Wechselspiel zwischen Jung und Alt. Und am Lebensende brauchen wir die Liebe unserer Kinder. Diesen wichtigen Aspekt vergisst man oft. Man kann sich viel kaufen, aber die Liebe der Kinder nicht.

Für die Rente gibt es das umlagefinanzierte Modell, in der Schweiz die AHV. Daneben die zweite Säule, die kapitalgedeckten Pensionskassen. Weniger Kinder sind bei der Pensionskasse kein Problem, oder?
Die Kinder finanzieren immer unsere Rente – im Umlage- wie auch im Kapitaldeckungsverfahren. Denn die Rendite auf das Kapital kommt auch von Kindern. Ein einfaches Beispiel: Würde es keinen Nachwuchs mehr geben, dann wäre das Haus, das Unternehmen oder das Geld auf der Bank nichts mehr wert, wenn ich in Rente gehe. Um Rendite zu erwirtschaften, braucht es eine produktive Wirtschaft, und die gibt es nur mit ausreichend Kindern.

Es ist also nicht wichtig, wie die Rente finanziert wird?
Doch, das ist sehr wichtig. Denn das entscheidet, wer die Rente bezahlt. Im Kapitaldeckungsverfahren muss die jüngere Generation nicht für mich bezahlen. Ich lege mit meinem eigenen Geld vor und belaste mit meiner Rente nicht die Jungen. Die kapitalgedeckte Rente wird immer wieder mit der Höhe ihrer Rendite begründet. Dabei geht es vor allem um Generationengerechtigkeit.

Blüht uns mit der Alterung ein japanisches Szenario mit Deflation und Ewig-Tiefzinsen?
Ich glaube nicht, dass die Alterung die Probleme Japans zu verantworten hat. So zeigt eine Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, BIZ, dass die Alterung eher inflationär wirkt. In Japan wurden Strukturreformen versäumt. Von den drei Pfeilen, die Premier Shinzo Abe angekündigt hatte, ist das der dritte. Aber er wurde nie abgeschossen. Hier liegt das eigentliche Problem Japans.

Wie verändert sich die Gesellschaft durch die Alterung und die geringe Kinderzahl?
Das wird sehr graduell ablaufen. Das ist das Gefährliche im politischen Prozess. Ein Jahr oder weniger spielt dabei keine Rolle. Aber gerade deswegen schiebt eine Regierung die notwendigen Anpassungen auf die Nachfolger ab. Wenn man das zu oft hintereinander macht, sind plötzlich zwanzig Jahre vergangen. Die Politik muss am Ball bleiben.

Was fordern Sie von der Politik?
Ich plädiere für einfache Regeln bei der Rentenanpassung, sodass sich die Rente automatisch stabilisiert. Wenn die Lebenserwartung um drei Jahre steigt, sollte das Renteneintrittsalter um zwei Jahre nach hinten geschoben werden. Dagegen sehen wir in Deutschland ein Vor- und Zurückspringen. Nun werden Reformen zurückgenommen.

Muss man die Wirtschaft auf die demografische Verschiebung vorbereiten?
Darauf richtet sich die Wirtschaft schon allein ein, man darf sich aber den Anpassungen nicht in den Weg stellen. In Zukunft muss die Produktion bei weniger Erwerbstätigen kapitalintensiver sein – also mit einem grösseren Einsatz von Maschinen und Robotern. Es wird mehr im Ausland produziert, was viele Unternehmen ja heute schon tun. Der demografische Wandel bringt keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch, aber es wird grosse Strukturveränderungen geben – auch global. Viele Leute stellen sich diesem Prozess in den Weg, indem sie gegen Maschinisierung oder Diversifizierung ins Ausland sind. Das ist unklug.

Braucht es mehr Sozialpolitik, um die Kinderzahl in Europa zu fördern?
Es kommt darauf an. Wenn die Bevölkerung daran gewöhnt ist, dass der Staat immer alles richtet, hilft wohl die Sozialpolitik. In den USA ist man eher selbständig. Der Vergleich mit den USA zeigt, dass die niedrige Geburtenrate andere Ursachen hat. In Deutschland sind es oft praktische Dinge, die es schwer machen, Beruf und Familie zu vereinen. Anders als in angelsächsischen Ländern funktionieren banale Dinge oft nicht.

Aber ist es in den USA nicht so, dass die Einwanderer die meisten Kinder bekommen?
In den USA bekommt auch die weisse Mittelschicht mehr Kinder als die Europäer. Oft wird es so dargestellt, als seien die USA das Einwanderungsland per se. Aber die Immigration nach Deutschland war vergangenes Jahr pro Kopf dreimal so hoch wie in die USA. Auch langfristig ist die Einwanderung nach Deutschland und in die Schweiz sehr hoch. Die Schweiz fällt etwas aus dem Rahmen, da hier die Drehtürimmigration vorherrscht: Es kommen viele hinein, es wandern auch viele ab.

Können Flüchtlinge die Alterung stoppen?
Jeder gut ausgebildete Einwanderer ist ein Gewinn für eine alternde Gesellschaft. Aber die Alterung ist zu massiv. 2030 gibt es in Deutschland etwa 9 Mio. Erwerbstätige weniger als heute. Die Gesellschaft kann so viele Menschen nicht integrieren.