Meinungen

Ende eines chinesischen Tycoons

Wu Xiaohui, Chef des grössten privaten Versicherungskonzerns Chinas, ist verschwunden. Der Vorfall zeigt, dass Xi Jinping keine Steine in den Weg gelegt werden sollen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«Dem laufenden Kampf gegen Finanzexzesse ist eine ganze Reihe von prominenten Investoren zum Opfer gefallen.»

Es ächzt in Chinas Gebälk. Das muss nicht heissen, dass die weltweit zweitgrösste Volkswirtschaft am Rande einer Krise steht. Sicherlich jedoch befinden sich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in einem rasanten Wandel. Das zeigt sich nicht nur daran, dass die politische Repression seit einiger Zeit zunimmt, sondern auch daran, dass die Regierung immer eindringlicher von den im überhitzten Finanzsystem schlummernden Risiken warnt.

Den Worten sind Taten gefolgt. Nach Jahren rekordhohen Kreditwachstums hat die Notenbank die geldpolitische Bremse angezogen. Dazu haben die Aufsichtsbehörden der Finanzindustrie, die mit immer neuen Produkten ein unübersichtliches Schattenbankensystem geschaffen hat, seit dem Börsencrash vom Sommer 2015 ein engeres Korsett gegeben. Dem laufenden Kampf gegen Finanzexzesse ist auch eine ganze Reihe von prominenten Investoren zum Opfer gefallen.

Das jüngste Beispiel ist Wu Xiaohui, Chef von Anbang Insurance, dem grössten privaten Versicherungskonzern Chinas. Wu, der dank guten politischen Beziehungen, billigem Geld und exotischen Finanzprodukten trotz Warnungen  der Regierung auch die Auslandexpansion von Anbang vorangetrieben hat, ist Ende der Vorwoche von der Bildfläche verschwunden. Vieles deutet darauf hin, dass er von den Sicherheitskräften in Gewahrsam genommen worden ist und wegen mutmasslicher korrupter Praktiken befragt wird.

Lange sah die Regierung über das im Land weit verbreitete Schmieren von Beamten oder Politikern hinweg. Das hat sich jedoch spätestens nach dem Aufstieg von Präsident Xi Jinping an die Spitze von Staat und der Kommunistischen Partei geändert. Während seiner fünf Jahre im Amt sind mächtige interne Rivalen über Schmiergeldaffären gestolpert. Dabei ist es aber oft unklar geblieben, wo der Kampf gegen die Korruption aufhörte und wo politische Repression anfing.

Dieser Tage herrscht in China erhöhte Nervosität, steht im Herbst doch der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei an, an dem wahrscheinlich fünf der sieben Mitglieder des allmächtigen Politbüros wegen des Überschreitens der Altersgrenze ersetzt werden müssen.

Dabei wird mit Spannung erwartet, ob an diesem alle fünf Jahre stattfindenden Ereignis Getreue Xis nachrücken werden und, vor allem, ob der bereits 68-jährige Wang Qishan entgegen dem Brauch sein Amt behalten kann. Wang gilt als einer der engsten Verbündeten Xis und treibt als Sekretär der Disziplinarkontrollkommission an vorderster Front die Antikorruptionskampagne voran.

An der personellen Zusammensetzung des neuen Politbüros wird sich ablesen lassen, ob Xi sich gegen seine Rivalen als die unbestrittene Nummer eins Chinas durchsetzen konnte. Dass gerade jetzt ein politisch bestens vernetzter Tycoon wie Wu in die Fänge der Staatssicherheit geraten ist, zeigt wohl auch, dass Xi keine Steine in den Weg gelegt werden sollen.

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