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Einst Japan, heute China

Wie die Attacken auf Japan in den Achtzigerjahren blenden die heutigen Ausfälle gegen China Amerikas gesamtwirtschaftlichen Kontext aus. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Die Verknüpfung zwischen Ersparnissen und Handelsungleichgewichten wurde kaum gewürdigt.»

«Wenn Regierungen das Fälschen oder Kopieren amerikanischer Produkte zulassen, ist das ein Diebstahl unserer Zukunft und kein Freihandel mehr», sagte US-Präsident Ronald Reagan in Bezug auf Japan 1985. Das heutige Geschehen ähnelt in vieler Hinsicht einem Remake dieses Films aus den Achtzigerjahren, mit dem Unterschied, dass ein Reality-TV-Star einen Hollywood-Filmstar in der Hauptrolle des Präsidenten ersetzt hat – und dass es an der Stelle Japans heute einen neuen Bösewicht gibt.

In den Achtzigerjahren wurde Japan als Amerikas grösste wirtschaftliche Bedrohung dargestellt – aufgrund von Vorwürfen über den Diebstahl geistigen Eigentums, aus Besorgnis über Währungsmanipulationen, staatliche Industriepolitik, die Aushöhlung der produzierenden Industrie der USA und ein übergrosses bilaterales Handelsdefizit. Japan gab in seiner Konfrontation mit den USA nach, zahlte jedoch einen hohen Preis dafür – fast drei «verlorene» Jahrzehnte wirtschaftlicher Stagnation und Deflation. Das gleiche Skript ist heute für China vorgesehen.

Suche nach Sündenbock

Ungeachtet des anstössigen Merkantilismus beider Länder hatten Japan und China noch etwas anderes gemeinsam: Sie sind Opfer der unglückseligen Gewohnheit Amerikas, andere zum Sündenbock der eigenen wirtschaftlichen Probleme zu machen. Wie das verbale Einprügeln auf Japan in den Achtzigerjahren ist das Einprügeln auf China heute ein Auswuchs der zunehmend heimtückischen gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichte Amerikas. In beiden Fällen löste ein dramatischer Mangel an nationalen Ersparnissen in den USA grosse Leistungsbilanz- und Handelsdefizite aus und bereitete die Bühne für zwei dreissig Jahre auseinanderliegende Schlachten mit Asiens beiden Wirtschaftsgiganten.

Als Reagan 1981 sein Amt antrat, betrug die nationale Nettosparquote 7,8% des Volkseinkommens, und die Leistungsbilanz war im Wesentlichen ausgeglichen. Binnen zweieinhalb Jahren war die nationale Sparquote dank Reagans Steuersenkungen auf 3,7% geschrumpft, und Leistungsbilanz- und Warenhandelsbilanz wurden dauerhaft negativ. In dieser Hinsicht war Amerikas sogenanntes Handelsproblem weitestgehend hausgemacht.

Doch die Regierung Reagan verschloss die Augen vor den Tatsachen. Die Verknüpfung zwischen Ersparnissen und Handelsungleichgewichten wurde kaum  gewürdigt. Stattdessen schob man Japan, auf das in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre 42% des US-Handelsdefizits mit Waren entfielen, die Schuld zu. Die Attacken auf Japan gewannen dann eine Eigendynamik mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Beschwerden über unfaire und ungesetzliche Handelspraktiken.

Dreissig Jahre später sind die Ähnlichkeiten offensichtlich. Anders als Reagan erbte Präsident Trump keine US-Wirtschaft mit einem grossen Reservoir an Ersparnissen. Als Trump  2017 ins Amt kam, betrug die nationale Sparquote bloss 3%, weniger als die Hälfte des Werts zu Beginn der Reagan-Ära. Doch wie Reagan optierte auch Trump für grosse Steuersenkungen.

Das Ergebnis war ein vorhersehbarer Anstieg des Bundesdefizits, der die zyklische Zunahme der privaten Ersparnisse, die mit einer fortgeschrittenen wirtschaftlichen Expansion gewöhnlich einhergeht, mehr als ausglich. Infolgedessen sank die nationale Nettosparquote tatsächlich bis Ende 2018 leicht auf 2,8%, was Amerikas internationale Bilanzen tief in den roten Zahlen hielt – mit einem Leistungsbilanzdefizit von 2,6% des BIP und einer Lücke im Warenhandel von 4,5% Ende 2018.

An diesem Punkt erhielt China die Rolle, die Japan einst spielte. Oberflächlich betrachtet scheint die Bedrohung düsterer. Schliesslich entfielen 2018 auf China 48% des US-Warenhandelsdefizits, verglichen mit Japans Anteil von 42% in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre. Doch dieser Vergleich wird durch globale Lieferketten verzerrt, die seinerzeit noch nicht existierten. Etwa 35 bis 40% des bilateralen Handelsdefizits der USA gegenüber China dürften Vorprodukte von ausserhalb des Landes betreffen, die allerdings in China montiert und dann von dort aus in die USA verschifft werden. Der in China gefertigte Anteil des heutigen US-Handelsdefizits ist also tatsächlich kleiner als Japans Anteil während der Achtzigerjahre.

Wie früher die Attacken auf Japan blenden die heutigen Ausfälle gegen China Amerikas umfassenderen gesamtwirtschaftlichen Kontext bequemerweise aus. Dies ist ein schwerer Fehler. Ohne eine Zunahme der nationalen Ersparnisse – die angesichts der aktuellen Haushaltspolitik unwahrscheinlich ist – wird sich der Handel schlicht von China auf andere Handelspartner verlagern, vermutlich zu teureren Anbietern: Die amerikanischen Verbraucher werden so mit dem funktionalen Äquivalent einer Steuererhöhung bestraft.

In beiden Episoden verschlossen die USA die Augen in einem Mass vor der Realität, das an Wahnhaftigkeit grenzt. Die Reagan-Regierung versäumte es, die Verknüpfungen zwischen steigenden Haushalts- und Handelsdefiziten zu würdigen. Heute ist die verführerische Macht niedriger Zinsen für die Trump-Regierung und einen parteiübergreifenden Konsens der China-Basher im US-Kongress auf gleiche Weise verlockend.

Die gesamtwirtschaftlichen Einschränkungen, denen eine unter zu geringen Ersparnissen leidende US-Wirtschaft ausgesetzt ist, werden aus gutem Grund ignoriert: Es gibt in den USA keine politische Unterstützung für eine Verringerung der Handelsdefizite durch das Senken der Haushaltsdefizite und damit durch das Erhöhen der nationalen Ersparnisse.

Alles auf einmal geht nicht

Amerika will alles auf einmal: ein Gesundheitssystem, das 18% seines BIP schluckt, ein Militärbudget, das die Gesamtsumme der sieben weltweit nächstgrössten Militärbudgets übersteigt, und Steuersenkungen, die die Einnahmen Washingtons auf 16,5% des BIP reduziert haben, was deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen fünfzig Jahre von 17,4% liegt.

Dieses Remake eines alten Spielfilms ist beunruhigend. Die USA finden es einmal mehr deutlich einfacher, auf andere – damals Japan, heute China – einzuprügeln, als im Rahmen ihrer Verhältnisse zu leben. Diesmal jedoch könnte der Film ein völlig anderes Ende nehmen.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Willy Huber 04.06.2019 - 15:53
Der Vergleich früher Japan, heute China, ist sehr treffend. Allerdings besteht ein deutlicher, nahezu abgrundtiefer Unterschied: Im heutigen China existiert ein absolutes kommunistisches Parteidiktat, und die Mehrheit der Chinesen werden mit allen Mitteln des Staates (also dem Alleinherrscher Xi Jinping) zu programmierbaren Marionetten, Arbeitsbienen oder – ameisen degradiert. Das war in Japan in den Achtziger Jahren nicht so (obwohl sich… Weiterlesen »